Hype um Künstliche Intelligenz Wo die KI Menschen nicht ersetzen kann

Da scheint Redebedarf zwsichen Mensch und Künstlicher Intelligenz. Oder ist gerade das das Problem? Das Gerede über KI. Foto: IMAGO/Ikon Images

Der Hype um Künstliche Intelligenz nervt wie verrückt. Hier kommt ein Loblied auf die Schönheit der menschlichen Zusammenarbeit.

Das aufgeregte Dauerplappern der selbst ernannten „digitalen Alchemisten und Evangelisten“ lässt sich derzeit wie folgt zusammenfassen: In spätestens drei Wochen haben die Maschinen die Herrschaft über uns degenerierte Menschen erlangt. Von Künstlicher Intelligenz gesteuerte, autonom fahrende Robo-Taxen flitzen durch Innenstädte, während hochgerüstete Pflegeroboter der alternden Gesellschaft nicht nur die Schnabeltasse reichen, sondern bei der Gelegenheit gleich die ganze Menschheit versklaven.

 

Ein großer Teil der aktuellen Berichterstattung um KI ist mediale Schnappatmung. Denn die Realität sieht anders aus: Im zäh fließenden Verkehr auf deutschen Autobahnen und in den hiesigen Innenstädten steht kein Robo-Taxi still. Stattdessen drängelt Diesel-Dieter und gibt Lichthupe. In Pflegeheimen arbeiten Fachkräfte aus Indien gegen den Kollaps an.

Ohne menschliches Material hat’s die KI schwer

Künstliche Intelligenz ist nur so schlau wie das menschliche Material, auf das sie zurückgreifen kann. Und wenn man sich die verwirrten Bahnen des Rasenmähroboters so ansieht, stellt man fest: Die chinesische KI hinter diesem Wunderwerk der Technik ist ähnlich selbstständig wie ein hormonvernebelter Teenager zwischen Kindheit und Pubertät.

„Ich bin überzeugt, dass vollautonomes Fahren im öffentlichen Straßenverkehr in den nächsten 50 Jahren überhaupt nicht möglich sein wird. Auch auf Roboter, die einem den Kaffee aus der Küche bringen, werden wir noch lange warten müssen“, erklärte Ralf Otte kürzlich im „Handelsblatt“.

Experten relativieren

Otte ist Professor für Automatisierungstechnik und Künstliche Intelligenz an der Technischen Hochschule Ulm, Autor des Buches „Maschinenbewusstsein. Die neue Stufe der KI – wie weit wollen wir gehen?“ und nicht die einzige Stimme, die den aktuellen Wirbel um Artificial Intelligence (AI), wie KI im englischen Sprachraum heißt, relativiert.

„Die KI-Welle kommt vielleicht nicht ganz so schnell, wie manche vorhergesagt haben“, hieß es kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung“. Das „Wall Street Journal“ verkündete: „Die AI-Revolution verliert bereits an Fahrt“. Und der „Guardian“ titelte wie folgt: „Vom Boom zum Platzen: Die KI-Blase kennt nur eine Richtung.“

Die Branche, die bis vor kurzem ihr eigenes Ende durch KI am lautesten herbei jammerte, wirkt auch schon wieder deutlich entspannter: Die Agenturwelt. Nachdem Ende der 1990er orakelt wurde, das Internet bedeute das Ende der Agenturbranche, weil es keine klassische Werbung mehr geben würde, und einige Jahre später sogenannte Influencer zum Sargnagel der klassischen Agentur erklärt wurden, war es jetzt also KI.

Die Prognose: Künstliche Intelligenz werde bald jeden menschengemachten Text und jedes ebenso hergestellte Bild ersetzen. Die Branche sei demnächst mausetot.

Der Bedarf an Einordnung ist vorhanden

Hört man sich in der stets aufgeregten Welt der Kreativen ein wenig um, wer gerade zu den heißesten Newcomern der Agentur-Szene gehört und den KI-Hype einordnen könnte, bekommt man ein erstaunlich lebendiges Agentur-Beispiel genannt: Friends & Foxes, gegründet 2020 in Berlin, mittlerweile in Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart ansässig und in ganz Deutschland aktiv.

