„How I Met Your Mother“-Star Neil Patrick Harris „Ich will Barney nicht hinter mir lassen“

Von Patrick Heidmann 

Neil Patrick Harris ist es gelungen, aus dem arroganten Großmaul Barney Stinson in der Serie „How I Met Your Mother“ einen Publikumsliebling zu machen, dessen Sprüche („Legendary!“, „Wait for it!“) Kult wurden. Nun spielt er eine ganz andere Rolle in der Netflix-Serie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“.

Der maliziöse Graf Olaf (Neil Patrick Harris, re.) nimmt in „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“  entfernt verwandte  Waisenkinder auf, ist aber gar kein netter Onkel Foto: Netflix
Der maliziöse Graf Olaf (Neil Patrick Harris, re.) nimmt in „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ entfernt verwandte Waisenkinder auf, ist aber gar kein netter Onkel Foto: Netflix

Stuttgart - Schauspieler Neil Patrick Harris ist als Barney Stinson in der Serie „How I Met Your Mother“ berühmt geworden. Nun spielt er den Bösewicht Graf Olaf in der Netflix-Serie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“.

Mr. Harris, kannten Sie Lemony Snickets Buchreiche „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“, als Ihnen die Rolle angeboten wurde?
Nein, ich habe die Bücher daraufhin erst gelesen. Interessiert hat mich vor allem, dass Barry Sonnenfeld involviert war. Sein Stil, gerade visuell, hat mir immer unglaublich gut gefallen bei „Die Addams Family“, „Men In Black“ oder „Pushing Daisies“.
Wie fanden Sie die Bücher?
Ihr Witz erinnert mich an den großen Jim Henson und seine Muppets, er spricht ­Kinder wie Erwachsene an. Der Humor ist ziemlich düster und bissig, manchmal ­richtig schräg. Für mein Gefühl passte das richtig gut zu Netflix – und vor allem zu mir.
War es Ihnen wichtig, Abstand zu Ihrer ­Paraderolle Barney Stinson zu bekommen?
Was ich erst einmal nicht mehr wollte, war eine weitere klassische Sitcom. Ansonsten hatte ich nicht das Bedürfnis, Barney hinter mir zu lassen. Im Gegenteil habe ich vermutlich erst durch ihn gelernt, mich einer Rolle wirklich mit Haut und Haar zu verschreiben. Womöglich habe ich also Olaf nun nicht gespielt, um mich von Barney zu distanzieren, sondern vor allem dank ihm.
Sie sind als Olaf kaum zu erkennen.
Stimmt. Und Olaf schlüpft noch in unterschiedliche Rollen. Ich habe in den acht Folgen vier komplett verschiedene Looks. Darunter auch eine Frau!
Lieben Sie Verkleidungen?
Ich glaube, es ist ein ganz altes, fast Shakespeare’sches Verlangen von Schauspielern, sich optisch zu verändern und in Kostüme zu schlüpfen. Ich ergreife dazu jede Gelegenheit. In den meisten zeitgenössischen Geschichten, die den Großteil der Rollen ausmachen, habe ich nur die Wahl zwischen Ralph Lauren und Paul Smith, was bei aller Liebe nicht so spannend ist. Was ich als Graf Olaf fast noch aufregender fand als die Kostüme, war, dass auch mein ­Gesicht komplett verändert wurde.
Hat die Maske Sie eingeschränkt?
Es ist eine echte Herausforderung. Subtile Mimik kann man sich damit abschminken. Meine größte Sorge war, dass man schon von Weitem sieht, dass mein halbes Gesicht Fake ist und dass die Zuschauer finden, ich sehe aus wie ein Klingone in „Star Trek“.
Hatten Sie dieses Interesse an der Verwandlung schon als Kind?
Nein, ich war keines dieser Kinder, das sich langsam hochgearbeitet hat mit Werbespots und Minirollen. Ich wurde in einer Kleinstadt in New Mexico entdeckt, und man bot mir die Hauptrolle in dem Film „Claras Geheimnis“ mit Whoopi Goldberg an. Das ging quasi über Nacht.
