Humanitäre Hilfe Schilfrohr gegen die Kälte und die Hitze

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Der Verein Heim-statt Tschernobyl baut im weißrussischen Ort Drushnaja eine Kläranlage aus Schilf. Es wird auch für die Dämmung von Häusern verwendet – wie für das kürzlich eröffnete Behindertenzentrum in Lepel.

Wenn die Seen  gefroren sind, wird  mit einer Schilfmähmaschine  geerntet. Foto: Heim-statt Tschernobyl
Wenn die Seen gefroren sind, wird mit einer Schilfmähmaschine geerntet. Foto: Heim-statt Tschernobyl

Holzgerlingen - Für Christof Schill gibt es immer etwas zu tun. Der 67-Jährige möchte nicht Nachlassen in seinem Bestreben, den Opfern der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl weiterhin zu helfen. Auch wenn sie bereits fast 33 Jahre zurückliegt. Der Ruheständler im sprichwörtlichen Unruhestand ist der Ehemann von Edeltraud Schill, die als Bundesgeschäftsführerin des Vereins Heim-statt Tschernobyl das Büro in Holzgerlingen leitet. „Wir werden in diesem Jahr mit dem Bau einer Schilfkläranlage beginnen“, berichtet Christof Schill. Für das Projekt im weißrussischen Ort Drushnaja werden noch Freiwillige gesucht, die an einem Workcamp in diesem Sommer teilnehmen und Hand anlegen.

Menschen wurden umgesiedelt

31 Häuser haben die Helfer von Heim-statt Tschernobyl auf einer Wiese knapp 300 Kilometer nördlich der weißrussischen Hauptstadt errichtet und zusammen mit den gemeinnützigen Vereinen Ökodom für die Umsiedlung von Menschen aus verstrahlten Gebieten gesorgt. Die Schills fahren mit anderen Aktiven des Entwicklungshilfevereins bereits seit 20 Jahren dorthin, im Zuge der Arbeitseinsätze zumeist in leitender Funktion. „Nun ist es Zeit für eine Kläranlage", sagt Schill. Das Abwasser läuft schon seit Jahren durch das Rohrsystem in einen nahegelegenen Wald, wo es in eine Grube mündet und zum Himmel stinkt. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit stimmte einem Förderantrag für das etwa 170 000 Euro teure Vorhaben im September zu. Das Projekt gelte als Musteranlage für den ländlichen Raum in Weißrussland, erklärt Schill, der in seinem früheren Leben als Fernmeldetechniker und Fachkraft für Arbeitssicherheit gearbeitet hat.

Schilfrohr wollen die deutschen Entwicklungshelfer zusammen mit ihren Partnern von Ökodom künftig noch intensiver nutzen. Die Häuser in Drushnaja sind damit gedämmt worden, um die Bewohner in den klirrend kalten Wintern und den glutheißen Sommermonaten zu schützen. Dasselbe gilt für 28 Gebäude in Stari-Lepel, wo ebenfalls Menschen aus dem radioaktiv-verseuchten Katastrophengebiet ihre neue Heimat fanden. Die Gebäude wurden von den Ehrenamtlichen, ihren weißrussischen Partnern sowie mit späteren Bewohnern in Fachwerkbauweise errichtet – mit Lehm, Holzhäckseln und Schilfrohrmatten. „Die neuen Einheimischen fühlen sich in ihren Häusern wohl“, berichtet Schill. Viele litten jedoch unter einer Immunschwäche, manche auch unter Schilddrüsenkrebs. Betroffen seien insbesondere Kinder.

Know-how der Behinderteneinrichtung im Kreis

Das Naturmaterial fand zudem beim Bau des neuen Behindertenzentrums in Lepel Verwendung, das nach zweijähriger Bauzeit im September eröffnet wurde. „Die Einrichtung für 50 Behinderte gilt als Leuchtturmprojekt im Land, weil es eine solche noch nirgendwo gibt“, sagt Schill. „Man muss sich vorstellen, dass in Weißrussland bisher wenig für Behinderte getan wird“, erklärt der Holzgerlinger. Man sei dort in etwa soweit wie die Bundesrepublik vor 50 oder 60 Jahren.

Zwei ehemalige Mitarbeiter der Gemeinnützigen Wohn- und Werkstätten (GWW) aus dem Kreis Böblingen, die sich im Ruhestand befinden, werden nach Lepel reisen, um dort ihr Know-how einzubringen. Die nächste Tour ist auf den 10. Januar terminiert. Dann wird Edeltraut Schill mit einem der ehemaligen GWWler die 30 Behinderten besuchen, die inzwischen in dem Zentrum leben. Sie haben sowohl geistige als auch körperliche Handicaps.

Viele Seen mit Schilfrohr

Was sie künftig in den Werkstätten produzieren, um damit einen Teil ihres Lebensunterhalts selbst zu verdienen, soll noch festgelegt werden. „Es ist in Weißrussland noch nicht üblich, dass große Firmen wie bei uns – beispielsweise Daimler oder Hewlett & Packard – Aufträge vergeben“, berichtet Christof Schill. Ein Idee sei deshalb, in den Werkstätten Vogelhäuschen herzustellen. Diese könnten ebenso exportiert werden wie die Schilfrohrmatten, die angesichts der vielen Seen in Weißrussland ebenfalls in größeren Stückzahlen und günstig produziert werden könnten.

„Wir haben schon die Fühler nach Deutschland ausgestreckt“, sagt Schill. Eine ökologische Baufirma in Norddeutschland habe solche Schilfmatten bestellt. Sie werden vor allem für alte Gebäude verwendet. Außerdem ordere sie bereits ein Zimmermann in Limburg an der Lahn.