Hundetraining in Stuttgart Wie viel Dominanz ist nötig?

Runterkommen: Nora Hartmann beruhigt den ungestümen Bracken-Mix Nielo Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stadtbewohner schaffen sich einen Hund an, um mithilfe des Tieres dem hektischen Alltag zu entfliehen. Doch der vermeintliche treue Begleiter erweist sich manchmal als zusätzlicher Stressfaktor. Und dann?

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart - Mit Ende 30, als ihre Teenager-Töchter nicht mehr von ihr bemuttert werden wollen, beschließt Nora Hartmann, ihre bedingungslose Liebe einem Hund zu schenken. Auf der Website des Stuttgarter Tierheims entdeckt sie Nanuk, einen bezaubernden Welpen mit schwarzen Punkten auf dem flauschigen Fell. Nora Hartmann stellt sich vor, wie sie mit dem kleinen Racker entspannt durch den Wald schlendert. „Ich war naiv“, sagt sie heute.

 

Nanuk ist ein Galgo. Diese Windhundrasse wird seit Jahrhunderten in Spanien für die Jagd gezüchtet. Es liegt in Nanuks Blut, dass er nicht neben seinem Frauchen hertrotten, sondern jeder Fährte folgen will, die er mit seiner langen Schnauze aufspürt. Spaziergänge mit ihm bedeuten vor allem: Stress.

Nora Hartmann liest Fachbücher und engagiert mehrere Hundetrainer, um Nanuks extremen Jagdtrieb zu bändigen. Sie lernt, mit einer Stahlkette nach ihrem Hund zu werfen, sobald er sich unerlaubt von ihr entfernen will. Sie legt ihm ein Sprühhalsband an und schießt ihm per Fernsteuerung Druckluft gegen die Schnauze, wenn er sich nicht abrufen lässt. Doch nichts davon führt dazu, dass Nanuk sein unerwünschtes Verhalten ändert – im Gegenteil: Während eines Wanderurlaubs in Bayern reißt er ein Rehkitz. Nora Hartmann schreit „Hör auf!“ und peitscht mit der Leine auf ihren Hund ein, während Nanuk im Blutrausch dem zappelnden Wildtier die Kehle durchbeißt. „Für mich war das ein traumatisches Erlebnis“, erzählt sie. „Von diesem Moment an wusste ich, dass ich grundlegend etwas ändern muss.“

Kein Problem, sondern normales Verhalten

Sie macht sich auf die Suche nach einer alternativen Hundepädagogik und stößt auf die Bücher von Ulli Reichmann. Die Wienerin Reichmann bietet „Seminare für Hundemenschen“ an und vertritt Thesen, die die klassische Lehre auf den Kopf stellen. „Wir sollten damit aufhören, das normale Verhalten unseres Haustieres als Problem anzusehen“, fordert sie. „Ein Hund bellt nicht, um Geräusche abzusondern oder uns zu quälen, sondern weil er etwas mitzuteilen hat. Er knurrt auch nicht, weil er uns herausfordern möchte, sondern weil er höflich ,Bitte nicht‘ sagt. Und er jagt nicht, weil er uns nicht respektiert, sondern weil er‘s kann.“

Aus dieser verhaltensbiologischen Sicht heraus hat Ulli Reichmann eine neue Trainingsmethodik entwickelt: Statt dem Hund etwas zu verbieten, etwa das Jagen, wird er für seine angeborenen Instinkte gelobt. Nora Hartmann ruft nun nicht mehr streng „Nein!“, wenn Galgo einer interessanten Spur folgt, sondern säuselt mit hoher Stimme: „Was hast du denn Tolles entdeckt? Einen Hasen?“ Auf diese Weise, sagt sie, werde Nanuks Fokus von dem eigentlichen Ziel, der Beute, auf sie, seine Begleiterin, gelenkt. Als „gemeinsames Jagen, ohne das Wild zu stören“, beschreibt Nora Hartmann diese Mensch-Hund-Interaktion: „Es funktioniert und macht Spaß, weil man die Natur viel intensiver erlebt.“

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Nach dieser beglückenden Erfahrung beschließt Nora Hartmann, ihren Job in einem Textilgeschäft zu reduzieren und sich als Hundetrainerin selbstständig zu machen. Seit Sommer 2018 ist sie behördlich zertifiziert nach Paragraf 11 des Tierschutzgesetzes. Damit wäre sie berechtigt, die Sachkundeprüfung abzunehmen, die die grün-schwarze Landesregierung laut dem neuen Koalitionsvertrag für Hundehalter verpflichtend einführen will. Der praktische Teil soll ähnlich ablaufen wie in Niedersachsen, wo der sogenannte Hundeführerschein bereits 2013 eingeführt wurde: Dort muss das Mensch-Hund-Gespann in einem „stark frequentierten Bereich“ beweisen, dass es in der Lage ist, „sich auch in schwierigen Situationen problemlos in der Öffentlichkeit zu bewegen und für niemand anders, weder Mensch noch Tier, eine Gefahr darstellt“. Klingt nach einer Selbstverständlichkeit, würde sich aber für manchen der rund eine Million Hunde und Hundehalter in Baden-Württemberg als nahezu unüberwindbare Hürde erweisen.

