InterviewHuub Stevens „Der VfB braucht einen Neuanfang“

Von  

Im Mallorca-Urlaub spricht Huub Stevens zum Abschluss seiner Trainerzeit beim VfB Stuttgart über die Fehler der Vergangenheit und die Chancen für die Zukunft.

Huub Stevens blickt auf seine Zeit in Stuttgart zurück. Foto: Nele Bendgens 17 Bilder
Huub Stevens blickt auf seine Zeit in Stuttgart zurück. Foto: Nele Bendgens

Mallorca - Es war der vorletzte Spieltag. Der VfB hatte gerade das eminent wichtige Heimspiel gegen den Hamburger SV gewonnen, und der Trainer Huub Stevens wurde mal wieder nach seiner Zukunft befragt. Da fuhr der gut gelaunte Niederländer diesen prächtigen Konter: Wer etwas wissen wolle, der möge nach der Saison doch bitte nach Mallorca kommen, wo er Urlaub mache. Aus Spaß ist dann Ernst geworden. Huub Stevens hat die Stuttgarter Zeitung auf der spanischen Insel empfangen, um auf seine intensive Zeit in Stuttgart zurückzuschauen, aber auch einen Blick nach vorne zu wagen.

Treffpunkt Cala Ratjada auf dem Lidl-Parkplatz. Dort holt Huub Stevens seine Mallorca-Gäste immer ab. In einem weißen Mietwagen fährt er heran, hupt einmal und signalisiert, ihm zu folgen. Nach wenigen Minuten gelangt man an das schicke Haus, das er zurzeit gemietet hat. Mit schönen Terrassen, großem Pool und herrlichem Meerblick. Alles vom Feinsten und für Stevens’ Geschmack fast eine Spur zu modern. Doch da das alte Domizil verkauft wurde und das neue auf der Baleareninsel derzeit noch gebaut wird, erholt sich der 61-Jährige hier. Braun gebrannt begrüßt einen Huub Stevens. Er ist ein freundlicher Gastgeber, der aber auch das Geschäft nicht vergisst.

Herr Stevens, Sie lachen mit der Sonne auf Mallorca um die Wette. Doch wie schwierig war es für Sie abzuschalten nach dieser aufreibenden Bundesligasaison?
Unheimlich schwer. Denn ich habe zwar immer gesagt, dass es diesmal schwieriger sein würde als beim ersten Mal, aber dass sich der Klassenverbleib auf diese dramatische Weise im letzten Spiel entscheiden würde, das habe ich nicht erwartet.
Was war die größte Herausforderung im Abstiegskampf?
Die Mannschaft nach den vielen Rückschlägen Woche für Woche wiederaufzurichten. Denn als Trainer hast du in diesen Phasen ja auch mit dir selbst zu tun, musst im selben Moment aber der Motivator für die Spieler sein. Das war extrem schwierig, aber diese Ausnahmesituationen passen ja zu mir. Ich habe nach Niederlagen meine Enttäuschung nie verborgen, doch am nächsten Tag haben die Spieler gesehen, dass ich wieder voll dastehe.
Inwieweit kommt da Ihr kämpferischer Charakter zum Tragen?
Ich denke schon, dass die persönlichen Erlebnisse und Enttäuschungen eine große Rolle spielen. Ich habe von Kindesbeinen an nichts geschenkt bekommen. Ich musste immer kämpfen. Nicht nur im Fußball, sondern auch im Privatleben.
Sie sprechen den frühen Tod Ihres Vaters an?
Ja, auch. Mein Vater hat glücklicherweise noch miterlebt, wie ich Fußballprofi geworden bin. Als ich 17 war, ist er dann tödlich verunglückt, und ich hatte plötzlich die Verantwortung für meine beiden jüngeren Brüder. Das hat mich sehr früh selbstständig werden lassen und auch geprägt.
Der Kämpfer aus Kerkrade.
Wenn Sie das so sagen wollen. Aber meine Familie stammt aus Sittard, und wir leben seit vielen Jahren in Eindhoven.
Dennoch: Hatten auch Sie irgendwann Zweifel, ob es der VfB diesmal noch schafft?
Sicher hatten wir auch im Trainerteam Momente, in denen wir gedacht haben: Puuh, kriegen wir das überhaupt noch hin?
Nach dem Hoffenheim-Spiel im Februar?
Richtig. Hoffenheim war für mich eine Riesenenttäuschung, und ich habe das auch zugegeben. Ich habe aber nicht gesagt, dass ich ratlos sei, wie es hinterher hieß. Sondern: Haben Sie Rat für mich?
Hatten Sie den Eindruck, dass der Manager Robin Dutt an Ihnen gezweifelt hat?
Nein. Wir sind sehr ehrlich miteinander umgegangen. Ich habe aber auch deutlich gemacht, dass der Verein bitte direkt einen anderen holen soll, wenn er glaubt, dass der es besser kann. Andersherum wäre ich auf Robin zugegangen, wenn ich gedacht hätte, ich kann es nicht mehr schaffen.
Waren Sie nah an diesem Punkt?
Tief in mir drin schon. Gegenüber der Mannschaft habe ich das jedoch niemals gezeigt.