Idee im Landkreis Gegen Einsamkeit und Trauer: Kaffeetrinken zwischen Grabsteinen

Das Café Herzenszeit auf dem Burghaldenfriedhof in Sindelfingen erfreut sich großer Beliebtheit. Foto: privat

In Sindelfingen ist das Friedhofscafé bereits ein Erfolg. Nun startet auch in Böblingen ein Angebot gegen Einsamkeit und Isolation.

Böblingen: Veronika Andreas (va)

Unter großen Bäumen mitten im Grünen sitzen Menschen bei Kaffee und Kuchen zusammen, plaudern und kommen ins Gespräch. Vögel zwitschern, Ehrenamtliche schenken Kaffee aus und verteilen Kuchen. Der Ort des Cafés überrascht: der Burghaldenfriedhof in Sindelfingen.

 

Was zunächst ungewöhnlich klingt, entwickelt sich in der Region gerade zu einem neuen Begegnungsformat. Nachdem in Sindelfingen bereits seit ein paar Wochen ein Friedhofscafé angeboten wird, beginnt nun auch demnächst in Böblingen ein ähnliches Projekt. Der Starttermin steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwar noch nicht fest, geöffnet haben soll das Café auf dem Alten Friedhof dann aber jeweils donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Voraussetzung ist allerdings gutes Wetter.

Die Idee ist bewusst niederschwellig gehalten: Menschen sollen einfach vorbeikommen können – unabhängig davon, ob sie gerade trauern, jemanden besuchen oder schlicht Gesellschaft suchen. Kaffee, Tee, Sprudel und Kuchen gibt es gegen eine Spende.

Das Angebot soll Menschen zusammenbringen

„Es soll kein reines Trauercafé sein“, erklärt die evangelische Pfarrerin Gerlinde Feine, die das Projekt in Böblingen initiiert hat. Vielmehr gehe es um Begegnung, um das Miteinander und auch um die Bekämpfung von Einsamkeit. Gleichzeitig könne das Friedhofscafé ein Türöffner sein: Wer Gesprächsbedarf habe, könne sich dort auch über weitere Trauerangebote der Kirchen und der Stadt informieren.

Rund 30 Ehrenamtliche arbeiten in Böblingen beim „Café Vergissmeinnicht“ bereits mit. Darunter sind auch ausgebildete Psychologen, Trauerbegleiter und Notfallseelsorger. „Es ist immer mindestens eine Person mit entsprechendem Hintergrund dabei“, erklärt Feine. Die evangelische Kirche stellt zunächst die Grundausstattung bereit. Kaffee, Kuchen, Klappstühle und Tische sollen im Bollerwagen auf den Friedhof transportiert werden. Vieles läuft über Spenden – sowohl finanziell als auch in Form von Kuchen.

Dass das Konzept funktionieren kann, zeigt der Blick nach Sindelfingen. Dort wurde das Friedhofscafé von der Bürgerstiftung Sindelfingen gemeinsam mit der katholischen Kirche ins Leben gerufen. Auch der Ökumenische Hospizdienst beteiligt sich daran. Das „Café Herzenszeit“, wie das Angebot dort heißt, findet jeweils mittwochs von 15 bis 17 Uhr, ebenfalls nur bei schönem Wetter statt.

Das Friedhofscafé in Sindelfingen findet bis Herbst jeweils mittwochs statt. Foto: privat

Mit so einem Andrang wie bei den ersten Malen hatten die Organisatoren zunächst kaum gerechnet. Zuletzt kamen jeweils zwischen 40 und 50 Besucher. Inzwischen müssen zusätzliche Sitzgelegenheiten organisiert werden. Insgesamt kümmern sich rund 60 Ehrenamtliche um Kuchen, Bewirtung und Organisation.

Die große Resonanz überrascht selbst die Organisatoren

Die Resonanz sei positiv, berichten die Initiatorinnen Heike Stahl und Helga Jakubowski. „Eigentlich müsste man ein Tagebuch führen mit all den netten und besonderen Begegnungen, die hier entstehen“, sagt Heike Stahl, von der Bürgerstiftung Sindelfingen. Besonders bewegt habe sie die Rückmeldung einer Frau, die ihren Sohn früh verloren habe. Endlich sei wieder etwas los auf dem Friedhof, habe sie gesagt.

Genau das scheint den Kern der Idee zu treffen. Der Friedhof soll nicht nur Ort der Trauer sein, sondern auch wieder ein Platz sein, an dem Leben stattfindet. Dabei spiele die Atmosphäre zwischen den alten Bäumen durchaus eine Rolle. Man empfindet sie als ruhig und wohltuend. Durch die Begegnungen verliere der Ort aber auch etwas von seiner Schwere.

Vor allem ältere Menschen nehmen die Angebote bislang wahr, doch auch jüngere Besucher seien bereits gekommen, berichtet Stahl. Das Friedhofscafé sei für alle offen, betonen die Organisationen. Man müsse nichts konsumieren, nichts erklären, nichts mitbringen – außer etwas Zeit. Und so entsteht zwischen Grabsteinen, Vogelgezwitscher und Kuchenduft etwas, das vielerorts selten geworden ist: unkomplizierte Begegnung.

Kaffeetrinken auf dem Friedhof

Böblingen
Der Auftakt zum neuen Friedhofscafé in Böblingen steht derzeit noch nicht fest. Der Ort ist der Alte Friedhof, jeweils donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Voraussetzung ist allerdings gutes Wetter.

Sindelfingen
Das Friedhofscafé in der nach Nachbarstadt existiert schon: Es findet jeweils mittwochs von 15 bis 17 Uhr statt, ebenfalls nur bei schönem Wetter.

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