„Die Welt der synagogalen Gesänge“: Das gemeinsame Konzert mit Nathan Goldman, dem Kantor der jüdischen Gemeinde, und den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben ist eine Premiere und der Beginn einer neuen künstlerischen Freundschaft.

„Ein jüdischer Kantor führt evangelische Chorknaben in die Welt der synagogalen Gesänge ein.“ Was Sylvia Löhrmann, Staatsministerin a. D. und Generalsekretärin des Vereins 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland, mit diesem Satz als ebenso außergewöhnlich wie staunenswert pointierte, war eine Premiere: 30 Jungen und Männer der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, die mit ihrem künstlerischen Leiter Rainer Johannes Homburg für ein gemeinsames Konzert mit Nathan Goldman, dem Kantor der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), in der Stuttgarter Synagoge auftreten. Begleitet von den Solisten Mini Schulz (Kontrabass) und Johannes Friedrich an der Orgel. Eindrucksvoller und berührender konnte die Botschaft des Jubiläums, dass das Judentum in Deutschland dazu gehört, nicht vermittelt werden. Denn das Konzert, eines von 1300 Veranstaltungen zu diesem Anlass, eröffnete mit den synagogalen Gesängen des Kantors und den Psalmen der Hymnus-Chorknaben auf einzigartige Weise die verbindende Harmonie der Musik zur Ehre Gottes.

Virtuose Künstler bescheren ein grandioses Hörerlebnis

Ein grandioses Hörerlebnis dank virtuoser Künstler: Kantor Nathan Goldman, ein begnadeter Bariton, geboren und aufgewachsen in England und Israel, sang bereits in jungen Jahren im Chor der Princes Road Synagogue und wurde aufgrund seiner großen Begabung als 16-jähriger in das Tel Aviv Cantorial Institute aufgenommen. Sein Studium, das er neben vielen Synagogenauftritten und dem dreijährigen Dienst in der israelischen Armee absolvierte, schloss er mit dem Kantorendiplom ab. „Seit 2017 ist er fest verhaftet bei uns in Stuttgart“, stellte ihn IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub dem Publikum vor und berichtete, dass er sich mit Leidenschaft der Aufgabe widme, den musikalischen Schatz der Synagogen Württembergs zu heben und diese Tradition mit neuem Leben zu erfüllen: Ob es das „Lecha Dodi“ in der ursprünglich von Immanuel Faißt vertonten Fassung sei, die seinerzeit sogar in den Synagogen Württembergs verbindlich war, oder das Purim-Lied „Kikhlot Yeini“ in der oralen Tradition der Gemeinde.

Die Hymnus-Chorknaben und Rainer Johannes Homburg, seit 2010 ihr künstlerischer Leiter, prägen als kirchliche Kulturinstitution mit rund 50 Konzerten und Auftritten in Gottesdiensten das musikalische Leben in Stuttgart in besonderer Weise. Das Repertoire des Chores mit 80 Sängern richtet sich an geistlicher Vokalmusik aus und enthält sowohl A-cappella-Werke vom Frühbarock bis zur Gegenwart als auch Oratorien, Passionen und Kantaten.

„Eine großartige Erfahrung“

Dass seine Chorknaben und -männer nun erstmals auch hebräische Texte sangen, sei eine Herausforderung und eine großartige Erfahrung, versicherte Homburg: „Wir wollen sehen und hören, wie die jeweils anderen singen und Gott preisen.“ Welche Rolle Musik und Gesang im Judentum und Christentum gleichermaßen und damit auch im christlich-jüdischen Dialog spielen, war Thema eines Podiumsgespräches zwischen Goldman und Homburg im Hospitalhof, das sich an das Konzert anschloss und von Nicola von Hauff, einem der Hymnus-Sänger, moderiert wurde. Wann, so seine Frage an Goldman, beginnt die jüdische Musikgeschichte? „Nach dem Auszug aus Ägypten, also um 1225 v. Chr. Im Tempel fand kein Gottesdienst ohne den Gesang der Leviten statt. Und die Melodien sind seit Jahrtausenden unverändert“, weiß Goldman, der die Bedeutung des Kantors hervorhebt: „Wird eine Synagoge errichtet, muss als Erstes ein Kantor bestellt werden.“

Im Zeichen von Shalom – Frieden

Knabenchöre auch in Synagogen und Gesangbücher belegen die Bedeutung der musikalischen Tradition, die durch den Holocaust verloren gegangen sei.

Homburg nennt als Analogie die Vespergesänge, die das Kirchenjahr und die Liturgie begleiten: „Luther hat Musik benutzt, um Glaubensinhalte zu tradieren und emotional zu stärken.“ Mit der Choralkantate „Verleih uns Frieden gnädiglich“, dem Gebet nach Worten Martin Luthers, vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, beendet der Hymnus-Chor seit dem 24. Februar 2022, dem Tag des Überfalls Russlands auf die Ukraine, nicht nur jede Probe – er stimmte sie auch in der Synagoge an. Als Zeichen gegen den Krieg, dessen Schatten auch auf diesen Beginn dieser besonderen künstlerischen Freundschaft fiel. Im Zeichen von Shalom, dem Gruß der Juden, der „Frieden“ bedeutet und in diesen Tagen besonders eindringlich klingt: 275 Schutzsuchende aus der Ukraine habe die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg mit ihren rund 2800 Mitgliedern bereits aufgenommen, berichtete Vorstandssprecherin Barbara Traub in ihrer Ansprache. Das gemeinsame Singen in der Synagoge war denn auch ausdrücklich als Benefizkonzert gedacht.