Hype ums Aufräumen Ein Besuch bei der deutschen Marie Kondo

Anika Schwertfeger könnte bald als deutsche Marie Kondo im Fernsehen zu sehen sein. Foto: Hannah Thelosen

In ihrer Netflix-Serie hilft Marie Kondo Familien beim Ausmisten. Wer das beruflich machen möchte, kann Kondo-zertifizierter Aufräumberater werden. Was Anika Schwertfeger dabei erlebt hat, erzählt sie hier.

Berlin - Wohnt hier jemand? Auf dem Nachttisch steht eine kleine Lampe, auf dem Küchentisch eine Vase mit künstlichen Blumen. Kein Krimskrams, kein Staub, kein kalter Kaffee. Ein Doppelbett und ein türkisfarbenes Sofa sind die größten Möbel in dem Ein-Zimmer-Apartment. Nirgends liegt Kleidung herum. An der Wand über dem Bett hängt ein einzelnes Bild. „Home“ verkündet ein Schriftzug aus Holz, der an einen Pflanzentopf geschnürt ist – als wolle das Schild den Besucher überzeugen: Hier wohnt wirklich jemand.

 

Ihre Bücher hat Anika Schwertfeger verschenkt. „Bücher repräsentieren Wissen. Mir reicht es, die Informationen im Kopf zu speichern, anstatt im Regal zu lagern. Ich muss nicht zeigen, was ich weiß“, sagt Schwertfeger. Auch Sektgläser, findet die 31-Jährige, benötigt man zum Leben nicht viele. Zwei Stück stehen auf einem Bord in ihrer Küche. Braucht Schwertfeger mehr, leiht sie welche vom Nachbarn.

Fünf Stunden Ausmisten kosten 290 Euro

Anika Schwertfeger verdient ihr Geld damit, anderen Menschen beim Ausmisten zu helfen. Aber nicht so, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Sondern nach der Methode der weltbekannten Aufräumberaterin Marie Kondo. In Deutschland gibt es vier Frauen, die über ein Zertifikat Kondos verfügen. Anika Schwertfeger ist eine von ihnen. Fünf Stunden Ausmisten mit Anika Schwertfeger kosten 290 Euro.

Lesen Sie hier: Marie Kondos ordentliches Leben

„Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ hieß das erste Buch, das Marie Kondo 2011 veröffentlichte. Es führte monatelang die New York Times-Bestsellerliste an. Die Frau schrieb weitere Bücher, sie wurden in über 40 Ländern veröffentlicht, der Ratgeber „Magic Cleaning“ verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal. Die Japanerin hat auf Twitter mehr Follower als die meisten Mitglieder der deutschen Bundesregierung. 2015 wählte das Time Magazin sie zu den 100 einflussreichsten Menschen der Erde. Und spätestens seitdem im Januar ihre Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ läuft, dürften auch hierzulande viele Menschen die Ordnungsberaterin kennen. Anika Schwertfeger könnte demnächst als deutsche Marie Kondo über die Fernsehbildschirme flimmern. Mehrere Sender hätten sie bereits kontaktiert, sagt Schwertfeger.

Falten ist wichtig, Gefühle noch wichtiger

Wer nach Kondos Methode aufräumen will, soll nach Kategorien vorgehen. Beispiel: Kleider. Man werfe alle auf einen Haufen und stelle sich dann bei jedem Stück die Frage: „Does it spark joy?“, auf Deutsch etwa: „Bringt es mir Freude?“. Dinge, auf die das zutrifft, dürfen bleiben. Bevor die Klamotten zurück in den Schrank können, müssen sie aber richtig gefaltet werden. Marie Kondo zeigt auf Youtube, wie das geht: Erst ein Rechteck legen, dann das Ganze zwei Mal zusammenklappen und wie eine Art Häuschen aufstellen. „Wenn ein Kleidungsstück richtig gefaltet ist, wird es stehen“, sagt Kondos Übersetzerin in dem Video. Mehr als 46 000 Menschen haben das geliked.

