Kein Nachfolger kann in die Fußstapfen von Hugo Chávez treten. Jeder venezolanische Präsident nach ihm muss einen Neuanfang wagen. Das gilt auch und ganz besonders für Chávez’ designierten Nachfolger Nicolás Maduro.
Caracas - Was hinter den heruntergelassenen Jalousien der Apartments im vornehmen Osten von Caracas vor sich ging, als die Nachricht vom Tod des Präsidenten bekannt wurde, blieb natürlich im Bereich des Privaten. Öffentlich jedoch reagierten die, die Hugo Chávez in herzlicher Feindschaft verbunden sind, nicht mit Freude, und wenn, dann nur verhalten. Es war eher so, als seien auch sie berührt, als sei die Stunde des Todes der Moment des Innehaltens, des Respektes, des Schweigens und eines Minimums an nationaler Einheit – wie flüchtig dieser Moment auch immer sein mag.
Oppositionsführer Henrique Capriles schickte „der Familie und den Anhängern“ des toten Präsidenten eine Kondolenzbotschaft. Sicher, alles andere wäre undenkbar gewesen, aber sie drückte eben auch die Betroffenheit derer aus, die Chávez schlechthin für das Unglück des Vaterlandes hielten. Die Ahnung, dass das Land nach fast 14 Chávez-Jahren an einem historischen Wendepunkt steht, ist offenbar den meisten Venezolanern gemein, egal ob sie für oder gegen den Präsidenten sind.
Trauer bestimmt die Straßen.AP
Natürlich wurde auch die Lieblingsmetapher des Chavismus bemüht: Chávez, das „Schwert Bolívars“, des historischen Befreiers vom spanischen Joch, dem die Propaganda stets grenzenlose Bewunderung zollt. „Al panteón!“, schrien viele in die Kameras – Chávez hat dem Befreier in den letzten Jahren ein riesiges Mausoleum bauen lassen, in das nun, wie die Trauernden vorschlugen, am besten er selber einziehen soll.
Das letzte Foto mit seinen TöchternAP
Vom brasilianischen Ex-Präsidenten Lula bekam Chávez im Herbst, bevor er Anfang Dezember zu seiner vierten Operation nach Kuba flog, den Rat, möglichst schnell einen Nachfolger aufzubauen. Chávez hielt sich daran, und dieses letzte politische Manöver ist ihm auch geglückt, fürs Erste jedenfalls. Er empfahl den Venezolanern Vizepräsident Nicolás Maduro als Nachfolger, einen seiner altgedienten, treuen Gefolgsleute, der auch schon mal im Wahlkampf den Lastwagen lenkte, auf dem Chávez dem Volk zuwinkte. Auch wenn es zeitweise so schien, als sitze Maduro noch nicht sicher im Sattel des designierten Nachfolgers, so hat der 1962 geborene Ex-Gewerkschafter und Busfahrer die Zeit des langen Sterbens genutzt, um seine Macht zu festigen.
Dass Maduro, als er Chávez’ Ableben verkündete, von den zentralen Figuren der Führung umgeben war, aber sein Rivale, der Parlamentspräsident Diosdado Cabello, fehlte, wusste jedermann zu interpretieren. Mit der Entschlossenheit der Macht hat sich die Führung nun auch über die Verfassungsvorschrift hinweggesetzt, nach der Cabello bis zur Wahl in 30 Tagen Übergangspräsident wird – es ist Maduro, basta, so lautet die Nachricht. Und dafür hat sich der behäbige, ruhige und durchaus charismatische Maduro längst warmgelaufen.