Krimikolumne

Iain Levison: „Gedankenjäger“ Gedankenleser unter sich

Von Georg Patzer 

Ein Polizist, der ganz genau weiß, was in den Köpfen der Leute vorgeht: Iain Levison spielt in „Gedankenjäger“ mit einer interessanten Idee.

Iain Levison erzählt seine Geschichte schön stringent. Foto: privat
Iain Levison erzählt seine Geschichte schön stringent. Foto: privat

Stuttgart - „Nie war er glücklicher gewesen, dass er allein wohnte. Als der Pizzalieferant an der Tür gestanden hatte, hatte er dreißig Sekunden dessen Gedankenstrom mitgehört, während er nach einem Zwanziger suchte ... wird der Mann mir ein Trinkgeld geben. Shit, ich hoffe, der lässt sich nicht bis auf den letzten Cent rausgeben, hat ein nettes Apartment, so eins hätte ich auch gern, keine Mitbewohner, Mann, ich muss wirklich ausziehen“.... und immer so weiter. Als wäre man in Joyces Schlusskapitel von „Ulysses“. Ein blöder Gedanke nach dem anderen. Und Jared Snowe hört sie alle. Er hört auch seine Kollegen denken. Der eine will ihn reinlegen, der andere überlegt, wie er den neuen hübschen Kollegen vernaschen könnte, der dritte dealt heimlich mit Drogen.

Jared Snowe ist Polizist. Und kann plötzlich die Gedanken anderer Menschen hören. Sehr praktisch: Denn jetzt muss er sich nicht alle möglichen Lügen anhören wie von der Frau, die sagt, sie sei zu schnell gefahren, weil sie grade von ihrer kranken Großmutter kommt. Kann die Mörder überführen, weil er genau hört, dass sie in Gedanken gestehen. Kann jemanden fragen, was der Code für die Tür ist, und einfach seinen Gedanken lauschen. Kann dafür nicht mit einem Kollegen Streife fahren, weil er acht Stunden mit dessen Gedanken durchdreht. Einsam wird er dabei, denn er kann andere Personen kaum noch vertragen.

Die einen werden verrückt, die andern reich

Mit einer interessanten Idee spielt Iain Levisons Roman „Gedankenjäger“: dass es Gedankenleser gibt. Was macht man daraus? Die einen werden verrückt und bringen sich um. Die anderen werden reich, weil sie beim Pokerspielen einen enormen Vorteil haben. Jared Snowe hilft der Gerechtigkeit und dem Recht. Und Denny Brooks hilft der amerikanischen Regierung, einem afrikanischen Diktator, an der Macht zu bleiben. Denny Brooks ist ein verurteilter Polizistenmörder, der seine Gabe erst im Gefängnis entdeckt hat und der jetzt von der attraktiven Terry Dyer, die gegen das Gelesenwerden immun ist, extra für diesen Auftrag zu den Vereinten Nationen gebracht wird. Aber dann hört er, wie einer seiner Wächter denkt: Der wird heute Abend noch umgebracht. Und beschließt zu fliehen.

Wie findet man einen, der Gedanken lesen kann? Indem man einen anderen Gedankenleser auf ihn ansetzt. Aber dann läuft alles aus dem Ruder, denn da sie sich gegenseitig lesen können, da sie sich ähneln, verbünden sie sich miteinander.

Die Story bleibt immer auf Tempo

Levisons Geschichte ist sehr spannend konstruiert und flott geschrieben, und wenn man sich mal auf dieses Gedanken-Spiel eingelassen hat, auch glaubhaft. Die Bündnisse wechseln schön schnell, die Story bleibt immer auf Tempo, auch ihre Wendepunkte kommen direkt und schlüssig. Bis dann die Geschichte erzählt wird, dass sowohl Denny als auch Jared mal in Alaska stationiert waren, wo sie in einer Bar betäubt wurden... und dass sie das gleiche Tattoo haben ... und dass alle anderen, die Gedankenlesen können, auch in Alaska waren ... und der Chef dieser Geheimbehörde vom „Alaska-Projekt“ spricht .... Da fühlt man sich dann doch ein wenig zu sehr an den „Manchurian Candidate“ erinnert und an die Bourne-Trilogie und kann nicht anders als kurz die Augen zu verdrehen.

Bis auf diesen Konstruktionsschönheitsfehler aber ist die Geschichte schön stringent erzählt und unterhält sehr gut. Der Klappentext behauptet, es sei „eines jener unheimlichen Bücher, das einen bis in die Träume verfolgt“, das ist aber nur ein schönes Beispiel für die Klappentext-Lyrik, die in manchen Verlagen grassiert.

Iain Levison: Gedankenjäger. Roman. Übersetzt von Walter Goidinger. Deuticke Verlag, 302 S., 19 Euro