Alle drei Jahre verleiht der Bund deutscher Architekten (BDA) Baden-Württemberg die begehrte Trophäe. Namenspatron ist der in Biberach geborene Hugo Häring, ein Vertreter des Neuen Bauens der 1920er Jahre. Der Auswahlprozess ist zweistufig. Zunächst treffen die BDA-Kreisgruppen mit der Hugo-Häring-Auszeichnung eine Vorauswahl, deren Sieger im Fachjargon „kleine Hugos“ heißen. Zwölf Monate später erfolgt die Endauswahl. Von den 679 Bauwerken, die insgesamt eingereicht wurden, freuen sich nun zehn Architekturbüros gemeinsam mit den jeweiligen Auftraggebern über einen Hugo-Häring-Landespreis, den sogenannten großen Hugo.
Die Zukunft gehört Backstein, Holz und Recycling
Dabei verrät ein Blick auf den Kreis der Gekürten zweierlei: Stahl, Glas und Beton, die drei Materialmusketiere der Industriemoderne, werden wohl bald in Rente geschickt. Die Zukunft am Bau gehört Backstein, Holz und Recycling. Dagegen stieß die wohl brennendste soziale Frage der Gegenwart, der Wohnungsbau, bei Organisatoren und Jury auf kein großes Interesse. Vom Kinder- und Jugenddorf Klinge in Seckach abgesehen, ist der Beznerturm in Ravensburg (Bächlemeid Architekten) das einzige Gebäude auf dem Siegertreppchen, das privaten Lebensraum für Familien bietet. Das ehemalige Verwaltungsgebäude einer Maschinenfabrik strahlt zweifellos viel postindustriellen Umnutzungscharme aus. Ob das Ganze aber auch auf Erschwinglichkeit für Normalverdiener angelegt ist, geht aus dem Statement der Jury nicht hervor. In Zeiten hemmungslos explodierender Miet- wie Kaufpreise hätte man von einem Verband wie dem BDA erwartet, dass auch die Kategorie der Bezahlbarkeit für breite Bevölkerungsschichten eine Rolle spielt.
Ein Seitenhieb auf vergangene Abrissuntaten
Doch im aktuellen Verfahren beschränkt sich das gesellschaftspolitische Statement auf Umweltaspekte. Wie man nachhaltig bauen beziehungsweise instand setzen kann, beweist vor allem die Sanierung des Künstlerquartiers der Stuttgarter Wagenhallen. Dem verantwortlichen Atelier Brückner gelang eine stimmungsvolle Architektur der verlorenen Zeit. Mit gebrauchten Klinkern, Sandstein und Satteldach haben die Planer den historischen Charakter des Lokschuppen-Ensembles aus dem 19. Jahrhundert erhalten und ins Heute geholt. „Dass ein Gebäude wiederverwertet wird, ist ja in Stuttgart nicht selbstverständlich“, meinte Michel Casertano vom Atelier Brückner bei der Online-Pressekonferenz zur Preisverleihung. Offenbar wollte sich der Projektchef den berechtigten Seitenhieb auf vergangene Abrissuntaten hiesiger Baukultur nicht verkneifen.
Längst haben auch andere das Prinzip der Nachhaltigkeit erkannt und ästhetisch offensiv zur Geltung gebracht – etwa das renommierte Stuttgarter Büro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, das die Karlsruher Zentrale des Drogeriekolosses dm mit einer Ziegelfassade aus Abbruchmaterial umkleidet hat. Ebenso stemmt sich die Bücherei der Gemeinde Kressbronn am Bodensee gegen den Fetischismus des Neuen. Das Team von Steimle Architekten verwandelte eine ausgediente Scheune in einen zeitgenössischen Medientempel. Über einem wuchtigen Sockelgeschoss aus Dämmbeton bekennt sich der Lesestadel mit Fachwerk und Holzlamellen zur regionalen Tradition.
Schönen Blick auf den Kessel
In der Nachbarschaft von so viel ökologischem Historismus erscheint der populärste der Preisbauten fast als Solitär einer ausklingenden Moderne: Stuttgarts neue John-Cranko-Schule. Aufgeteilt in fünf kastenstrenge Einzelkompartimente, tanzt der Entwurf des Münchener Duos Burger Rudacs die Hanglagen-Topografie hinauf. „Er stärkt die Stadtansicht mit seiner schlichten Prägnanz“, würdigen die Juroren den Bau. Recht haben sie. Vom oberen Abschluss der Tanzakademie in der Werastraße hat man nicht zuletzt einen perspektivenschönen Ausblick auf den Stuttgarter Talkessel – und die Koalitionsverhandlungen, die hier in puncto Architektur noch zu führen sind.
Zehn große Hugos – alle Preisträger auf einen Blick
► dialogicum, dm-Drogerie, Unternehmenszentrale, Karlsruhe
(LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei GmbH & Co)
► John-Cranko-Schule, Stuttgart
(Burger Rudacs Architekten)
► Kita im Park, Stuttgart
(Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten)
► Bischofsgrablege Sülchenkirche, Rottenburg/Neckar
(Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH)
► Kienlesbergbrücke, Ulm
(Knight Architects, GB)
► Kinder- und Jugenddorf Klinge, Seckach
(Ecker Architekten)
► Wohnen Beznerturm, Ravensburg
(Bächlemeid Architekten)
► Wagenhallen, Stuttgart
(Atelier Brückner)
► Bücherei, Kressbronn am Bodensee
(Steimle Architekten)
► Petrus-Jakobus-Kirche, Karlsruhe
(Peter Krebs Büro für Architektur)
Ausstellung Der Stuttgarter BDA-Wechselraum zeigt vom 23. November bis 25. Februar eine Ausstellung, in der sämtliche Siegerprojekte vertreten sind. Vernissage ist am Montag, 22. November, um 19 Uhr, Friedrichstraße 5, Di–Fr 14–18 Uhr.