Erforschung der Tiere Der lange Weg vom Wolf zum Hund

Schau mir in die Augen, Husky: Sibirische Schlittenhunde wanderten vor Jahrtausenden in Nordamerika ein, konnten sich dort aber nicht halten. Foto: AFP

Amerikas erste Hunde kamen aus Sibirien. Warum sind sie wieder verschwunden? Forscher suchen Antworten. Und dann wäre da noch die „Rache der Indianerhunde“.

Stuttgart - Hunde waren wohl auch die besten Freunde der Ureinwohner Amerikas. Eine Legende der Cheyenne-Indianer, die vor der Ankunft der Europäer im Westen der Großen Seen Nordamerikas lebten, erzählt von Hunden, die in der Nacht das Lager bewachten und tagsüber die Habseligkeiten der Menschen transportierten. Auch die Herkunft dieser Hunde beschreibt die Legende: Die Indianer hätten die Welpen von Wölfen aufgezogen und die Tiere so gezähmt.

 

Tatsächlich steckt auch in diesem Mythos ein wahrer Kern. Zeichnungen, Funde von Archäologen und weitere Hinweise zeigen klar, dass Hunde im Leben vieler Indianer eine wichtige Rolle spielten. Allerdings begann die enge Beziehung zwischen Mensch und Vierbeiner nicht mit gezähmten Wolfswelpen in Nordamerika. „Das schließen unsere Erbgut-Analysen aus“, erklärt Angela Perri von der Durham University im Norden Englands und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die Ahnen der Hunde der amerikanischen Ureinwohner waren wohl eher Schlittenhunde aus dem Nordosten Sibiriens, berichten die Archäologin und ihre Kollegen in der Zeitschrift „Science“.

Die Urahnen aller Hunde waren tatsächlich Wölfe

Völlig daneben liegt die Legende der Cheyenne allerdings doch nicht. Die Urahnen aller Hunde waren tatsächlich Wölfe, die einst wohl um die Lager der Jäger und Sammler der Steinzeit schlichen. Dort holten sich die Tiere zusätzlich zum eigenen Jagderfolg manchmal noch Reste der Beute, für die bei den Zweibeinern niemand mehr Verwendung hatte. Schlich sich dann ein für beide Arten gefährlicher Feind an – etwa ein Höhlenlöwe – wurden die Wölfe am Rande des Lagers unruhig und alarmierten damit auch die Menschen. So profitierten beide Arten voneinander und gewöhnten sich mit der Zeit daran, neben- und miteinander zu leben, vermuten Forscher wie Angela Perri.

Vielleicht duldeten die Jäger die weniger aggressiven Wölfe eher in ihrer Nähe – und leiteten so einen ersten Schritt zum Hund ein. Möglicherweise zogen die Menschen manchmal auch die Welpen einer verunglückten Wölfin auf. Menschen und Tiere gewöhnten sich so noch mehr aneinander, die heranwachsenden Wölfe hielten die Jäger für ihr Rudel und jagten mit ihnen gemeinsam. Später übernahmen die zahmen Tiere weitere Aufgaben wie den Transport von Lasten.

Der erste echte Haushund lebte schon vor mindestens 14 000 Jahren

Den ältesten sicheren Hinweis auf einen echten Haushund fanden Arbeiter 1914 in einem Steinbruch im heutigen Bonner Stadtteil Oberkassel: In einem Doppelgrab, in dem vor mehr als 14 000 Jahren eine vielleicht 25-jährige, rund 1,60 Meter große, relativ zierliche Frau und ein etwa 40- bis 50-jähriger, kräftig gebauter 1,68 Meter großer Mann gemeinsam mit vielen Grabbeigaben bestattet worden waren, lag auch ein Tier, das Forscher eindeutig als Hund identifizierten.

„Natürlich können Hunde schon viel früher domestiziert worden sein, nur haben wir bisher keine sicheren Hinweise dafür gefunden“, sagt Angela Perri. Ähnliches gilt auch für das Auftauchen von Hunden auf anderen Kontinenten: Sichere Hinweise datieren Archäologen für Afrika, Australien und Südamerika auf einen Zeitraum von 4000 bis 6000 Jahren, nur Nordamerika macht eine Ausnahme. Im US-Bundesstaat Illinois konnten Forscher südlich der Großen Seen die Überreste eines Hundes mit der Radiokohlenstoff-Methode auf ein Alter von 9900 Jahren datieren. Handelte es sich dabei vielleicht um einen Nachkommen der ersten Hunde, von der die Legende der Cheyenne-Indianer berichtet?

Die Forscher untersuchten das Erbgut von nordamerikanischen Hunden

Um diese Frage zu klären, untersuchten Angela Perri und ihre Kollegen das Erbgut von 71 Hunden, die vor der Ankunft der Europäer in Nordamerika lebten. Ergebnis: Sie stammten auf keinen Fall von den Wölfen des Kontinents ab, die Mythen der Cheyenne liegen in dieser Hinsicht falsch. Allerdings weist das Erbgut der Hunde der nordamerikanischen Indianer auf eine sehr enge Verwandtschaft mit den Hunden hin, die vor rund 9000 Jahren auf der Schochow-Insel lebten, die heute rund 500 Kilometer vor der Nordküste Sibiriens liegt. Größe und Statur diese Tiere ähneln verblüffend den Hunden, die seit langem die Habseligkeiten der Menschen im Hohen Norden auf Schlitten ziehen, berichtete das Magazin „Science“ im vergangenen Jahr.

Obendrein fanden Forscher im Dauerfrostboden der Schochow-Insel die Kufen von Schlitten aus dieser Zeit. Damit scheint klar, dass die Steinzeitmenschen auf der damals noch mit dem Festland Sibiriens verbundenen Insel vor 9000 Jahren Schlittenhunde züchteten. Die Hunde der Indianer Nordamerikas sind demnach mit den Schlittenhunden im Nordosten Sibiriens eng verwandt. Ihre Vorfahren erreichten die Neue Welt wohl über die damals trocken gefallene Beringstraße zwischen Sibirien und Alaska.

Das Verschwinden der Ur-Hunde gibt Rätsel auf

Als die Europäer dann seit dem Ende des 15. Jahrhunderts regelmäßig nach Amerika kamen, verschwanden die Hunde der Indianer rasch. „Im Erbgut der heute in Amerika lebenden Hunde finden wir so gut wie keine Spuren dieser Ur-Hunde mehr“, erklärt Angela Perri. Auch dieses Verschwinden gibt den Forschern Rätsel auf. Infektionskrankheiten könnten eine Rolle gespielt haben, die von den Hunden der europäischen Eroberer nach Amerika gebracht wurden und an denen viele Vierbeiner dort verendeten. Auch kamen bei hungernden Kolonisten immer wieder die Ur-Hunde des Kontinents auf den Teller.

Es seien wohl mehrere negative Faktoren gewesen, die die Hunde der Indianer zurückdrängten, vermutet Angela Perri. Überlebt hat auf einem skurrilen Weg nur das Erbgut der Tiere: Die Forscher konnten es in Tumoren nachweisen, die beim Geschlechtsverkehr vor allem zwischen Straßenkötern in Ländern wie Indien oder in Afrika übertragen werden. Dieser Tumor entstand vor höchstens 8000 Jahren wohl in Nordamerika und hat von dort vor allem die Länder auf der Südhalbkugel der Erde erobert. „Manchmal wird dieser Tumor auch die Rache der Hunde der Indianer genannt“, berichtet Angela Perri. Mehr als diese Rache und ein paar Fossilien ist von diesen Hunden nicht geblieben.

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