IBM Tech Campus in Ehningen Warum die IBM-Neuansiedlung Gold wert ist

IBM-Chef Wendt, Innenminister Strobl, Europa-Chefin de Jesus Assis und Digitalminister Wildberger Foto: Stefanie Schlecht

Der neue IBM Tech Campus ist eine gute Nachricht: Neben einer kriselnden Autoindustrie wachsen die Chancen für eine digitale Zukunft, meint unser Redakteur Jan-Philipp Schlecht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Man muss es sich noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein global agierender US-Konzern, noch dazu einer der ältesten und traditionsreichsten der Welt, bekennt sich klipp und klar zum Standort Deutschland, genauer: Ehningen. Dort sitzt die IBM zwar schon seit Jahrzehnten, doch der frisch eingeweihte Technology Campus bündelt nun in ganz neuer Umgebung Forschung, Management, Vertrieb und Beratung in einem überaus modernen Gebäude. Kollaboration heißt das Zauberwort – und das bewusst analog und vor Ort, und nicht virtuell. Diese gute Nachricht kommt zu einer Zeit, in der von anderswo eine Hiobsbotschaft nach der anderen zu vernehmen ist.

 

Stellenabbau bei Bosch in der Region, in Schließung bei Bertrandt in Nufringen und überhaupt eine darbende Automobilindustrie treffen insbesondere den Kreis Böblingen in sein industrielles Mark. Schon steht die bange Frage im Raum, ob Stuttgart womöglich zum nächsten Detroit wird? Diese vom Niedergang der amerikanischen Autoindustrie so schwer gezeichnete Metropole, die sich erst langsam wieder aufschwingt und den Strukturwandel meistert.

Rückläufige Gewerbesteuer

Gelingt es der Autoindustrie nicht, vom Krisenmodus in den Vorwärtsgang zu schalten, sind die Abstrahl-Effekte absehbar auf den Kreis Böblingen. Schon jetzt müssen die Städte (und damit auch der Landkreis!) mit rückläufigen Steuereinnahmen zurecht kommen. Durch den Nachlauf-Effekt bei der Erhebung von Gewerbesteuer und Kreisumlage kommt das dicke Ende aber erst noch. Der neue Tech Campus der IBM kommt da wie der Retter in der Not – bleiben dem Kreis damit doch die vielen hoch bezahlten Ingenieurs-Arbeitsplätze erhalten.

Doch so erfreulich diese lokale Nachricht ist, so sehr muss sie uns den Blick für das Große und Ganze schärfen. Die Reden bei der Eröffnung, gespickt mit Lobeshymnen auf den Standort, waren auch eine schonungslose Analyse dessen, wo Deutschland in der digitalen Welt noch steht – oder eben nicht steht. Bundesminister Karsten Wildberger brachte es auf den Punkt: „Die Deutschen haben die Begeisterung für Technologie verloren.“ Ein Satz, der nachhallt oder besser gesagt nachhallen muss in einer Region, die der Technologie ihren Wohlstand verdankt.

Neue Arbeitswelten in Ehningen Foto: Stefanie Schlecht

Er sieht in der Künstlichen Intelligenz zwar „unsere Chance für ein Comeback“, warnt aber: „Der Zug ist noch nicht abgefahren! Wir müssen daran teilnehmen.“ Genau hier liegt die Crux: Während wir uns über jeden Fortschritt freuen, müssen wir erkennen, dass Deutschland und Europa noch immer ein weites Stück vom Ziel der digitalen Souveränität entfernt sind. Die Fesseln, von denen der Minister spricht, sind oft hausgemacht: eine Zurückhaltung beim Gründen von Start-ups, die uns gegenüber anderen Innovationsnationen alt aussehen lässt.

GmbH-Gründung in Schweden binnen 24 Stunden

Die Gründe dafür liegen auch in der Finanzierung junger Start-ups, die hierzulande mehr Hürden spüren als anderswo. Ganz zu schweigen von der Bürokratie, die kreativen Machern die Lust auf eine Unternehmensgründung verdirbt. In Schweden dauere es wohl nur 24 Stunden, eine GmbH zu gründen, hieß es auf der IBM-Eröffnung. In Deutschland dürfte man erheblich länger brauchen.

Hinzu kommt eine nach wie vor zu strenge Regulierung, die jede vielversprechende Idee im Keim erstickt, noch bevor sie sich entfalten kann. Wildbergers Appell, „damit aufzuhören, schon etwas zu regulieren, was noch gar nicht da ist“, und „der Innovation eine Chance zu geben“, ist berechtigt, ist überfällig.

Das „latente Misstrauen gegen Zukunftstechnologie“ – manifestiert in emotionalen Datenschutz-Debatten – bremst unsere wirtschaftliche Dynamik, wo wir eigentlich aufs Gaspedal treten müssten.

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