Idee gegen die Lieferdienst-Plage Parkhaus wird nachts zur Logistikfläche

Von Martin Haar 

Vom Gerber-Parkhaus per Lasten-Rad an die Haustür: ein Pilotprojekt des Fraunhoferinstituts und der Firma Velo-Carrier zur Bekämpfung der Plage durch die Lieferdienste in der City startet.

Vom Gerber-Parkhaus per Lasten-Rad  an die Haustür: das Pilotprojekt startet. Foto: VC
Vom Gerber-Parkhaus per Lasten-Rad an die Haustür: das Pilotprojekt startet. Foto: VC

Stuttgart - Eigentlich müssen Paketdienste ihre Arbeit in der Innenstadt bis 11 Uhr beendet haben. Eigentlich. Aber kaum einer hält sich daran. Die Paketdienste liefern bis weit nach Mittag aus und stehen mit ihren Transportern in den Fußgängerzonen. Dem Ärgernis will die Stadt in Zukunft mit Pollern begegnen, die eine Zu- oder Abfahrt zwischen 11 und 18 Uhr unmöglich macht.

Etwas kreativer will Bernd Bienzeisler vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation die Sache lösen. Er will die Auslieferung per Lieferwagen mit Verbrennungsmotor überflüssig machen. Dabei nähert er sich dem Ziel von einer ganz anderen Seite und der Frage. Wie können innenstadtnahe Parkräume effektiv und nachhaltig genutzt werden? Die Antwort lautet: Parkhäuser sollen in Zukunft als alternative Flächen von Logistikunternehmen genutzt werden. Vom Parkhaus zum smarten Mehrzweckhaus, lautet sein Motto. Diese Flächen könnten, so Bernd Bienzeisler, dann in der Nacht oder früh morgens als flexible Zwischenlager Kurierdiensten mit elektrisch betriebenen Lastenräder dienen. „Bei diesem Projekt haben wir zwei Themen zusammengebracht: Parkraumbewirtschaftung und Logistik“, sagt Bienzeisler.

Verkehrsministerium fördert das Projekt

An diesem Punkt kommt die Firma Velo-Carrier ins Spiel. „Wir testen nun den Umschlag von Gütern in Parkhäusern in der City mit direkter Auslieferung mit Cargo-E-Bikes in die Innenstadt“, sagt Sebastian Bühler, Geschäftsführer von Velo-Carrier. Das Pilotprojekt, das vom Bundesverkehrsministerium gefördert wird, will er im Parkhaus des Einkaufscenter Gerber bis Dezember 2019 umsetzen.

Der Clou an der Geschichte ist, dass Bühler den täglichen Bedarf an Zwischenlager-Fläche, also Parkplätzen, per Smartphone-App von der Firma Evopark reserviert. Nach der Reservierung fährt ein Liegerwagen die Güter ins Gerber, wo sie auf den Stellplätzen umsortiert und für die Feinverteilung gelagert werden. Dann erfolgt mit den Elektro-Lastenrädern die Auslieferung an die Haustür der Kunden – ganz ohne die Luft zu verschmutzen, Fußgänger zu nerven oder die Königstraße zu zuparken.

Wenn man Bienzeisler richtig versteht, dann dürfte dieses bekannte Belastungs-Szenario in der City künftig ohne die entsprechenden Gegenmaßnahmen eher noch schlimmer werden: noch mehr Lieferverkehr, noch mehr Stau, noch schlechtere Luft. „Wachsende Lieferverkehre insbesondere im Kurier-Express-Paket-Dienst stellen ein zunehmendes Problem dar“, sagt Bienzeisler. Denn zwei unterschiedliche Trends befeuern die Probleme der Innenstädte. Der Wissenschaftler rechnet vor: Erste Kennziffer sei der wachsende Onlinehandel, der laut seiner Quelle (Center for Retail Research) im Zeitraum von 2017 bis zum Jahr 2021 um fast das Doppelte anwachsen wird.

Die Belastung wird zunehmen

Mehr noch: Da in Zukunft auch die Lieferungen am selben Tag oder gar in derselben Stunde des Einkaufs weiter zunehmen dürften, werde sich die Lage noch angespannter gestalten. Ganz zu schweigen von den Retouren der Waren, die nach den Erfahrungen von Sebastian Bühler gerade in der City einen immer größer werdenden Faktor ausmachen.

Gleichzeitig steigt auf Grund dieser vielen Warentransfers der Bedarf an Logistikflächen. Am Beispiel London erwarten die Experten (Cushman & Wakefield) im Vergleichszeitraum einen Bedarf von 42 Prozent mehr Logistikflächen. „In Stuttgart ist es wahrscheinlich ein bisschen weniger“, sagt Bienzeisler, „aber am grundsätzlichen Problem ändert das nichts.“ Vor allem in einer Stadt wie Stuttgart nicht, wo jede freie Fläche Gold wert sei.

Damit kommt Bienzeisler wieder auf seine Ausgangsüberlegung zurück: Wie lassen sich Parkflächen temporär für die Innenstadtlogistik nutzen? Wie lassen sich Kosten reduzieren und Verkehr vermeiden? Ende 2019 sollen diese Fragen nach den Erfahrungen von Velo-Carrier beantwortet werden. Denn was sich in der Theorie gut anhört, muss praxistauglich sein. „Ich erwarte mir auf viele Fragen Antworten“, sagt Bernd Bienzeisler. Unter anderem darauf, wie sich der Logistikverkehr mit dem System Parkhaus verträgt aber auch Fragen nach Arbeitsbedingungen: „Wie lange kann und darf ein Logistikarbeiter im Parkhaus arbeiten?“

Sebastian Bühler ist zuversichtlich: „Ich glaube, dass mehr Logistikflächen in der Stadt und unsere Fahrradkuriere die Lage entscheidend verbessern können.“