Anika Schwertfeger gewinnt diesem Vorgehen viel Sinn ab. Ihre Kleidungsstücke stehen entsprechend gefaltet und aufgestellt in Kästen in ihrem Schrank. „Man sieht auf den ersten Blick alles und muss nicht erst den Stapel durchgehen“, sagt Schwertfeger. Sie spricht langsam und ruhig. In der Arbeit mit ihren Kunden geht es Schwertfeger aber nur am Rande um die richtige Falttechnik. Wichtiger sind ihr die Gefühle. „Wann fühlt man denn heutzutage noch in sich hinein?“, fragt Schwertfeger. Das sei beim Ausmisten ganz wichtig. Am Anfang höre die Beraterin von ihren Kunden oft, dass sie gar nicht wüssten, was sie fühlen, wenn sie vor ihrem Kleiderhaufen stehen. „Man kann erst loslassen, wenn man Gefühle zulässt“, sagt Schwertfeger.

Es geht um’s Loslassen

Loslassen ist für die gebürtige Erfurterin ein Thema, seitdem ihr Vater überraschend starb, als sie vierzehn war. Schwertfeger lächelt viel. Zuhören, sagt sie, liegt ihr mehr als selbst zu reden. Bei einem Auslandssemester in Australien hat sie eine Spanierin getroffen, die beide Eltern verloren hatte und trotzdem fröhlich war. „Ob man glücklich ist oder nicht, ist eine Entscheidung“, sagt Schwertfeger. „Du kannst alles haben und trotzdem unglücklich sein.“

Alle Menschen, die sie kontaktieren, befinden sich in einem Transformationsprozess. „Nur wissen sie das vorher nicht. Die meisten rufen an und sagen, sie brauchen Klarheit, dass ihnen alles zu viel ist.“ Trauer, Tod, das Ende einer Beziehung, ein Wechsel im Beruf – welcher Veränderungsprozess hinter dem Wunsch nach Ordnung stecke, zeige sich meist erst später.

Kondo-Seminar in New York

Der Weg bis zum Kondo-Zertifikat ist lang. Schwertfeger erfuhr 2016 von Marie Kondo, weil ihr Bruder ihr ein Buch der Japanerin schenkte. Im Jahr darauf flog Schwertfeger für ein Kondo-Seminar nach New York. Etwa 2000 Euro habe das gekostet. „Im Vergleich zu anderen Coaching-Seminaren ist das gar nicht so viel“, sagt Schwertfeger. Die 31-Jährige hat Wirtschaftspsychologie studiert und schon vor der Kondo-Schulung als Coach gearbeitet.

Um zu dem Seminar zugelassen zu werden, habe sie zunächst Fotos davon einsenden müssen, wie sie die Methode bei sich zu Hause anwende. Nach den Unterrichtstagen in New York – „Ja, Marie Kondo war auch da“ – folgten Probeklienten. Zu denen habe sie Berichte einschicken müssen, erinnert sich Schwertfeger: Was ist passiert? Was hätte sie besser machen können? Dazu wiederum habe es Rückfragen gegeben. Außerdem folgte noch ein theoretischer Test mit Fallstudien, bevor schlussendlich das Zertifikat ausgestellt wurde. „Marie hat jahrzehntelange Aufräumerfahrung. Dass ihre Arbeit bewahrt wird, ist unabdingbar für den Erfolg des Programms“, heißt es auf Marie Kondos Webseite.

Das Netzwerk unter den Kondo-Beratern

Eigentlich hat Schwertfeger mit Aufräumen nie ein Problem gehabt. Doch ihr Bauchgefühl habe ihr damals gesagt: Irgendetwas Gutes werde sich aus der Sache ergeben. Wie viele Kunden sie heute hat, will Anika Schwertfeger nicht sagen. Das sei mit den anderen drei deutschen Beraterinnen so abgesprochen. Das Netzwerk innerhalb der Kondo-Gemeinschaft ist Schwertfeger wichtig. „Ich bin total eng mit den anderen dreien. Da ist eine echte Freundschaft entstanden.“ Auch einen Europa-Ansprechpartner gibt es laut Schwertfeger. Die Berater kommen bei Treffen zusammen, zum Beispiel Ende letzten Jahres in Frankfurt. Und die Schar der Aufräumberater dürfte in Zukunft noch wachsen. Bei Schwertfeger rufen jetzt manchmal Leute an, die jetzt selbst ein Kondo-Zertifikat machen wollen und Fragen zum Ablauf haben.

Nach dem Treffen schickt Schwertfeger ein Foto von sich: Sie sitzt auf dem Bett und hat ein weißes Kleidungsstück zwischen den Händen, das sie gerade aufstellen will. Noch vor ein paar Jahren hätte diese Bewegung keine Bedeutung gehabt. Jetzt wirkt sie wie das Erkennungszeichen des Kondo-Clans.

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