IBA im Rems-Murr-Kreis Werkpläne für die Bauausstellung

In Backnang werden für die Bauausstellung 16,7 Hektar innenstädtischer Fläche umgemodelt. Foto: Geobasisdaten LGL, www.lgl-bw.de

Mit dem Jahreswechsel ist auch die Internationale Bauausstellung Stuttgart 2027 ein Jahr näher gerückt. Vier Vorhaben im Kreis sind jetzt offizielle IBA-Projekte – eine kleine Bestandsaufnahme.

Waiblingen - In fünf Jahren jährt sich der Bau der Weißenhofsiedlung in Stuttgart zum 100. Mal. Zum Jubiläum der weltweit bekannten Werkbundsiedlung von Mies van der Rohe und anderen richtet Stuttgart mit der Region die Internationale Bauausstellung 2027 aus. Seit drei Jahre werden Projekte und Bauten entworfen, geplant und vom IBA-Kuratorium auf ihre Tauglichkeit für das Gesamtvorhaben der IBA 2027 geprüft. Vorhaben in Fellbach, Backnang, Winnenden und Kernen gehören zu den 16, die regionsweit die Hürden bereits genommen haben und als großflächige Vorzeigeprojekte künftiger Lebenswelten definitiv mit dabei sind.

 

„Quartier Backnang West“: Kultur, Gewerbe und gemeinschaftliches Wohnen

Das Quartier Backnang West entsteht auf einem seither industriell genutzten Areal entlang der Murr. Die Entwicklung des Areals unter Einbindung erhaltenswerten Industriebauten ist für die einstige Gerberstadt Backnang eine besondere Chance, sagen die Protagonisten: Durch zeitgemäße Nutzungsmischungen mit Flächen für Kultur, Bildung, Gewerbe und gemeinschaftliche Wohnformen erhöht sich die Attraktivität der Innenstadt. Die Nähe zum Wasser schafft besondere Freiraumqualität. „Einige Bausteine“des Mammutprojektes sollen zur Bauausstellung in fünf Jahren sichtbar sein.

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„Die Architekturelite aus aller Welt hat ein regelrechtes Füllhorn an Ideen über Backnang ausgeschüttet“, sagt der IBA-Intendant Andreas Hofer zum geplanten Quartier an der Murr. Mehr als 100 Büros aus der ganzen Welt hatten beim Städtebau-Wettbewerb erste Skizzen abgegeben. Auf dem ersten Platz landete der Entwurf des Büros Teleinternetcafé Architektur und Urbanismus aus Berlin zusammen mit Treibhaus Landschaftsarchitektur aus Hamburg. Wesentliches Element ist die Murr. Sie wird zum Band mit Freiräumen, wassernahen Parks und terrassenartiger Uferpromenade.

Links und rechts des Flüsschens sind drei Teilquartiere vorgesehen , die „WohnFabrik“, der„CityCampus“ und das „StadtWerk“. Jedes könnte einen „Hochpunkt“ erhalten – Hochhäuser mit maximal 15 Geschossen. Ziel ist ein „Quartier für alle“, in dem auch einige Fabrikgebäude erhalten bleiben sollen. Aufgestockt wird der Sockelbereich mit Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie durch unterschiedliche Wohnungstypen inclusive Generationenhäusern. Grundlage des Mobilitätskonzeptes: Alle Dinge des täglichen Bedarfs sind in 15 Gehminuten erreichbar.

Zukunftsprojekt Hangweide in Kernen: Ein Modell für das „urbane Dorf“

Als Meilenstein für das „Zukunftsprojekt Hangweide“ ist im Oktober 2021 die offizielle Kooperationsvereinbarung gefeiert worden. In wenigen Jahren soll aus dem ehemaligen Behindertendorf ein gemischtes Quartier mit hohen Freiraumqualitäten für gut 1000 Menschen werden. Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs ist das Stuttgarter Büro UTA Architekten, rechtzeitig zum Bauausstellungsjahr 2027 sollen Teile der zukunftsfähigen Lebenswelt präsentabel sein.

„Als urbanes Dorf vereint das Quartier Hangweide die ländlichen Wurzeln von Kernen in Remstal mit den städtischen Qualitäten des Großraums Stuttgart“, sagt der IBA-Intendant: „Die Qualität des Projekts zeigt sich vor allem in der solidarischen und gemeinschaftlichen Quartierentwicklung.“ Im bezahlbaren Wohnraum für alle Bedürfnisse soll sich eine Quartiersgenossenschaft um die Koordination der gemeinschaftlichen Infrastruktur, der Energieerzeugung und der Interessen der Bewohnenden kümmern.

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Das Konzept sieht als Leitbild ein dicht bebautes Dorf mit Elementen moderner, städtischer Infrastruktur vor: Eine Kombination aus städtischem und dörflichem Leben mit unterschiedlichen Wohnformen und Eigentumsverhältnissen. Ziel ist es, ein Modell für ein neues solidarisches und gemeinschaftliches Zusammenleben im urbanen Raum zu entwickeln. Eine als Genossenschaft organisierte Quartiermeisterei kümmert sich um die Organisation und den Betrieb der neuen Dorfgemeinschaft. Dazu kommt ein ambitioniertes Konzept für Energie-, Mobilitäts- und Wassermanagement.

