Das Hotel Silber in Stuttgart soll in eine Gedenkstätte umgebaut werden. Die frühere Gestapozentrale in Köln könnte das Vorbild dafür sein.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart/Köln - Niemand ist damals gern an der Gestapozentrale am Kölner Appellhofplatz, der keine zehn Minuten vom Dom entfernt liegt, vorbeigegangen: denn das Haus hatte eine düstere Aura, manchmal hörte man Schreie aus dem Keller, und meist stank es furchtbar. Was erst später bekannt wurde: oft waren bis zu 30 Personen in einer der zehn kleinen Zellen zusammengepfercht gewesen, und die Notdurft musste in einen Kübel verrichtet werden. Auch munkelte man von Hinrichtungen – wie sich nach dem Krieg herausstellte, sind im Hinterhof etwa 400 Menschen, die die Nazis für Reichsfeinde hielten, erschossen oder erhängt worden. „Einmal hörte ich von der Elisenstraße her ein fürchterliches Geschrei“, erinnert sich die Anwohnerin Wilhelmine Hömens: „Man konnte den Schreien entnehmen, dass es sich um Menschen handelte, die ihren Tod vor Augen sahen.“

Verblüffende Parallelen

Im Jahr 1981 war in diesem sogenannten EL-DE-Haus (die Initialen stehen für den Erbauer Leopold Dahmen) eine Gedenkstätte eröffnet worden, die im Laufe der Zeit zu einem NS-Dokumentationszentrum ausgebaut worden ist. Der Besuch in Köln ist vor allem spannend, weil dieses Haus die Blaupause sein könnte für das Hotel Silber in Stuttgart, das nach dem Willen der Landesregierung nun ebenfalls in eine Gedenkstätte umgebaut werden soll.

Die Parallelen sind in der Tat verblüffend. In beiden Häusern saß von Mitte der 1930er Jahre an die Gestapo und betrieb im Keller ein eigenes Gefängnis, in dem gefoltert und getötet wurde. Beide Häuser haben eine edle Herkunft: In Stuttgart beherbergte das Gebäude lange ein Luxushotel, in Köln war das Haus als nobles Geschäftshaus gedacht gewesen – der Marmor auf dem Boden und an den Wänden reicht bis zum Treppenabgang, von wo die Opfer zu den Haftzellen hinabgestoßen wurden.

Bürgerinitiativen haben sich stark gemacht

Beide Gedenkstätten gehen auf eine Bürgerinitiative zurück: In Stuttgart hat die Initiative Hotel Silber um Harald Stingele für den Erhalt des Hauses gekämpft, in Köln hatten sich Ende der 1970er Jahre Bürger in den Keller, der vom städtischen Rechtsamt genutzt worden war, einschließen lassen, um nachts Fotos zu machen, die sie dann der Öffentlichkeit präsentierten.

Einen großen Unterschied gibt es aber: wer in den Keller des EL-DE-Hauses hinabsteigt, könnte glauben, die Folterstätte sei gerade erst verlassen worden. Denn die Stadt Köln hat die Zellen nach dem Krieg als Lagerstätte verwendet, und diesem „Glücksfall“ ist es zu verdanken, dass alles erhalten blieb: Die Schlüssel klicken noch in den alten Zellentüren, die Wände sind mit 1800 Inschriften übersät („Oh, ich sterbe in der Blüte des Lebens. Lebt wohl!“), der kleine fensterlose Raum für die „verschärften Verhöre“ ist noch da, und unter einer Treppe fand man sogar die Spritze, mit der man die Zellen desinfiziert hatte.

„Stachel im Fleisch der Stadtgesellschaft“

In Stuttgart ist außer einer Kellertür nichts mehr von der damaligen Einrichtung erhalten. Werner Jung, der Leiter des Kölner NS-Dokumentationszentrums, sieht das Hotel Silber in Stuttgart dennoch als authentischen Ort an, der die Besucher berühren wird: „Es war unsäglich, das Haus abreißen zu wollen. Stuttgart hat jetzt die einmalige Chance, die Gestapogeschichte aufzuarbeiten.“ Er gibt Land und Stadt für das Konzept des Zentrums einen Rat, der sich in zwei Worte fassen lässt: „Think big – denkt groß“. Nur wenn die Gedenkstätte eine gewisse Bedeutung habe, könne sie zum „Stachel im Fleisch der Stadtgesellschaft“ werden, als den sich auch das EL-DE-Haus in Köln sieht.

