Hubert Kah Neumond am Sternenhimmel

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Hubert Kah gilt als einer der exzentrischsten Vertreter der Neuen Deutschen Welle, die Anfang der 1980er Jahre durch die Republik schwappte. Heute will er seine Depressionen mit Elektroschocks in den Griff kriegen. Und ein neues Album aufnehmen.

Hubert Kemmler alias Hubert Kah wurde in den 80er Jahren als „Mischung zwischen David Bowie und einem Clown“ berühmt. Seither bemüht er sich um Wahrhaftigkeit. Foto: Ivo Kljuce
Hubert Kemmler alias Hubert Kah wurde in den 80er Jahren als „Mischung zwischen David Bowie und einem Clown“ berühmt. Seither bemüht er sich um Wahrhaftigkeit. Foto: Ivo Kljuce

Mannheim - Der Mittagsschlaf fällt heute aus. Hubert Kemmler hat keine Zeit. Er tippt geschäftliche Instruktionen auf ein iPad. Hinter dem Fenster ergießt sich ein Garten, der Weg zum See ist nicht weit. Zürich liegt in der Nähe. Hubert Kemmler hat für die Reize seiner Umgebung nicht viel übrig. Jetzt nicht, und auch sonst. Er schläft viel. Die Elektroprozedur macht ihn müde. Zweimal pro Woche lässt er Strom durch seinen Kopf fließen. Gegen die schwere Depression, die Hubert Kemmler schon so lange plagt. „Ich baue meiner Seele ein neues Haus“, sagt der Mann, der als Hubert Kah berühmt wurde. Elektrokonvulsionstherapie heißt die Behandlung im Fachjargon. Elektrokrampftherapie in der Umgangssprache. Der Künstler, der einst in pinkfarbener Zwangsjacke über die Bühne der ZDF-„Hitparade“ hüpfte, ist nun in der Psychiatrie zu Hause.

Hubert Kah gilt als einer der exzentrischsten Vertreter der Neuen Deutschen Welle, die Anfang der 1980er Jahre durch die Republik schwappte. Er besang im Nachthemd den Sternenhimmel, oho, bezirzte in Rüschenhemd und Hochwasserhose Rosemarie und wollte in einer Zwangsjacke einmal nur mit Erika dieser Welt entfliehn. „Eine Mischung aus David Bowie und einem Clown“ schrieb die „Bravo“. Die deutschen Pophörer lieben seine Songs. Mit seiner „Rosemarie“ katapultiert sich Hubert Kah im April 1982 auf Platz drei der Singlecharts. Mit dem „Sternenhimmel“ landet er fünf Monate später auf Platz zwei.

Hubert Kah ist damals 21, studiert Jura und lebt in Reutlingen. Seit er zehn war, spielt er Klavier. Als Zwölfjähriger verfasst er erste Kompositionen. Mit 17 tritt er während eines Schulfests eine Woche lang als Elvis auf und gewinnt im Urlaub in Kempten den Wettbewerb „Wer tanzt wie John Travolta?“. Mit zwei Freunden rockt er zu englischen Texten kleine Bühnen. Als die Bands Ideal und Deutsch Amerikanische Freundschaft bekannt werden, schwenkt das Trio auf deutsche Texte um. Die ersten Zeilen für den Refrain von „Rosemarie“ fallen Kemmler auf dem Heimweg vom Kino ein: „Rosemarie rote Rose rote Rosemarie, du nur du.“ Wenig später ist Hubert Kah mit seiner Kapelle berühmter als sein Vater, der die Geschäfte von Braun & Kemmler führt, einer bekannten Kochtopffabrik.

Der Sohn bricht das Studium ab und wird Profi­musiker. Er schreibt Hits für sich und für andere. Sandra zum Beispiel hätte ohne ihn nicht „Maria Magdalena“ knödeln können. Doch der Erfolg bekommt Hubert Kemmler nicht. Er kann ihn nicht genießen, fühlt sich leer, hat Angst, sich zu verlieren. Ende 1989 kappt er alle Verbindungen und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Behandlung mit elektrischen Stößen

Hubert Kemmler sitzt in einem Sesselchen aus schwarzem Leder. Die Klinik hat dem Privat­patienten das Stübli zur Verfügung gestellt, ein elegant eingerichtetes Besprechungszimmer. Kemmler zückt sein iPad und öffnet die Bibliothek. Im virtuellen Regal erscheint „Schwerelos“ von Ildikó von Kürthy. Kemmler liest vor: „Dieser zu Unrecht fast vergessene Titel des anbetungswürdigen Hubert Kah hatte meinen Namen in die Charts gebracht“, schwärmt die Protagonistin des Romans namens Rosemarie über das Lied „Rosemarie“. „Anbetungswürdig! Zu Unrecht fast vergessen!“, schwärmt Hubert Kemmler. Der Held des zweiten Buchs in der Bibliothek heißt Felicitus. Er ist Musiker, „der seit Kindesbeinen an von übersinnlichen Fähigkeiten und Lebensüberdruss begleitet wird“. So heißt es im Klappentext von „Der Ruf, der durch die Zeit“ schallt. „Das ist meine Geschichte“, ruft Hubert Kemmler, der mit den zwei Verfasserinnen befreundet ist. Das Hörbuch hat er selbst eingelesen.

Hubert Kemmler ist jetzt 50. Er sieht nicht mehr aus wie David Bowie oder ein Clown. Blass ist er, die wenigen Haare sind hellgrau, der Körper aufgeschwemmt. Er trägt blaue Jeans und ein rotes Sweatshirt, Letzteres auf links gedreht.

Behandlungen mit elektrischen Stößen galten früher als Folter, heute erkennt die Bundesärztekammer die Elektrokonvulsionstherapie als „bestmögliche Behandlung für bestimmte psychiatrische Erkrankungen“ an. Mit Elektronen ausgelöste epileptische Anfälle sollen die gestörte Balance unter den Neurotransmittern im Gehirn wiederherstellen. Hubert Kemmler drückt es poetischer aus: Eine Abrissbirne haut die synaptischen Verbindungen weg, die in seinem Kopf für Schwere und Chaos verantwortlich sind. Insgesamt 13-mal werden die Ärzte einen epileptischen Anfall bei ihm auslösen und jeweils 6,7 Sekunden lang 0,9 Ampere durch seine Schädeldecke schicken. Damit sich sein Körper nicht wehrt, werden mit einem Medikament sämtliche Muskeln ausgeschaltet, zwischen die Zähne kommt ein Gummikeil. Nach fünf Minuten ist die Prozedur vorüber, der vollnarkotisierte Patient wieder wach. „Herr Kemmler profitiert enorm von der Therapie“, sagt Martin Keck, der Ärztliche Direktor der Schweizer Privatklinik. „Das ist für mich der Weg, in toto erlöst zu werden“, sagt Hubert Kemmler, der schon lange nach Erlösung sucht.