Hufschmied Walter Steinsberger Fußpfleger fürs Warmblut

Steinsberger vor seinem Schmiedmobil Foto: Andreas Reiner

Geduldige Schimmel, Heißsporne, Springpferde mit sechsstelligen Marktwerten: auf Tour mit dem Wangener Hufschmied Walter Steinsberger.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Fünf Pferde nebeneinander wie vor einem Western-Saloon. Sie warten auf ihren Fußpfleger. Walter Steinsberger macht sich mit der groben Raspel am Huf der Schimmelstute zu schaffen, die ihm derweil am Nacken knabbert. Hornspäne rieseln auf den Boden wie Parmesan über Spaghetti Napoli. Mit einer Zange zwickt er einen dicken Batzen ab. „Des muss elles weg.“

 

Rund 100 Pferde beherbergt der Reiterhof Kölz bei Winnenden, darunter einige Juwelen mit sechsstelligen Marktwerten. Steinsberger kommt jeden Dienstag, um Hufe zu richten. „Der Schmied ist bei uns der wichtigste Mann“, sagt Markus Kölz, Ausbilder für Tier und Mensch auf dem Burkhardshof, einer der erfolgreichsten Springreiter in Baden-Württemberg.

Ein riesiges Gelände ganz im Zeichen des Pferds. Fürstliche Transporter mit der Aufschrift „Horses Competition“. In einer Halle wiehert es. Gegenüber spult ein brauner Hengst auf einem Laufband einsam sein Fitnessprogramm runter. Und überall Mädchen, junge Frauen, die sich hier bestimmt wie im Paradies fühlen.

Gasofen, Cola, Hauklingen, Nietzangen, Amboss

Steinsberger ist mit seinem Ford-Kastenwagen da. Im Laderaum hat er alles, was er braucht: Gasofen, einen Kasten Cola, seine Eisen, Hauklingen, Unterhauer, Nietzangen, Falzhämmer. Manchmal muss er auch mit der Flex ran. Den Ambos hat er draußen aufgestellt. Oft schreit er gegen Gerätelärm, Tierlaute oder sein eigenes Hämmern an. Wahrscheinlich kann er gar nicht mehr leise, auch am Telefon: „Deine isch scho fertig. Halbe Schdond basst. Ja, bringsch was mit.“

Steinsberger, 62, aus Wangen bei Göppingen hat fast 50 Jahre Berufserfahrung, schon Millionen Hufnägel eingeschlagen, Hunderttausende Hufe gebrannt, ganze Horngebirge abgetragen. Es gab widerspenstige Viecher, die brachen ihm den Mittelfuß und etliche Rippen. Kein Grund, groß Worte darüber zu verlieren. „Links noch mol brenna“, sagt er seinem Helfer und geht mit dem Hufmesser ins Horn wie durch Butter.

Steinsberger in der Horndampfwolke Foto: Andreas Reiner

Bei dem Rappen muss er aufpassen. Der schlägt aus, wenn’s ihm zu dumm wird. Mag man ihm auch die Leckschale mit Mineralien ans Maul halten, es kann ihn kaum besänftigen. „Heee! Sagamol, was soll denn des!“ Steinsberger brennt das heiße Eisen ins Horn, damit es später schön plan aufliegt. Und so sieht er auch, wo noch nachzuarbeiten ist. Sein Kopf verschwindet in einer Rauchwolke, begleitet von einem schweflig-talgigen Gestank. „Heersch jetzt uff!“ Der Rappe macht nicht mit.

„Des isch zu weit, des hol ich a bissle rei.“ Das Eisen muss noch mal in den 1200-Grad-Ofen. Noch mal gurgelnd in den Abkühlbottich. Steinsberger klopft es zurecht, schleift noch einen überständigen Falz weg – alles nach Gefühl, bis es passt wie ein Maßschuh. „Mensch, reiß di doch mol zamma.“

Sein Vater war auch schon Schmied. Die Leute brachten ihm ihre Kaltblüter in offenen Viehanhängern vorbei: der Stomba Karle, der alte Schuster von Oberberg, die Oberwäldener. Walter stand schon dabei, da konnte er noch kaum stehen.

Dann übernahm der Vater die Pferde des Göppinger Reitvereins. Er hatte die staatliche Hufbeschlagprüfung abgelegt, während seinen Kollegen im Umkreis längst klar war: „Des mit denne Gäul läuft aus.“ Sie lagen ziemlich falsch. Mehr als 10 000 Firmen, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe in Deutschland haben heute direkt oder indirekt das Pferd als Geschäftsgegenstand. Der Jahresumsatz der Pferdewirtschaft liegt bei knapp sieben Milliarden Euro.

