IBM-Chef, Europa-Abgeordneter Hans-Olaf Henkel: Er sah 40 Jahre in die Zukunft – und hatte recht!

, aktualisiert am 26.11.2025 - 16:44 Uhr
Hans-Olaf Henkel sah das Internet voraus, das GPS, das Homeoffice und die Software-Giganten. Foto: Stefanie Schlecht

Der langjährige IBM-Chef Hans-Olaf Henkel schaut im Jahr 1985 in unsere Zukunft. Und trifft genau ins Schwarze.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war, bilanzierte schon der Münchner Komiker Karl Valentin vor knapp hundert Jahren – und die meisten Menschen würden ihm recht geben. Bis auf den ehemaligen IBM-Chef Hans-Olaf Henkel, der die IBM Deutschland von Böblingen aus mehr als vier Jahrzehnte geprägt hat und später Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie wurde.

 

Im Jahr 1985 veröffentlichte er in unserer Zeitung einen wegweisenden Artikel mit der Überschrift „Das Bild der Welt im Jahr 2010 skizziert“. Der Clou des gut 40 Jahre alten Artikels ist: Im Gegensatz zu all den Untergangspropheten und Zukunftsforschern, die im Jahr 1985 den Atomtod, den Zusammenbruch der Weltwirtschaft, oder den Untergang der Menschheit durch Umweltprobleme vorhersagten, hatte er mit seinen sachlichen Prognosen recht.

Ein 45 Jahre alter Hans-Olaf Henkel blickt 1985 optimistisch in die Zukunft. Foto: Stolte

Erstaunlich, wenn man in diesem 1985 – also vor 40 Jahren – erschienen Artikel liest: „Im Jahr 2010 hat sich der pazifische Wirtschaftsraum zu einem starken Zentrum entwickelt und China ist eine der wichtigsten Handelsmächte. Doch unter dem starken Wettbewerbsdruck der vergangenen Jahre hat auch Europa einen Strukturwandel vollzogen, es gibt einen wirklichen europäischen Binnenmarkt. Die Märkte sind weitgehend globalisiert.“

Eine im Jahr 1962 erschienene Designstudie über die Autos im Jahr 1975. Foto: Stolte

Henkel konnte nicht die Namen der heutigen Software-Giganten wie Google oder Microsoft vorhersehen oder die der Internet-Handelsriesen wie Amazon oder Ebay. Ihre Existenz aber schon. Er schrieb 1985: „Die Informationstechnologie ist 2010 die größte Industrie überhaupt. Das Wissen hat sich alle fünf Jahre verdoppelt, der Informationsbedarf wächst rasant.“ Und als hätte er alle Apps, die uns heute das Leben erleichtern, schon gekannt, schreibt er: „Informationssysteme ermöglichen zeitgleiche Sprachübersetzung, weltweite Netze, Datenbanken, computer-lesbare Quellen und integrierte Textverarbeitung machen Wissen für alle jederzeit verfügbar.“

Hans-Olaf Henkel: Homeoffice war schon in 1980ern möglich

Dass er auch die Arbeit im Homeoffice erwähnt, scheint dagegen fast ein kleiner Fisch zu sein. Henkel schrieb: „Durch flexible Telearbeit sind die früheren Barrieren zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Arbeitsstätte und Wohnung gefallen“. Ebenso sah er, dass es so etwas wie GPS geben würde: „Kontroll- und Leitsysteme gibt es weltweit.“

Fragt man den heute 85 Jahre alten Hans-Olaf Henkel, dann sagt er, er habe einfach auf seine eigenen unternehmerischen Erfahrungen zurückgegriffen. „Wir hatten in den 80ern schon eine Telefon-Standleitung von unseren Computern zu den Kollegen der Schweizer Firma Brown, Boveri & Cie. gemietet, das hat dann so gut geklappt, dass ich mir auch eine solche Standleitung nach Hause verlegen ließ.“

Statt diesen Flitzer, wie man noch im Jahr 1962 dachte, fuhr man im Jahr 1975 hauptsächlich VW-Golf. Foto: Stolte

Dann kam er Anfang der 1990er auf die Idee, 200 Arbeitsplätze von zu Hause aus mit der IBM zu verbinden, damals noch mit Standleitungen der Deutschen Post. „Wir hatten das gemacht, weil wir an Behinderte dachten, die nicht mobil sind, und an Frauen, die kleine Kinder haben, und die wir nicht verlieren wollten.“

Hans-Olaf Henkel: „Jetzt reden Sie von Selbstausbeutung“

Erbittert bekämpft habe das die IG Metall, die vor Selbstausbeutung warnte. Henkel konterte damals: „Jetzt ist ihnen der Klassenfeind abhanden gekommen, nun reden sie von Selbstausbeutung.“

Den Weg, den die IBM vom Hardware- zum Dienstleistungsanbieter gegangen ist, hält Henkel für richtig. Am Beispiel der heutigen SAP, die er als eine Ausgründung aus der IBM bezeichnet. „Am liebsten wäre ich mit den Ingenieuren damals mitgegangen, aber ich war in der Karriere schon zu weit fortgeschritten, um das Risiko einzugehen. Und denken Sie: die SAP ist heute mehr wert als die IBM.“

Der Mensch bleibt Mensch

Nur einen Faktor hat er nicht bedacht, als er 1985 schrieb: „Ein globales Sensorsystem ist als Ergebnis einer Konferenz zur Friedenssicherung eingerichtet. Der letzte Europäische Krieg liegt schon 65 Jahre zurück.“

Vielleicht hatte Henkel gehofft, der technische Fortschritt würde auch einen neuen Menschentypen generieren, aber der Mensch bleibt Mensch, und die Kriege dauern an, selbst in Europa. Nach den Jugoslawienkriegen kam der russische Überfall auf die Ukraine. Heute sagt Henkel: „Das habe ich 1985 geschrieben, hätten Sie mich im Jahr 1989 nach dem Fall der Mauer gefragt, dann hätten Sie mir recht gegeben.“

Henkel ist seit 30 Jahren bei Amnesty International und glaubt, dass die Zahl der Menschenrechtsverletzungen trotz der Krisen und Kriege abgenommen habe. Eine lebenswerte Welt, davon ist er überzeugt, werde man nur erreichen, wenn der Dreiklang aus Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten stimme. Und wenn er heute an die Zukunft denkt? „Die KI wird das 21. Jahrhundert so prägen wie die Dampfmaschine das 19. und der Verbrennungsmotor das 20. Jahrhundert. Und sie wird alle technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen immens beschleunigen.“

Der Prophet der neuen Zeit

Lebenslauf
Hans-Olaf Henkel wurde 1940 in Hamburg geboren. Von 1962 war er bei IBM Deutschland in verschiedenen Managementfunktionen tätig, 1987 wurde er Vorsitzender der Geschäftsführung,1993 bis 1994 war er Präsident der IBM für Europa, den Mittleren Osten und Afrika. 1995 bis 2000 war er ehrenamtlich Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

IBM
Die International Business Machines Corporation (IBM) ist ein US-amerikanisches IT- und Beratungsunternehmen mit Sitz in Armonk im Bundesstaat New York. IBM zählt zu den weltweit führenden Unternehmen für Produkte und Dienstleistungen im IT-Bereich, wobei sowohl Software als auch Hardware angeboten werden.

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