Ging es da auch um Selbstfindung?
Glaube ich nicht. Auch heute würde ich nicht sagen, dass ich die Schauspielerei brauche, um mich selbst zu spüren oder dergleichen. Aber ich war immer an schöpferischen Prozessen interessiert. Bei „Claras Geheimnis“ habe ich am liebsten die Kameraleute und Beleuchter beobachtet. Und bis heute finde ich nichts toller, als mit meiner Kreativität etwas herzustellen – eine Netflix-Serie mit verrückten Kostümen, ein Theaterstück in einem geschlossenen Proberaum mit einer Handvoll Kollegen oder zu Hause mit Pappe und Klebestift einen Roboter für unsere Kinder.
Viele Kinderstars legen irgendwann eine Pause ein. Sie stehen seit bald 30 Jahren ­ununterbrochen vor der Kamera.
Wenn ich mich irgendwo gelangweilt habe, bin ich weitergezogen zum nächsten Medium: Film, Fernsehen, Theater. Ich hätte es komisch gefunden, nach ein paar Jahren zu unterbrechen, um in New York Schauspiel zu studieren. Nur Soziologie oder Psychologie hätte ich rückblickend gerne am College studiert. Weil das nichts ist, was man in unserer Gesellschaft ohne Weiteres nachholen kann.
Hatten Sie jemals Zweifel?
Mich hat dieses unstete Schauspieler­dasein immer fasziniert. Man arbeitet ja ­jedes Mal mit anderen Leuten zusammen. Die Gruppendynamik hat immer enorme Auswirkungen. Mal ist das Ensemble wunderbar harmonisch, aber der Kameramann nervig. Mal ist das Team hinter der ­Kamera unglaublich nett, aber ein Kollege davor vermasselt jede Szene. Und mal ist es einfach das Wetter, das alle Pläne über den Haufen wirft. All das fand ich immer abwechslungsreich und stimulierend.
Bei „How I Met Your Mother“ war die Gruppendynamik zentral – vermissen Sie die manchmal?
Ich würde mit jedem ­meiner Mitstreiter sofort wieder arbeiten, aber diese Geschichte haben wir in über 200 Folgen auserzählt. Es gab in den neun Jahren „How I Met Your Mother“ keinen Moment, in dem ich lieber etwas anderes gemacht hätte. Welche andere Serie hätte es mir ­erlaubt, sowohl mit einer 85-jährigen Frau zu knutschen als auch mit einem Hund?
Sie waren in der Serie der Playboy – und ­haben sich parallel öffentlich geoutet. Dass sich beides nicht ausschloss, hatte eine ­Signalwirkung. War Ihnen das bewusst?
Zunächst nicht. In erster Linie war ich froh, dass mein Coming-out keinerlei Auswirkung darauf hatte, wie die Autoren meine Rolle schrieben. Das war meine einzige Sorge: dass mein Schwulsein womöglich für eine Aufmerksamkeit sorgen würde, die Barney im Weg gestanden hätte. Ich wollte auf keinen Fall, dass man ihn irgendwie kastriert und er weniger sexuell wird. Schließlich war doch Barneys Ständer ­immer seine Richtantenne!
Welche Ihrer vielen beruflichen Erfahrungen ist Ihnen besonders in Erinnerung?
Der einzige Fanbrief, den ich je geschrieben habe, ging an Jim Henson. Da war ich acht oder neun. Er hat nie geantwortet, aber ich bekam von seiner Firma zumindest eine Dankeskarte samt ganz tollen Bildern der Muppets. Deswegen ging für mich ein Lebenstraum in Erfüllung, als ich mit seinen Puppen tatsächlich arbeiten durfte. Einmal war ich zu Gast in der „Sesamstraße“, das war ein wundervoller, musikalischer Nostalgietrip. Und dann hatte ich einen winzigen Gastauftritt im Kino-Comeback „Die Muppets“, für das mein „How I Met Your Mother“-Kollege Jason Segel verantwortlich war. Da saß ich eigentlich nur einen Abend herum, zufällig neben meiner alten Bekannten Whoopi Goldberg, und konnte diesen begnadeten Puppenspielern bei der Arbeit zusehen. Für mich ein unvergesslicher Moment für die Ewigkeit.