Steinsberger senior war der Erste, der mit seiner mobilen Schmiede im Hanomag zu den Leuten fuhr, anfangs machte er noch Feuer mit Kohle. Immer Walter im Schlepptau: „Jonger, goosch mit, mir fahra nach Albershausen.“ Oder nach Heiningen, da wirtschafteten zwei Bauern noch mit Rückepferden. Im Winter spielte er Lego mit dem Traub-Sohn in der warmen Kuchel, während die Väter im Stall hantierten. Er erinnert sich an dampfende Kartoffeln, an Geschirrtücher, die zum Trocknen am Kamin hingen.

Auf Reitturnieren studierte er die Programmheftle

Wenn es ihm langweilig wurde, spazierte er durch die Stallgasse und musterte die Täfelchen mit den Namen: Quincy. Admiral. Prinz. Auf Reitturnieren studierte er Programmheftle, lernte die Pferdedaten – Jahrgang, Abstammung, Züchter – auswendig wie andere Kinder Hubraum und Zylinder bei Quartettkarten. Das war seine Freizeit. „Ins Freibad bin i nie.“ Lieber mit dem Müllers Fritz nach Marbach zur Hengstleistungsprüfung. „Mein Vater hat da nie was g’sagt.“ Und so fing das an mit der Freude am Pferd.

Als 14-Jähriger durfte er zum ersten Mal selber an den Huf. Der alte Metzger von Baltmannsweiler, er hatte vier Ponys, holte ihn daheim ab. Walter wickelte Raspel, Zange, Bock in seinen Lederschurz und schnitt die Ponys aus. 40 Mark Lohn, dazu eine Stange Wurst. Und keine Zweifel, dass er es gut hinkriegt: „Do hats gar nix anders gäbba.“

Als Jugendlicher spielte er Flügelhorn in der Wangener Blaskapelle. Wenn er nur mehr Zeit gehabt hätte. Er war immer der letzte bei der Musikprobe. Er ist auch geritten – „gar net so schlecht“. Aber auch da hieß es immer: Der Steinsberger kommt erst, wenn schon alles aufgebaut ist. „Vadder, i han Springstund.“ – „Haja, des langts no.“ Meistens hat’s halt nicht gelangt.

Arbeit am Huf Foto: Andreas Reiner

Er machte die Schmied-Lehre beim Vater. An was anderes dachte er nie. Selbst wenn es in der Berufsschule um Geländer oder Treppen ging, interessierte ihn das wenig. Der Lehrer belächelte ihn gern. Nach Beschlagprüfung und Meisterschule machte sich Steinsberger selbstständig, heute darf er sich orthopädischer Hufschmied nennen.

Er geht durch einen Kölz-Stall: Schönheiten mit definierten Muskeln unter Glanzfell. Die Hälse, fest und kräftig, so ähnlich müssen sich auch Saurierhälse angefühlt haben. Die schwarzen Augen, manchmal eingesäumt von einem rötlichen Wimpernkranz. Die weiche, fast gummiartige Mundpartie.

Der Burkhardshof ist eine Art Luxusresort für Pferde mit Rundum-Betreuung und ambitioniertem Sportprogramm. Markus Kölz reitet eins nach dem anderen. Manche Besitzer kommen zur Reitstunde. Manche machen nichts mit ihrem Pferd, können aber sagen „Das ist meins“, wenn sie es in der Schleyerhalle gewinnen sehen. Erkennt Kölz ein leibhaftiges Springtalent unter seinen Schützlingen, bildet er es aus. „Der reitet Geld an die Gäul“, sagt Steinsberger.

In der nächsten Box: ein Freizeitpferd mit guter Abstammung. Steinsberger sieht schon an dem hellwachen Blick: „Des isch koin Ochs.“ Das könnte was Gutes werden.

Das Pferd in der Nachbarbox wurde nicht von ihm beschlagen. Er schaut sich die Sache eine Weile an. „Des hebt net lang.“

Eine Frau sucht Steinsberger schon überall, sie zieht ein paar Scheine aus ihrem Portemonnaie, gut 200 Euro für vier Hufe. „Dann in sechs Wochen wieder?“ – „Awa, sieba reicht.“ Warum sieht man hier eigentlich fast nur Frauen? Steinsberger hat auch darauf eine Antwort parat: „Früher hat man gesagt, wenn die Frau ständig beim Pferd war: Hasch du nix Bessers zum Schaffa? Heute sagt man: Du brauchsch ein zweites.“ Die nächste Box. Steinsberger weiß: Den Fuchs hat Markus Kölz selber gezogen. Ein Sohn von Tangelo, der ging international. Von überall her holte man sein Sperma .

