IBA-Projekt in Leonberg Nervenkitzel um Parkplätze im Postareal
Die Leute von der Bauausstellung wollen weniger Autos im künftigen Wohnquartier. Der Gemeinderat sorgt sich um die Wirklichkeit.
Die Leute von der Bauausstellung wollen weniger Autos im künftigen Wohnquartier. Der Gemeinderat sorgt sich um die Wirklichkeit.
Gesenkten Hauptes verlässt eine Abordnung am späteren Dienstagabend den Leonberger Gemeinderat. Fast anderthalb Stunden mussten die Emissäre der Internationalen Bauausstellung IBA’27 und des Projektentwicklers Strabag sich anhören, dass die meisten Stadträte nicht gewillt sind, die Zahl der Parkplätze im Postareal zu reduzieren, so wie es der IBA vorschwebt. Das Protokoll einer denkwürdigen Debatte.
19.47 Uhr: Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) ruft den Tagesordnungspunkt fünf auf: Stadtumbau Leonberg-Mitte: Entwicklung Postareal. Andreas Hofer ergreift das Wort. Der Intendant der IBA ist binnen weniger Tage das zweite Mal in Leonberg, um den Rat davon zu überzeugen, dass das Postareal kein Quartier im herkömmlichen Sinn werden soll. Strabag und die Baufirma Züblin hätten der IBA das Postareal empfohlen: „Das fanden wir super.“
Dass die Planung überarbeitet werden müsse, um in den erlauchten Kreis der Bauausstellung aufgenommen zu werden, daran lässt der international renommierte Architekt aus Zürich keinen Zweifel. Unterirdische Parkplätze etwa passten nicht: „Riesige Erdmassen zu bewegen, ist nicht nachhaltig“, sagt Hofer. „Deshalb haben wir versucht, über die Mobilität noch einmal zu reden“.
Geht es nach den IBA-Leuten, wird der Stellplatzschlüssel auf 0,8 heruntergeschraubt. Im Klartext: Nicht jede der künftigen Wohnungen hat einen eigenen Parkplatz. Bisher gilt in Leonberg ein Stellplatzschlüssel von 1,5 für größere und von 1 für kleinere Wohnungen. Hofers Aussage „Die IBA ist nicht käuflich“ lässt erahnen, dass er keine Neigung zum Handeln verspürt.
20.01 Uhr: Julius Streifeneder springt dem IBA-Chef zur Seite: „Das Postareal liegt so zentral, dass 11 000 Leonberger in fünf Minuten hinradeln können.“ Nicht jeder im Zentrum, so sagt der Verkehrsplaner aus München, brauche ein Auto. Auch Strabag-Regionalchef Axel Möhrle gibt sich ökologisch: „Wir wollen die Mobilität verändern.“
20.09 Uhr: „Die IBA hat einen ganz anderen Ansatz“, sagt Martin Georg Cohn. „Dafür benötigt es weiteren Dialog.“ Der OB schlägt vor, die Abstimmung über die Einführung eines Stellplatzschlüssels von 0,8 im Postareal auf vor Weihnachten zu schieben.
20.17 Uhr: Grünen-Fraktionschef Bernd Murschel würde eine Verschiebung zwar mitmachen, aber: „Um auf die Parkplätze vor der Tür zu verzichten, braucht es ein Umfeld, dass sie aufnimmt. Das ist in Leonberg überhaupt nicht der Fall.“ Sein Kollege von den Freien Wählern dringt auf sofortige Abstimmung: „Wir haben am Anfang des Jahres ein Kompromisspaket geschnürt, bei dem wir Kröten schlucken mussten“, erinnert Axel Röckle an die massivere Bauweise, die damals beschlossen wurde. „Jetzt sollten wir endlich einen Knopf dran machen.“
Richtig sauer ist Elke Staubach: „Für uns ist ein 0,8-Schlüssel absolut nicht nachvollziehbar. Schon jetzt ist der Rathaus-Parkplatz abends mit Autos von Anwohnern voll.“ Verärgert ist die CDU-Fraktionsvorsitzende auch darüber, dass das Postareal offenbar ohne Beteiligung des Gemeinderats zum IBA-Projekt wurde: „Wir waren da außen vor. Ich komme mir überrumpelt und veräppelt vor. So entsteht kein Vertrauen.“
Ottmar Pfitzenmaier drückt sich zurückhaltender aus, schlägt aber in die gleiche Kerbe: „Die zeitliche Abfolge konterkariert einen Vertrauensaufbau“, stellt der SPD-Fraktionschef fest, der nicht glaubt, „dass es Interessanten egal ist, ob bei einer Wohnung ein Parkplatz dabei ist oder nicht. In München oder Stuttgart mag das marktkonform sein, in Leonberg entspricht es nicht den Bedürfnissen. Dieter Maurmaier (FDP) verweist auf den Parkdruck, der „schon jetzt in vielen innerstädtischen Wohngebieten hoch ist“.
20.49 Uhr: Die Kritik will nicht aufhören. Dass es für einen 0,8-Stellplatzschlüssel eine Mehrheit gibt, wird immer unwahrscheinlicher. Cohn fragt, wer seinem Vorschlag, erst kurz vor Weihnachten zu entscheiden, folgen will. Sitzungsunterbrechung. Die Fraktionen müssen sich beraten.
21.03 Uhr: Ein weiterer Sitzungstermin im Dezember wird mit 17 zu zwölf Voten abgelehnt. Die Räte wollen jetzt entscheiden. OB Cohn lässt abstimmen: Die grundsätzliche Unterstützung der Umsetzung der IBA-Ziele durch die Stadt wird mit 10 zu sechs Stimmen bejaht. 14 Stadträte enthalten sich. Keine komfortable, aber immerhin eine Mehrheit.
21.11 Uhr: Ein Stellplatzschlüssel von 0,8 wird mit 23 Nein- bei drei Ja-Stimmen und vier Enthaltungen abgeschmettert. Auch der Kompromissvorschlag vonseiten der SPD – ein Stellplatz pro Wohnung – findet keine Mehrheit: acht ja, 14 nein, zwei Enthaltungen.
21.16 Uhr: Die Lage scheint verfahren, da zückt der OB eine letzte Karte: Um das Parkplatz-Problem zu lösen und gleichzeitig eine Tiefgarage zu vermeiden, könnte Strabag in der Nachbarschaft des Postareals oberirdische Parkplätze schaffen. Georg Pfeiffer von den Freien Wählern schlägt eine Maximalentfernung von 250 Metern vor. Diese Variante wird mit elf Ja-Stimmen, 15 Enthaltungen und vier negativen Voten beschlossen. Die Leute von der IBA und Strabag verlassen den Saal, und über den Verbliebenen im Ratsrund schwebt die Frage: War’s das jetzt mit dem IBA-Projekt Postareal?
Mittwoch, 9 Uhr: Strabag-Chef Möhrle und Baubürgermeister Brenner verhandeln, wie vorher geplant, bei einer Videoschalte über finale Details eines städtebaulichen Vertrags. Es scheint noch nicht vorbei.