Friends & Foxes verantwortet interaktive Showformate im Sport- und Entertainmentbereich, zum Beispiel rund um die vergangene Fußball-Europameisterschaft für Magenta TV, sowie verschiedene Doku- und Storytelling-Reihen für Streaming-Plattformen, unter anderem rund um die Icon League, einer alternativen Fußball-Liga von Weltmeister Toni Kroos.

Felix Willikonsky, der Friends & Foxes gemeinsam mit Tim Köper gründete, hat für das Interview das Büro einer befreundeten Agentur in München vorgeschlagen. Während sich ein Teil der Kreativschaffenden montags noch vom Wochenende im Club erholen muss, wirkt der 40-Jährige zwischen zwei Calls wie auf dem dritten Espresso.

Der Agenturchef, weinroter Kapuzenpulli von Lacoste und ein Schnauzbart, der Tom Selleck vor Neid erblassen ließe, arbeitet im Spannungsfeld zwischen Social Media und Fernsehen.

In seinen Videocalls spricht er heute mit einer Moderatorin über ein neues Podcast-Projekt, mit einem Fotografen über eine Dokumentation über einen Rennfahrer und mit einem Schweizer Unternehmer über einen Kongress zum Thema Biohacking.

Wirtschaftlich hat Friends & Foxes auf den Hype um KI mit einem strukturellen Modell geantwortet, das längst auch anderswo Schule macht: Weniger Festangestellte und stattdessen mehr Kooperationen mit anderen Kreativschaffenden. Dabei wird gemeinsam der Schönheit der menschlichen Kooperation gehuldigt.

Was KI nicht kann: Menschen mit Menschen vernetzen

Willikonskys Pensum an diesem Tag zeigt, was KI nicht kann: Menschen mit den passenden Menschen vernetzen. „Wir arbeiten mit einem Netzwerk aus Regisseuren, Autoren und Sportlern zusammen, stets mit dem Anspruch, Geschichten so zu erzählen, dass sie Menschen berühren und aktivieren“, erklärt der Kreative seinen Ansatz.

„Aktivieren“ gehört zu den Lieblingsbegriffen des Agenturchefs, den Wegbegleiter als Menschenfänger im positiven Sinne charakterisieren. Er singt ein Loblied auf die Kraft der Kooperation: „Es gibt nichts Besseres, als Menschen mit anderen Menschen zu verbinden, um eine Idee gemeinsam größer und schöner werden zu lassen“, sagt Willikonsky, der Künstliche Intelligenz eher als Handwerk ansieht, das die eigene Arbeit leichter machen kann: „Ich glaube daran, dass Menschen Dinge bewegen und uns die KI dabei unterstützt.“

Die Macher der Agentur Friends & Foxes: Tim Köper und Felix Willikonsky (re.) Foto: Leo Wanner

Der gebürtige Stuttgarter setzt KI zum Beispiel im Bereich der Recherche ein: Während die Künstliche Intelligenz Reichweite, Interaktion, Likes und Nutzungsfrequenz analysiert und Profile nach Themen und Branchen aufbereitet, entwickeln er und sein Team einen   erzählerischen Ansatz, der dem jeweiligen Projekt entspricht.

Braucht es noch Menschen?

„Am Ende des Tages ist es immer noch die gute alte Arbeit mit echten Menschen und echten Geschichten, nur eben unterstützt durch Künstliche Intelligenz“, sagt Willikonsky und verabschiedet sich in den nächsten Call mit einem Sportverband, der sich ein neues Video-Format für die Plattform Tiktok wünscht.

So ein Arbeitsnachmittag mit Felix Willikonsky macht all jenen Hoffnung, die an den qualitativ hochwertigen Austausch von Mensch zu Mensch glauben. Mittelmäßige Kreativ-Leistungen wie dürre Texte und uninspirierte Bilder können tatsächlich schon jetzt von der KI erledigt werden.

Für Geschichten, die am digitalen Lagerfeuer weitererzählt werden, wird es aber noch lange eine vielleicht zu Recht in die Kritik geratene Spezies brauchen: Menschen.

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