Dialogorientierte Planung in Fellbach: Agriculture meets Manufacturing

Landwirtschaft trifft Industrie: Im Westen der Stadt Fellbach liegen zwei Standorte urbaner Produktion in direkter Nachbarschaft. Die Stadt Fellbach will dieses Gebiet neu ordnen und setzt dabei auf dialogorientierte Planungsprozesse. Das Projektgebiet umfasst 110 Hektar und liegt zwischen Stuttgart und der Fellbacher Innenstadt. Auf der einen Seite der Stuttgarter Straße liegen intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen mit Gärtnereien, Obst- und Gemüseanbau, auf der anderen das größte Gewerbegebiet der Stadt. Flächen sind knapp, Nutzungskonflikte nehmen zu. In einem breiten Dialog wird eine übergreifende Vision für das Gebiet entwickelt. Gewerbetreibende, Landwirte und die privaten Grundstücksbesitzer bringen ihre Ideen mit ein. Bei den Planungen geht es unter anderem um Möglichkeiten einer Durchmischung und Nachverdichtung des Gewerbegebiets, um die Qualität der städtischen Räume und um Optionen zur Stärkung der urbanen Landwirtschaft. Bis 2027 sollen erste Vorhaben realisiert sein.

Produktives Stadtquartier Winnenden: Gewerbe, Wohnen und Freizeit

Winnenden plant auf einer Fläche von 5,5 Hektar ein dichtes, gemischt genutztes Quartier. Das „Produktive Stadtquartier Winnenden“ liegt im Südwesten der Stadt, wo Obstanbau und Landwirtschaft mit Gewerbe zusammentreffen. Hier soll ein neues Viertel entstehen, das wenig Fläche verbraucht und gleichzeitig mehr Wohnraum und zusätzliche Gewerbeflächen erschließt, die sich gut in die Umgebung einpassen. Durch die Nähe zum Bahnhof und zur Anschlussstelle der B 14 bringt das Gebiet gute Voraussetzungen dafür mit.

Im Frühjahr 2021 hat das Büro JOTT architecture and urbanism aus Frankfurt am Main den offenen Städtebauwettbewerb der Stadt Winnenden und der IBA’27 gewonnen. Der Entwurf für ein produktives und lebenswertes Stadtquartier der Zukunft mischt Flächen für Industrie, Gewerbe, Wohnen und Freizeit in neuartigen dichten und urbanen Baublöcken, die in großzügige, gemeinschaftlich genutzte Freiräume eingebettet sind. Die Vorstellung: So werde das Stadtviertel zugleich Gewerbe- und Wohngebiet. Als nächsten Schritt erstellt die Stadt ab Frühjahr 2022 zusammen mit dem Wettbewerbssieger einen Rahmenplan für das produktive Stadtquartier Winnenden.

Die weitere sieben Rems-Murr-Vorhaben im „IBA-Netzwerk“

Unter den 74 weiteren Vorhaben im IBA-Netzwerk sind bisher sieben aus dem Rems-Murr-Kreis mit dabei. „Smart Living Weinstadt“ ist ein weitgehend fertig gestellter Gebäudekomplex mit Wohnungen, Sozialräumen sowie Mobilitätsangebot. Das Bauvorhaben verfügt über eine regenerative und digital vernetzte Energie- und Ökologiekonzeption. Die „Poetischen Räume“ in Remshalden befassen sich mit der künstlerischen Wahrnehmung von Landschaft, Architektur und Ökologie. Das Konzept umfasst Vorträge und Beiträge zu lyrischen Orten und Gebäuden. Ebenfalls in Remshalden angesiedelt ist das Hybridgebäude der Firma Kurz. Vorgesehen ist, dort die gesamten Wertschöpfungskette abzuwickeln. Die Produktion wird logistisch über Aufzüge organisiert.

In Waiblingen wird das engere Bahnhofsumfeld zu einem Stadtquartier samt angemessenen Bebauungsdichte und Neugestaltung der Freiräume. Außerdem soll unter dem Stichwort „Neues Wohnen Korber Höhe“ eine der Großsiedlungen aus den 1970ern weiter entwickelt werden. Es geht um klimaneutrale und ressourcenschonende Bauweisen sowie bedarfsgerechte und generationenübergreifende Wohntypologien.

Schorndorf plant mit dem „Urbanen Quartier 27“ eine städtebauliche Ergänzung nördlich des Bahnhofes. Ziel ist es, ein Viertel zu entwickeln, in dem Leben und Arbeiten zusammenkommen. In Gründung befindet sich in Schorndorf zudem die Genossenschaft „RemstalLeben“ mit Vorstellungen von solidarischem Zusammenleben. Dafür ist ein 4,5 Hektar großes Anwesen in der Vorstadt ins Auge gefasst. Die Bauten dort sollen saniert und gemeinschaftlich genutzt werden. Als Neubauten entstünden 50 Wohnungen in Vollholz-Hybrid-Bauweise.

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