Hubschrauberstaffel der Polizei Polizei als Feuerwehr der Lüfte
Noch geheime Pläne des Innenministeriums: Die Hubschrauberstaffel soll gegen Waldbrände eingesetzt werden – und die Piloten üben bereits ihre neue Aufgabe.
Noch geheime Pläne des Innenministeriums: Die Hubschrauberstaffel soll gegen Waldbrände eingesetzt werden – und die Piloten üben bereits ihre neue Aufgabe.
Stuttgart - Wenn es ein Erweckungserlebnis gebraucht hätte, dann sicher hier in diesem Wald: Zwischen Musberg und Steinenbronn, einem Forst an den Kreisgrenzen von Esslingen und Böblingen, brennt es auf anderthalb Quadratkilometern. 200 Feuerwehrleute kämpfen gegen die Flammen, müssen das Wasser mühsam über fast zwei Kilometer lange Schlauchverbindungen und Pumpen an die Brandorte bringen. Oben knattert ein Polizeihubschrauber, dessen Besatzung den Waldbrand entdeckt hat, sonst aber nicht viel tun kann. Außer den Lotsen zum nächsten Brand zu spielen. Das wird bald anders. Die Polizei wird selbst Feuerwehr.
Die Planspiele dazu laufen weitgehend im Verborgenen ab – doch auf Anfrage bestätigt das Landesinnenministerium Informationen unserer Zeitung: „Derzeit werden die nötigen Flugmanöver trainiert“, sagt der Ministeriumssprecher Renato Gigliotti, „die Konzeption ist von der Landesfeuerwehrschule und der Polizeihubschrauberstaffel erarbeitet worden.“ Seit Mitte Juni starten die Piloten der Hubschrauberstaffel vom Stuttgarter Flughafen aus zu ihren Übungsflügen - als Feuerwehr der Lüfte.
Man kann auch sagen: als Wasserträger. Die Hahnweide bei Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) ist so ein Ort, an dem ein Polizeihubschrauber vom Typ Airbus H 145 mit ungewöhnlicher Ausstattung auffällt. An einem etwa 20 Meter langen Seil hängt ein Behälter. Ein faltbarer Wassereimer, der bis zu 820 Liter Wasser fasst. Der in der Fachwelt als „Bambi Bucket“ bekannte Behälter wird in ein Gewässer, wie etwa die Bürgerseen, getaucht, dann zum Zielort geflogen und abgelassen.
Das ist gar nicht so einfach. Das wissen die Polizeiflieger in Düsseldorf, die das System bereits seit Monaten im Einsatz haben – mit einer Feuertaufe bei einem Waldbrand in Gummersbach. „Der Pilot muss aufpassen, dass das Bucket unten nicht in eine gefährliche Pendelbewegung gerät“, sagt Alberto Coppola, der Chef der Polizeifliegerstaffel Nordrhein-Westfalen, bei einer Vorführung. 880 000 Euro hat NRW investiert – in vier Löschbehälter und die Ausbildung der Piloten sowie des sogenannten Operators, dem eigentlichen Feuerwehrmann.
Doch warum gibt es jetzt noch eine zusätzliche Aufgabe für die Helikopter-Polizisten? Haben die nicht ohnehin genug zu tun? Nach Straftätern fahnden, nach Vermissten suchen, nach Verkehrs- und Umweltproblemen Ausschau halten – und immer öfternachts für Übersicht der Polizeisorgen. Und das im 24-Stunden-Betrieb. Voriges Jahr ist in Baden-Württemberg die Zahl der Flugstunden auf 3257 Stunden wieder etwas gestiegen. Dabei gab es 2400 Einsätze, davon 842 bei Nacht. Tendenz steigend. Und sich jetzt auch noch in das Geschäft der Feuerwehr einbringen?
Alle Landesinnenminister waren sich bei der Waldbrandkonferenz 2019 mit dem Feuerwehrverband einig: Es braucht mehr Löschunterstützung aus der Luft. Zwar stehen Bundeswehr und Bundespolizei bereit. Die Sommer werden aber immer trockener, die Gefahr von Wald- oder Flächenbränden immer größer – sie liegt im Sommer doppelt so hoch. Vor wenigen Tagen ist in Plessa in Brandenburg ein riesiges Moor- und Waldgebiet in Flammen aufgegangen. Das Feuer auf einer Fläche von umgerechnet 100 Fußballfeldern ist nach Tagen nicht gelöscht, sondern nur eingedämmt.
So weit muss man gar nicht schauen, um die Gefahrenlage zu erkennen. In und um Stuttgart sind besonders im trockenen April und Mai die Probleme aufgeflammt. In einem Waldstück am Bärenschlössle in Stuttgart-Büsnau ging eine Fläche von 200 Quadratmetern in Flammen auf. Laut Polizei ist Brandstiftung die Ursache gewesen – manchmal vorsätzlich, manchmal fahrlässig. In Nürtingen (Kreis Esslingen) etwa hatte Anfang April ein 29-Jähriger ein Picknick mit seiner Freundin – und zündete dabei eine gebrauchte Serviette an. Aus der vermeintlichen Müllentsorgung wurde ein Brand auf 7500 Quadratmeter Waldboden. Tags zuvor hatte es in Altdorf (Kreis Böblingen) in einem Waldstück gebrannt – laut Polizei auf einer Flächengröße von etwa drei bis vier Fußballfeldern.
Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) gab also den Auftrag, zwei der sechs Hubschrauber für die Waldbrandbekämpfung aufzurüsten. Freilich: So ein Polizeihubschrauber vom Typ H145 hat nur beschränkte Kapazitäten. Das zeigen die Erfahrungen in Düsseldorf: Bei vollem Treibstofftank kann der Helikopter zunächst nur 500 Liter Wasser schleppen, weil das Startgewicht von 3,7 Tonnen nicht überschritten werden darf. Doch von Runde zu Runde und mit weniger Sprit wird das Fluggerät leichter – und kann am Ende mit seinem Bambi Bucket bis zu 820 Liter Wasser transportieren. Zum Vergleich: Beim Moorbrand in Brandenburg waren Bundeswehr-Hubschrauber mit 2000-Liter-Tanks im Einsatz.
Die Feuerwehren von Steinenbronn, Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt hätten bei dem Waldbrand bei Musberg gerne eine solche Hilfe von oben gehabt. Damals, im April 2018, hatten die 200 Helfer von mehreren Seiten kilometerweise Schläuche legen müssen. „Das wäre eine echte Hilfe“, sagt Carsten Ruick, der Feuerwehrsprecher von Leinfelden-Echterdingen. Wegen der Höhenunterschiede und längeren Strecken wird allerdings der nachlassende Wasserdruck zum Problem. Die Wehrmänner müssen mühsam in Etappen Pumpstationen installieren. „Mit einem Abwurf aus der Luft kriegt man so ein Feuer und die Ausbreitung besser in den Griff“, sagt Ruick.
Wann Hubschrauberstaffel-Chef Michael Bantle seine Stuttgarter Piloten zum ersten heißen Einsatz schicken wird, ist noch unklar. Klar ist nur eines: Der nächste heiße und trockene Sommer kommt bestimmt.