Hotels als Aufnahmestätten Die Flüchtlingskrise als Unternehmensretter

Im Aparthotel am Autohof in Stuttgart-Wangen wohnen seit September 2013 Flüchtlinge. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Im Aparthotel am Autohof in Stuttgart-Wangen wohnen seit September 2013 Flüchtlinge. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Schlecht laufende Hotels werden umfunktioniert und bieten Geflüchteten Obdach. Das Nachsehen haben die Mitarbeiter, der Steuerzahler – und am Ende womöglich die Hotels selbst.

Ludwigsburg: Philipp Obergassner (pho)
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Stuttgart - Für viele in die Jahre gekommene ­Hotels ist die Flüchtlingskrise eine Chance, ihren Betrieb zu retten. Denn mit der Verpachtung an Kommunen und Landkreise können angeschlagene Betriebe eine Abwärtsspirale durchbrechen, an deren Ende die Insolvenz stünde. Weil über Jahre hinweg nichts investiert wurde, ist die Bausubstanz marode, weswegen die Gäste ausbleiben. Dadurch wiederum kommt weniger Geld rein, das für die Sanierungen benötigt wird. „Mit einer Vermietung an Landkreise und Städte können angeschlagene Hotels wieder Liquidität aufbauen“, sagt der Hotelberater Gustav Burckschat.

Von der Umfunktionierung können alle Seiten profitieren: die Hotelbetreiber, die sich damit konstante Einnahmen sichern, die Kommunen, die nach wie vor hände­ringend um Unterkünfte für die ihnen zugewiesenen Flüchtlinge suchen, und die Flüchtlinge selbst, die statt in Zeltstädten oder Turnhallen menschenwürdig untergebracht sind. Doch so einfach ist es nicht. Die Konstellation bringt auch Nachteile mit sich, vor allem für die Mitarbeiter, indirekt für den Steuerzahler und am Ende womöglich auch für den Hotelbetreiber selbst.

In Halle fühlten sich die Maritim-Mitarbeiter überrumpelt

Ein Beispiel ging im vergangenen September durch die Medien: Das Maritim-Hotel in Halle (Saale) wurde mit seinen 298 Zimmern zu einer Zentralen Aufnahmestätte für Flüchtlinge umfunktioniert, das Land Sachsen-Anhalt mietete das Objekt für drei Jahre an. Die 59 Hotelmitarbeiter erfuhren aus den Medien, dass der Hotelbetrieb binnen einen Monats eingestellt wird und sie damit ihren Job los waren. „Die Mitarbeiter fühlen sich vom Unternehmen und der Politik überrumpelt und im Stich gelassen“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Andreas Lehmann damals.

Halle ist kein Einzelfall. Wie viele Hotels und Herbergen in den vergangenen Monaten zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert wurden, ist nicht bekannt, da es nirgendwo zentral erfasst wird. Experten schätzen eine vierstellige Gesamtzahl. Allein in Stuttgart gibt es sechs Unterkünfte mit „Pensions- oder Hotelcharakter“, wie es ein Sprecher der Stadt ausdrückt. Auch der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) führt dazu keine Statistik und rät den Hotelbetreibern weder zu noch ab: „Das ist die Entscheidung jedes Unternehmens, wie es sein Haus belegt“, sagt ein Dehoga-Sprecher. Naheliegend wäre es jedoch, immerhin seien die Immobilien „zur Unterbringung gebaut“. Hotelberater Burckschat empfiehlt den Betreibern, im Vertrag mit der Kommune explizit zu regeln, wer für Beschädigungen aufkommen muss: „Sonst zahlt man am Ende noch drauf.“

Die Gewerkschaft vermisst das Fingerspitzengefühl

Rechtlich sind die Hotels bei der Kündigung ihrer Mitarbeiter auf der sicheren Seite, denn bei einer Betriebsaufgabe besteht kein Anspruch auf Weiterbeschäftigung. Guido Zeitler von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) vermisst in Halle jedoch das „Fingerspitzengefühl“ bei der Geschäftsleitung: „Hier werden Schwache gegen noch Schwächere ausgespielt.“ So entstünde der Eindruck, dass die Flüchtlinge den Hotelmitarbeitern ihre Jobs weggenommen hätten. „Das ist brandgefährlich.“ Besonders für ältere Mitarbeiter sei der Arbeitsplatzverlust drastisch.

