So haben die Stuttgarter Andreas Hofer noch nicht erlebt. Seit fünf Jahren bereitet der Schweizer Architekt und Städteplaner als Intendant der IBA 27 die internationale Bauausstellung vor, mit der Stuttgart und die Region einen spannenden Beitrag zur Diskussion über das Bauen der Zukunft leisten wollen. In fünf Jahren sollen die Ergebnisse dieser Überlegungen präsentiert werden.
Bisher war Andreas Hofer in Stuttgart als stets optimistischer Vordenker für städtebaulich, architektonisch und ökologisch wegweisende Projekte aufgetreten. Jetzt geht es darum, die zahlreichen Ideen tatsächlich umzusetzen. Schließlich ist es Hofers Ziel und der logische Anspruch der IBA, 2027 nicht nur architektonische Wunschträume zu skizzieren, sondern tatsächlich wegweisende Bauwerke zu zeigen. Auf dem Weg dorthin stößt Hofer aber immer wieder auf hohe, gelegentlich wohl allzu hohe Hürden.
Eine Hilfeschrei oder zumindest ein Weckruf
Am Mittwoch jedenfalls hat der Intendant eine bemerkenswerte Halbzeitbilanz gezogen. Anlass war eine Sitzung des Verbands Region Stuttgart (VRS), der zusammen mit der Stadt Stuttgart Hauptgesellschafter und gleichzeitig Hauptgeldgeber der IBA Gesellschaft ist.
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Andreas Hofers Rede hatte etwas von einem Hilfeschrei oder zumindest eines Weckrufs. Dabei räumte er durchaus auch eigene Fehler ein. So sei es bisher noch nicht ausreichend gelungen, das Projekt IBA 27 über Fachkreise hinaus im Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten zu verankern. Die vorbereitenden Festivals 2023 und 2025 sollen diesen Missstand beheben helfen.
Rundumschlag gegen Behörden, Investoren und Baurecht
Dann aber holte Hofer zum Rundumschlag gegen örtliche Behörden, Investoren und die geltende Rechtslage in Deutschland aus. Zwar, so betonte er, gehe er nach wie vor davon aus, dass die IBA 27 ein Erfolg werden könne. Viele Projekte seien auf einem guten Weg. Wolle man diesen aber erfolgreich zu Ende gehen, müsse noch vieles – und das dann auch sehr schnell – passieren. Sonst drohe absolutes Mittelmaß. Hofer: „Für mich steht fest: wenn es nicht herausragend ist, ist es nicht IBA-tauglich.“
Die Liste der aus Hofers Sicht vorhandenen Mängel ist lang: Bei vielen Verwaltungen fehlten Fachleute, um ein solches Großprojekt wie die IBA stemmen zu können. Probleme sieht Hofer auch in eingefahrenen Planungssystemen und in den Bauvorschriften. Die statische und hierarchische Struktur des Planens brauche nicht nur wertvolle Zeit. Hofer: „Letztlich führt das auch zu herkömmlicher Architektur.“
Oft nur die zweit- oder drittbeste Lösung
Hinzu komme, dass vielen Beteiligten sich nicht trauten, neue Ideen zu verwirklichen. Immer wieder geschehe es, dass fehlender Mut der Jurys bei den Architektur- und städtebaulichen Wettbewerben dazu führe, dass nur der zweit- oder drittbeste Vorschlag ausgewählt worden sei. Einer Bauausstellung unwürdig sei es aber, wenn hart errungene Entscheidungen von Preisgerichten im Nachgang von Aufsichtsräten und Vergabegremien in Frage gestellt würden. Hofer: „Fehlendes Know-how führt auch immer wieder zu Beratungsresistenz.“
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Auch würden Nachhaltigkeitsziele, die bei der IBA eine wichtige Rolle spielen, schon bei kleinsten Widerständen allzu schnell relativiert. Es zeige sich, dass die IBA teilweise an die Grenzen des Formats stoße: Sein Team, sagte Hofer, könne inspirieren, überzeugen, Wissen vermitteln und vernetzen. Die IBA baue aber nicht selbst, habe keine Grundstücke. Verantwortlich für die Umsetzung vor Ort seien die Projektträger, also Kommunen, Genossenschaften, private Investorinnen, städtische Baugesellschaften.
„Wir starten auf einem niedrigen Niveau“
Hofer forderte mehr Mut und vor allem Respekt vor dem Format IBA ein. Es gelte nun, alle Kräfte zu bündeln, alle Ressourcen zu mobilisieren, die Strukturen und Abläufe nachzujustieren und gemeinsam zu lernen. Zwar mache die IBA einen großen Schritt, aber, so Hofer: „Wir starten im nationalen und internationalem Bereich auf tiefem Niveau. Da sind andere bereits viel weiter.“ Hofer prognostiziert, dass nicht alle Projekte die IBA-Qualitätsziele erreichen werden: „Es werden auch nicht alle Projekte ihre Zeitpläne einhalten.“ Deshalb werde man noch mehrere Projekte bis zur IBA verlieren.
Hofers Rundumschlag hat die Stadt und das Land – das sich mit Förderzuschüssen am Projekt beteiligt – kalt erwischt. „Natürlich haben wir ein Interesse daran, dass die IBA 27 ein großer Erfolg wird“, erklärte ein Sprecher des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen. Das Stuttgarter Rathaus betont, dass viele IBA-Projekte auf einem guten Weg seien. Stadtsprecher Sven Matis: „Wir sehen die Herausforderungen und stellen uns ihnen. Die IBA hat hohe Qualitätsanforderungen, diese wollen wir erfüllen. Das gilt es in fünf Jahren real zu zeigen. Das erfordert noch eine große Anstrengung von allen Beteiligten und vielleicht auch mal andere, innovative Wege.“