Hubert Klausmann in und über Fellbach „Wer Dialekt spricht, wird diskriminiert“

Hubert Klausmann hat einen Sprachatlas erstellt, in dem auch Fellbach vertreten ist. Bei seinen Forschungen hat der Professor beobachtet, dass viele ihren Dialekt gar nicht mögen und deshalb ablegen. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Mit dem Projekt „Sprachalltag“ hat Hubert Klausmann den Dialekt im Norden Baden-Württembergs erforscht und einen Sprachatlas erstellt – auch Fellbach ist darin zu finden. Am Mittwoch kommt er dort hin. Ein Gespräch über Moodwerfl und andere Dinge.

Fellbach - Hubert Klausmann ist seit dem Jahr 2014 der Leiter der Tübinger Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“ und untersucht Dialekte unter sprachwissenschaftlichen Aspekten. Am Mittwoch hält er im großen Rathaussaal in Fellbach den Vortrag „Wo man Riebele, Luckeleskäs und Schnitzbrot isst“ und geht auch auf Fellbacher Besonderheiten ein. Im Interview spricht er darüber, warum er Dialekte erforscht und warum Ministerpräsident Winfried Kretschmann so besonders spricht.

 

Herr Klausmann, wie kommt man als gebürtiger Freiburger dazu, den schwäbischen Dialekt zu erforschen?

Ach wissen Sie, um Dialekte zu untersuchen, muss man sie ja nicht selbst sprechen. Der beste Kenner der bayerischen Dialekte ist beispielsweise ein Schotte.

Wie kamen Sie zur Dialektforschung?

Als ich das erste Mal mit der Dialektforschung in Kontakt kam, hat mich das gleich interessiert, lebende Sprache unter rein sprachwissenschaftlichen Aspekten zu untersuchen. Der Norden von Baden-Württemberg war die einzige Lücke, die noch nicht erforscht war – da habe ich einen Antrag gestellt, mich damit zu befassen. Ich war damals in Bayreuth und bin dann nach der Zusage nach Tübingen.

Wie gingen Sie vor?

Wir haben für das Projekt „Sprachalltag“ einen Sprachatlas erstellt, auch Fellbach gehört dazu. Inzwischen gibt es auch einen „sprechenden Sprachatlas“, da kann man sich die Laute und Wörter gesprochen anhören. In Baden-Württemberg gibt es scharfe Dialekt-Grenzen, am Tonfall kann man erkennen, aus welchem Raum jemand stammt.

Bei uns schwäbelt ja sogar der Ministerpräsident.

Herr Kretschmann spricht gar nicht sehr schwäbisch, es sind eher einzelne Wörter und vor allem der Tonfall, der seine Sigmaringer Herkunft verrät.

Ist es nicht verpönt, Dialekt zu sprechen – vor allem öffentlich?

Wer Dialekt spricht, wird in vielen Gegenden – allerdings nicht überall – diskriminiert. Schüler, die stark Dialekt sprechen, klagen über schlechtere Noten. Viele Lehrer haben Vorurteile, dass Dialekt-Sprecher Probleme mit der Rechtschreibung bekommen würden – was gar nicht zwangsläufig stimmt.

Im Beruf und in der Öffentlichkeit bemühen sich ja trotzdem die meisten um ein dann doch mehr oder weniger gefärbtes Hochdeutsch.

Der norddeutsche Standard ist in Schwaben sehr anerkannt, aber das ist auch nicht das richtige Hochdeutsch. Es bilden sich dann verschiedene Zwischenebenen. Wir beobachten, dass manche ihren Dialekt gar nicht mögen und ablegen wollen, stellen aber andererseits auch ein neues Selbstbewusstsein für den Dialekt fest. Da bilden sich Zwischenebenen, eine Verkehrssprache, sozusagen Hochdeutsch mit mehr oder weniger deutlichen Färbungen. Der schwäbische Dialekt ist übrigens recht nah an der Hochsprache.

Sprache ändert sich ständig. Der Dialekt auch?

Natürlich. Ein Beispiel: „I muss gau“ sagt heute fast niemand mehr, es wurde zu „i muss ganga“ abgeschliffen. Die meisten Menschen modulieren ihre Standardsprache und wechseln – oft in mehrfachen Stufen – zwischen ,öffentlicher’ Sprache und ganz privater Sprache.

Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass die Dialekte im Lauf der Zeit verloren gehen?

Ja, das tun sie, wenn sie öffentlich nicht positiv belegt sind. Ein Bayer beispielsweise versteckt seinen Dialekt viel weniger als ein Schwabe.

Woran forschen Sie gerade?

Momentan befassen wir uns mit der Frage: Wie spricht die junge Generation? Räumliche Unterschiede im Dialekt schleifen sich viel stärker ein, der Raum, in dem ein Dialekt gesprochen wird, vergrößert sich dadurch. Wörter oder auch ganze Redewendungen, die die Menschen zu breit finden, legen sie ab. Um bei dem Wort zu bleiben: „broid“ für „breit“ sagt man beispielsweise noch, „graus“ für „groß“ wird von den meisten Menschen heute abgelehnt.

Andrerseits heißt es ja oft, Dialekte erführen wieder mehr Zuspruch?

Da ist auch was dran, es gibt derzeit zum Beispiel in der Werbung so viel Dialekt wie lange nicht mehr.

Haben Sie ein schwäbisches Lieblingswort?

Ach, da gibt es viele. Aber wissen Sie, was ein Moodwerfl ist?

Ein was?

„Mood“ heißt Erde...

Ach, ein Maulwurf?

Ja, genau, aber den Moodwerfl kennt heute wohl fast keiner mehr.

Der Ergründer verschiedener Sprachlandschaften

Hubert Klausmann
Der Sprachwissenschaftler leitet die Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland. Geboren wurde Klausmann 1955 in Freiburg, aufgewachsen ist er in der benachbarten Grenzstadt Breisach. Von 1974 an studierte er Romanistik und Philosophie in Freiburg und Grenoble. In seiner Promotion befasste er sich mit den Breisgauer Mundarten, in seiner in Bayreuth abgelegten Habilitation ergründete er im Jahr 2000 die „Wortgeographie der Sprachlandschaften Vorarlbergs und Liechtensteins“. 1985 wurde er Lehrer am Peutinger-Gymnasium Ellwangen für Deutsch und Französisch. Klausmann hat unter anderem den „Kleinen Sprachatlas von Vorarlberg und Liechtenstein“, den „Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben“ und den „Kleinen Sprachatlas von Baden-Württemberg“ veröffentlicht.

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