Der Traumhund springt Jogger an

Tina und Mariusz sind ein Ehepaar von Mitte 40. Vor einem Jahr beschlossen sie, sich ihren Traumhund anzuschaffen: einen Riesenschnauzer. Daphne, die damals gerade mal neun Wochen alt war, holten sie von einem polnischen Züchter in ihre Wohnung nach Stuttgart-Wangen. Inzwischen misst die Hündin bis zur Schulter 60 Zentimeter und wiegt 33 Kilogramm – ist aber noch genauso wild wie als Welpe. Daphne will jeden Spaziergänger und Jogger anspringen. Offenbar mag sie Menschen, aber nicht alle Menschen mögen Riesenschnauzer. Aus diesem Grund stehen Tina und Mariusz nun mit ihr am Rand einer Wiese im Stuttgarter Süden und hören zum ersten Mal in ihrem Leben einer Hundetrainerin zu. „Riesenschnauzer sind wachsam“, erklärt Nora Hartmann. „Ihr könnt dieses Talent nutzen, um zu erreichen, dass Daphne lernt, bei Fremden Distanz zu wahren.“

Das funktioniert so: Daphne bekommt eine zehn Meter lange Leine ans Geschirr und Tina einen mit Leckerli gefüllten Beutel an den Gürtel. Sobald Daphne einen Passanten erspäht, ruft Tina freudig „Ludzie!“, was das polnische Wort für „Leute“ ist, bekommt einen winzigen Keks gereicht und wird mit Lob überschüttet: „Gutes Mädchen, das hast du ganz prima gemacht!“ So soll Daphne einerseits dafür belohnt werden, dass sie, die wachsame Hündin, den Fremden entdeckt hat, und gleichzeitig ihre Aufmerksamkeit auf ihr Frauchen gelenkt werden.

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Wenn Nora Hartmann die Leine in den Händen hält, klappt das wunderbar: Nach jedem „Ludzie!“-Ruf richten sich Daphnes schwarze Augen sofort auf die Hundetrainerin. Doch Tina wird am Ende der Übungsstunde noch immer von ihrer Riesenschnauzer-Dame ignoriert. „Bei mir wird das nie klappen“, jammert sie. „Nur Mut, das wird schon!“, sagt Nora Hartmann. „Du hast eine liebe, leicht zu motivierende Hündin. Du musst nur bei jedem Spaziergang mit ihr das üben, was ich dir gezeigt habe. Und das Wichtigste ist: immer schön ruhig bleiben! Denn deine Angst überträgst du auf Daphne.“

Von Cesar Millan bis Martin Rütter

Dass Hunde sich auf ihre Bezugspersonen einstellen, darin sind sich die Fachleute einig. Doch wie man das Tier dazu bekommt, dass es einem folgt, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Im Kern geht es um die Frage: Wie viel Zwang und Dominanz sind nötig und erlaubt in der Beziehung Mensch-Hund?

Der weltweit bekannteste Hundetrainer heißt Cesar Millan, ist gerade mal 1,65 Meter groß, lebt in Kalifornien und füllt mit seinen Bühnenshows auch regelmäßig die Stuttgarter Porsche-Arena. Millan tut den Hunden schon mal weh, damit sie kapieren, wo’s langgeht. Wenn’s sein muss, tritt er ihnen in den Bauch oder packt sie im Genick, um seine Autorität als „Leader of the Pack“, als Rudelführer, zu unterstreichen.

Dass sich das Tier dem Menschen unterzuordnen habe, gilt auch in den meisten deutschen Hundeschulen als Naturgesetz. Allerdings hat sich hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten die straffreie Erziehung durchgesetzt, wie sie etwa der Fernseh-Hundeprofi Martin Rütter propagiert: Folgt der Vierbeiner, gibt’s eine Belohnung vom Zweibeiner, folgt er nicht, gibt’s eben keine. Nora Hartmann meint hingegen, dass der Mensch dem Hund prinzipiell auf Augenhöhe begegnen sollte – schließlich habe er das Tier in sein Haus geholt. „Viele Trainer-Kollegen halten meine Ansichten für Quatsch“, sagt sie.