Ob das Hotel auf seine Mitarbeiter verzichtet, ist Sache des Hoteliers – manche Betreiber machen in den Vertragsverhandlungen zur Bedingung, dass das Personal bleiben darf. Finanziell attraktiver ist es jedoch, die Personalkosten zu sparen und die Betreuung von den Sozialarbeitern der Kommune übernehmen zu lassen.

Zeitler legt noch eine Schippe drauf: Schlecht laufende Hotels mit Sanierungsrückstand würden die Flüchtlingskrise nutzen, „um noch mal richtig Kasse zu ­machen“. So würden zum einen Arbeitsplätze in der Hotelbranche abgebaut, zum anderen handele es sich bei dem Prozess um eine „verstaatlichte, subventionierte Marktbereinigung, die am Ende der Steuerzahler bezahlt“.

Verdienen sich Hoteliers mit Flüchtlingen goldene Nase?

Den Vorwurf, dass die Hotelbetreiber sich eine goldene Nase verdienen, hat Josefine Vögl schon öfter hören müssen. Sie ist Geschäftsführerin des Aparthotels am Autohof in Stuttgart-Wangen. Um das Hotel weiterzuführen, hätte das Gebäude aus den sechziger Jahren kernsaniert werden müssen, dafür fehlte aber das Geld. Außerdem sei die Lage für ein Hotel nicht geeignet. Seit September 2013 wohnen dort 84 Flüchtlinge, die Stadt hat die Immobilie bis Mitte 2016 angemietet. „Man lebt jetzt sorgenfreier, weil man ein sicheres Einkommen hat“, sagt Vögl. Wie viel die Stadt bezahlt, sagt sie nicht, nur so viel: „Man kann davon leben, aber man verdient sich nicht die goldene Nase.“ Es kursiert die Zahl von 300 Euro pro Flüchtling und Monat, aber weder Stadt noch Hotel äußern sich dazu.

Auf Nachfrage bestätigt der Stadtsprecher jedoch, dass bei mittelfristiger Nutzung, sprich mit einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren, Systembauten weniger kosteten als Anmietungen. Kurzum: nach einer Weile sind Container unterm Strich günstiger als Hotels. Darauf könne die Stadt aber aktuell nicht achten, denn um menschenunwürdige Massenunterkünfte zu vermeiden, sei man auf Angebote jedweder Kategorie angewiesen.

Hotelier in Winterbach will Hotel mit Einnahmen sanieren

Auch in Winterbach im Rems-Murr-Kreis war man froh, als der Landkreis das Best Western Hotel als Flüchtlingsunterkunft anmieten konnte. „Wir bekommen nicht jeden Tag eine so geeignete Immobilie angeboten“, sagt die Sprecherin des Landkreises. Hier seien, anders als beispielsweise bei Turnhallen, kaum Investitionen nötig gewesen, um das Gebäude für die 200 Flüchtlinge einzugsbereit zu machen. Der Betreiber plant, durch die fünfjährige Verpachtung das Geld für die nötige Sanierung zusammenzubekommen. Denn anders als Josefine Vögl in Wangen will er das Hotel danach wiedereröffnen.

Hotelberater Burckschat rät in diesem Fall zum „kompletten Neustart“, sprich ­renovieren und eventuell umbenennen. Denn eine Umfunktionierung als Flüchtlingsunterkunft könne mit einem Imageverlust verbunden sein. „Die bisherigen Kunden sind dann erst mal weg.“ Außerdem werde sich der lokale Hotelmarkt bis dahin umverteilt haben. Betreiber sollten in ihrer Liquiditätsplanung eine zweimonatige Überbrückungszeit berücksichtigen. Wenn bei der Hotelleitung nicht genug wirtschaftliches Knowhow vorhanden sei, könne aus der Chance, die die Flüchtlingskrise bietet, schnell ein Risiko werden.

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