Stolze 30 Jahre sind die Kölner den Stuttgartern voraus – doch angefangen hat alles ganz klein, nur mit der Gedenkstätte im Keller. Später kam die Dauerausstellung im ersten und zweiten Stock hinzu, die die Zeit des Nationalsozialismus in Köln beleuchtet. Eine Bibliothek mit 17 000 Bänden, eine Forschungsstelle und – allerdings erst seit drei Jahren – ein pädagogisches Angebot gehören nun ebenso zum Zentrum wie eine Dokumentationsstelle: Zum Beispiel wurden Videointerviews mit 100 Zeitzeugen angefertigt. Auch eine Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus ist dem EL-DE-Haus mittlerweile angeschlossen.

Gedenken, Lernen und Forschen gehören zusammen

„Es war ein langer und steiniger Weg, bis wir unsere jetzige Größe erreicht haben“, sagt Werner Jung, der selbst schon seit 1986 in der Einrichtung tätig ist. Er plädiert gerade aus dieser Erfahrung heraus, in Stuttgart alle Bereiche – Gedenkstätte, Ausstellung, Forschung und Pädagogik – zumindest im Kleinen anzulegen: „Sonst kommt es vielleicht nie.“

Davon nämlich ist der Direktor zutiefst überzeugt: Gedenken, Lernen und Forschen seien wesentlich für eine funktionierende Einrichtung und gehörten zusammen. „Ohne Forschung vertrocknet der Ort innerhalb von drei Jahren, weil keine neuen Impulse für die Ausstellung und die Pädagogik mehr kommen.“

Rund 1900 Quadratmeter Fläche beansprucht das Dokumentationszentrum heute – und in diesem Jahr kommen noch 1000 Quadratmeter hinzu. Die Wände zum Nachbarhaus werden durchbrochen, um ein „Geschichtslabor“ für Schüler einrichten zu können. Und endlich wird der Hof, in dem die Menschen ermordet wurden, in die Gedenkstätte einbezogen. Bisher standen dort Müllcontainer. „Das war eigentlich eine Schande für Köln“, sagt Jung. In Stuttgart ist derzeit die Rede davon, die linke Hälfte des Hauses für das Zentrum zu nutzen. Das wären ungefähr 1500 Quadratmeter: „Für uns wäre das ein sehr guter Einstieg“, sagt Harald Stingele.

Stadt will sich am Betrieb der Gedenkstätte nicht beteiligen

Man sieht aber, dass das EL-DE-Haus mit seinen 21 Mitarbeitern (darunter acht Historiker mit Forschungsauftrag) eine lange Entstehungsgeschichte besitzt. Es ist aber heute, zumindest in Maßstäben vergleichbarer Einrichtungen gerechnet, unglaublich erfolgreich. Im vergangenen Jahr haben 56 000 Menschen das Museum besucht; das Stuttgarter Linden-Museum hat beispielsweise 84 000 Besucher. Der Andrang in Köln ist so groß, dass Werner Jung die Öffnungszeiten um zwei Stunden täglich verlängert hat. Es haben 1300 Führungen und 183 Veranstaltungen stattgefunden. Und 2010 bei der Langen Nacht der Museen haben die Nachtschwärmer das Haus sogar auf Platz 1 gewählt, noch vor dem Schokoladenmuseum.

Das rein kommunale NS-Dokumentationszentrum ist damit aus der kulturellen Landschaft Kölns nicht mehr wegzudenken. Das lässt sich die Stadt übrigens jährlich 1,8 Millionen Euro kosten. In Stuttgart dagegen gehört das Hotel Silber dem Land. Und die Stadt ist nicht einmal bereit, sich am Betrieb der Gedenkstätte zu beteiligen.