Hotel Silber in Stuttgart Geschichtsunterricht am authentischen Ort

Von Dietrich Heißenbüttel 

Der Leiter der Stiftung Topographie des Terrors,  Andreas Nachama, befürwortet den Erhalt des Hotels Silber als Erinnerungsstätte.

Das Hotel Silber in der Dorotheenstraße ist ein ehemaliges Gestapo-Hauptquartier - und soll möglicherweise abgerissen werden.  Foto: Steinert
Das Hotel Silber in der Dorotheenstraße ist ein ehemaliges Gestapo-Hauptquartier - und soll möglicherweise abgerissen werden. Foto: Steinert

Stuttgart - In der Diskussion, ob das ehemalige Hotel Silber in der Stuttgarter Dorotheenstraße abgerissen oder als Erinnerungsort der Gestapozentrale des Landes erhalten bleiben sollte, wird häufig das Argument vorgebracht, aus der entsprechenden Zeit sei in dem Gebäude ohnehin nichts erhalten. Im Stuttgarter Literaturhaus war nun auf Einladung des Architekturforums Andreas Nachama, der Leiter der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, zu Gast. Dort war von der ehemaligen Gestapozentrale um 1980 überhaupt nichts mehr übrig und kaum etwas in Erinnerung geblieben. Das Grundstück in unmittelbarer Nähe der Mauer diente als Schuttabladeplatz.

"Kunstgewerbemuseum soll wieder aufgebaut werden", titelten damals die Zeitungen, was einen Aufschrei hervorrief. Es war nicht mehr bekannt, dass das ehemalige Museum der Gropiusbau war, während die Gestapo sich in der benachbarten Kunstgewerbeschule einquartiert hatte. Nachama erzählte, wie es schließlich zur Gründung der Gedenkstätte kam, indem er zunächst fragte: Warum erinnern wir uns und wie? Wozu betreiben wir Geschichtsschreibung? Nachdem Geschichte lange Zeit nur die Geschichte der Herrscher und später der Nationalstaaten war, verkörpert auch in Historienbildern und Kriegerdenkmälern, entstanden im letzten Jahrhundert neue Formen der Geschichtsschreibung. Als Europa 1945 in Schutt und Asche lag und Millionen ums Leben gekommen waren, stellten sich viele die Frage: Wie konnte es so weit kommen?

Ein authentischer Ort, an dem Menschen aus der Geschichte lernen können

Es waren Privatleute - manchmal auch herablassend als Turnschuh-Historiker bezeichnet -, so Nachama, die herausfanden, dass sich am Ort manch harmloser Grünanlage zuvor eine Synagoge befunden hatte. Rund 800 Publikationen erschienen damals in der Bundesrepublik und Berlin. Der "zweite große Schub" entstand durch den US-amerikanischen Fernsehfilm "Holocaust" sowie Veranstaltungen zum fünfzigsten Jahrestag der Machtergreifung. Eine "politische Bildungsarbeit in großem Stil" setzte ein. Politiker hätten diese Bewegung zum Teil unterstützt, wären "aber nie von sich aus auf die Idee gekommen, einen solchen Ort einzurichten".

Die weitere Geschichte ist bekannt: Zwei missglückte, schlecht ausgeschriebene Architekturwettbewerbe, deren zweiten der Schweizer Architekt Peter Zumthor mit einem Entwurf gewann, der in der Realisierung viel zu teuer war und kaum mehr als zehn Jahre haltbar gewesen wäre; die Entdeckung der Küchenkeller und schließlich die heutige Gedenkstätte unter dem Dach einer Stiftung mit 500.000 Besuchern im Jahr. Die Leute kämen, "weil sie einen authentischen Ort besuchen wollen", so Nachama, das sei viel eindrucksvoller als "fünf Fotos in einer Dokumentation". Und dies, obwohl "an dem Gebäude eigentlich nichts Besonderes dran ist".

Nachama wird immer wieder von jüngeren Besuchern gefragt, was diese Geschichte eigentlich für uns heute noch bedeute. Für ihn hat sie "leider immer noch große Aktualität". "Was passiert, wenn Polizeigewalt nicht durch Justiz kontrolliert wird?", fragt er mit Blick auf die jüngere Geschichte etwa von Südafrika oder Argentinien, das sich in Zeiten der Militärjunta unmittelbar an Gestapomethoden orientierte. Wichtig ist für ihn, dass es einen authentischen Ort gibt, an dem Menschen sich informieren können, zu dem Schulklassen kommen, um sich mit der Geschichte zu beschäftigen. "Man kann aus der Geschichte lernen", behauptet Nachama. Stuttgart sei die einzige Großstadt in Deutschland, die noch über keine Gedenkstätte verfüge. Und gerade das Hotel Silber als Gestapohauptquartier des Landes sei "wie kein zweites Gebäude geeignet, diese Geschichte zu dokumentieren".