Der Fuchs daneben ist etwas plump. „Aber die Frau hat viel Spaß dran. Was nutzt des, wenn die einen Sportler reitet und dauernd im Dreck rumfliegt?“

„Fühlige“ Pferde

Ein vierjähriger Hengst wird zum Beschlagplatz geführt. Am Wochenende soll er erstmals bei einem Turnier starten – auf Gras. „Sonst tät der grad noch barfuß laufa“, sagt Steinsberger. Doch so bekommt er jetzt Eisen, auf die dann Stollen geschraubt werden, ein C-Jugend-Fußballer braucht ja auch Kickstiefel. Andere Jungpferde hingegen sind, etwa wenn viel Vollblut eingekreuzt ist, ohne Eisen manchmal derart „fühlig“, die laufen auf Schotter wie Großstadtkinder am Kiesstrand. Das Handy klingelt: „Mol langsam, i bin no in Winnenden.“

Steinsberger ist einer der führenden Hufschmiede im Land. Er kennt alle Ställe, vom Bodensee bis zum Unterland. Die Alten hätten damals nicht gedacht, dass man es als Hufschmied so weit bringen kann, sagt er. Man muss halt schaffig sein und geschäftstüchtig. Er erinnert sich, sein Vater schickte ihn an einem Sonntagmorgen zu einer Frau, um deren Ponys zu beschlagen. „Sie bauen doch auch Hänger, gell?“, fragte sie, „ich könnte einen brauchen für den Mist.“ Der Sohn kam mit einem Auftrag heim.

Bei einem Turnier lernte er einen Trail-Reiter aus Amerika mit Tennessee-Walking-Pferden kennen. Der Mann erzählte von seiner geplanten Reitanlage. „Wir machen auch Pferdeboxen“, meinte Steinsberger. Sein Bruder hat sie am Ende in Übersee aufgebaut.

Das Geld vom Hufbeschlag steckte Walter Steinsberger gleich wieder in die Familienfirma. Inzwischen führt sie sein Bruder. Fahrzeuge made by Steinsberger, alles rund ums Pferd – vom Anhänger bis zum Nobeltransporter mit Extrakammer, Küche und Schlafgelegenheit für den Pferdepfleger. Steinsbergers Sohn ist auch aufgesprungen. Er lernte Zimmermann, hat dann aber auf Hufbeschlag umgesattelt und ist zwei Jahre mit dem Vater gefahren. Jetzt macht er seins und ist mit eigenem Busle unterwegs.

„Erfolg im Blut, Wille im Herzen“

Steinsberger blättert in einem Reiterjournal, das in der Halle liegt: Lucky Stan. Den hat er auch beschlagen. Von der Züchterfamilie Schmid-Urspring.

Andrea Dlugos. Eine gute Reiterin. Bei der ist er übermorgen. Richtung Heuchlingen.

Marvin Frey. Der war hier auf dem Burkhardshof lange Zeit Bereiter, hat in Winnenden den Großen Preis geholt.

Favory. Ein Dressurpferd von Steisslingers. Niederländisches Warmblut. Hat schon viel gewonnen. Beschlägt er am Samstag.

„Erfolg im Blut, Wille im Herzen“ – ein Artikel über Markus Kölz und seinen Dimanche, ein Belgisches Warmblut. Der Wallach steht ein paar Meter in einem anderen Stall, mit Eisen von Steinsberger. Ein Dutzend Pferde beschlägt er heute hier auf dem Burkhardshof. Am Nachmittag muss er noch nach Pleidelsheim, Murr und Wernau – „die wolla auch aufs Turnier“.

Ob sein Berufsschullehrer ihn heute noch belächeln würde? „Wie lang willsch denn noch schaffa? Hasch noch net gnug?“, ist er schon ein paar Mal schnippisch gefragt worden. Sollen sie ruhig. „I guck nach mir.“ Andere freuen sich, dass es ihn gibt: „Mein Steinsberger, der kommt wenigstens.“ Wenn’s sein muss, auch samstags.

Als er noch ledig war, bis vor 25 Jahren, hat er die Wochenenden durchgeschafft. Der Samstag war der Haupttag, um sieben in der Früh ging es los. Heut heißt es oft: „Aber bitte nicht vor zehn, da schlaf ich noch. Und nicht nach eins, weil dann will ich meine Freizeit.“ Früher guckte man ihm bei der Arbeit auf die Finger, ob er das auch richtig macht. Heute hat er viele der Pferdebesitzer noch nie zu Gesicht bekommen.

Er war selber Springreiter, „aber bloß im ländlichen Bereich“. Als Züchter hatte er mal ein paar Pferde daheim stehen. Seinen Chappas: den kaufte er jung, Markus Kölz qualifierte ihn in Tübingen fürs Bundeschampionat. Am nächsten Tag haben schon die Amis angerufen. Doch das Geschäft ist ihm zu schnelllebig geworden. Nach zwei, drei Jahren will man schon neues Blut.

Jetzt hat er noch einen Hengst, ein Freizeitpferd und ein Pony als Beisteller. Die fordern ihre Zeit. Mit seiner Frau war er schon mal eine Woche auf Mallorca, aber eigentlich sind beide nicht so die großen Urlaubstypen. Drei, vier Tage Allgäu können auch schön sein. Und Spaziergänge im Filsstal oder auf der Schwäbischen Alb.

Gegen sechs wird er heimkommen, vespern, Rechnungen schreiben, mit seiner Frau und dem Hund eine Runde gehen, dann Sofa.

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