Professionelle Erziehungshilfe

Kundschaft, die ähnlich denkt und fühlt wie sie, findet sich dennoch genügend. Clara, 49, kommt in einem schwarzen Dreier-BMW aus Sillenbuch angebraust, Nielo steckt die Schnauze durch das halb geöffnete Beifahrerfenster in den Wind. Den jungen Bracken-Mix haben die Rechtsanwältin, ihr Mann und ihr 17-jähriger Sohn im Januar adoptiert. Schon vor der Pandemie, erzählt Clara, hätte die Familie darüber nachgedacht, einen Hund anzuschaffen. Doch mit Corona sei die Sehnsucht nach einem Fell-Gefährten gewachsen, der das häufige Zuhausesein und die ausgiebigen Waldspaziergänge abwechslungsreicher machen kann. Nach monatelanger Suche wurde die Familie im Tierheim Filderstadt fündig, von der Beschreibung auf der Website ließ sie sich nicht abschrecken: „Nielo ist ein großer kräftiger Kerl, der standfeste Besitzer sucht, die bereit sind, noch einiges an Erziehungsarbeit in den Buben zu stecken. Nielo hat einen erheblichen Jagdtrieb, an Freilauf ist in absehbarer Zeit und ohne fundierte Ausbildung nicht zu denken.“

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Für die fundierte Ausbildung soll Nora Hartmann sorgen. Es ist die sechste Einzel-Trainingsstunde, die Clara bei der Hundetrainerin gebucht hat, gut 300 Euro musste sie für die professionelle Erziehungshilfe bisher bezahlen. Doch noch immer zieht der aufgeregte Nielo sein zierliches Frauchen an der langen Leine durch den Heslacher Wald, einmal sogar so ruckartig, dass Clara auf ihrem Hosenboden landet. Geschlagene 20 Minuten schnüffelt er an einem Holzstapel herum, in dem sich offenbar ein Dachs versteckt hat. Es wirkt, als würde der Hund mit dem Menschen spazieren gehen und nicht umgekehrt. Dieser Eindruck, sagt Nora Hartmann, sei nicht ganz falsch: „Mein Ziel ist nicht der dressierte Hund, sondern der glückliche, zufriedene.“ Gleichwohl: „Clara, du musst Nielo auch kommunizieren, wenn du weitergehen willst!“ Ein deutliches Handzeichen, ein freundlicher Zuruf – und wenn der Hund kommt: verbales Lob und ein Leckerli.

Zwei frei laufende Golden Retriever kommen Nielo entgegen. Schwanzwedelnd begrüßen sie den Artgenossen und trotten dann wieder brav neben ihrem Besitzer her. Ihr sei bewusst, sagt Clara, dass sie ihrem ungestümen Bracken-Mix auch in hundert Übungsstunden nicht den ausgeglichenen Charakter eines Retrievers antrainieren könne: „Wir lieben Nielo so, wie er ist. Daheim ist er super verschmust. Er bereichert unser Leben.“

Nielos Vorgeschichte

Fünf Minuten Pause. „Der Hund muss immer mal wieder runterkommen“, sagt Nora Hartmann. Clara spricht derweil über Nielo: Der Hund stammt aus Rumänien. Ohne den Einsatz von deutschen Tierschützern wäre er in seinem Heimatland womöglich in einer Tötungsstation gelandet. „Wir hätten niemals bei einem Züchter einen Welpen gekauft“, sagt Clara. „Es gibt ja unzählige herrenlose Hunde, die ein Zuhause benötigen.“

Kurz vor 18 Uhr springt der Einwanderer Nielo in den schwarzen BMW und fährt mit seinem Frauchen zurück ins Sillenbucher Reiheneckhaus. Feierabend für Nora Hartmann. Die Hundetrainerin zündet sich eine Zigarette an und lässt kräftig Dampf ab. Sie sei es leid, in den Zeitungen immer nur von Beißattacken und Kackehaufen zu lesen. „Was wäre unsere Welt ohne Hunde?“, fragt sie. „Der Hund führt uns von der Hektik des Alltags zu unseren Wurzeln zurück, er erdet uns.“ Konflikte entstünden vor allem dadurch, dass die moderne Gesellschaft von einem Hund erwarte, dass er wie eine Maschine funktioniert: Er soll Jogger und Mountainbiker ignorieren, die auf ihn zurasen, oder sich von fremden Kindern anfassen lassen. „Viele Menschen reden stundenlang über ihre Gefühle“, sagt Nora Hartmann. „Aber die Gefühle des Tieres interessieren sie nicht.“

Nora Hartmann ist jetzt 51 Jahre alt. Ihre beiden Töchter sind längst aus dem Haus. Galgo Nanuk, mittlerweile taub und dement, ist noch immer an ihrer Seite. Zwei jüngere Mischlingshunde passen auf ihn auf, wenn Nora Hartmann bei der Arbeit ist. Frank, ein Lehrer und der Mann, mit dem sie seit mehr als einem viertel Jahrhundert verheiratet ist, würde die tierischen Mitbewohner nicht unbedingt brauchen. Ohne die Hunde könnte man auch mal nach Mallorca fliegen. Stattdessen hat Frank ein Wohnmobil angeschafft. In den Sommerferien geht es nach Südschweden, Nordspanien oder auf die holländische Nordseeinsel Texel – immer dorthin, wo es auch den Hunden gefällt.

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