Identität im Internet Old Shatterhand und die Bloggerszene

Von /dpa 

User im Netz sollen kenntlich werden, fordern Politiker. Sie unterschätzen den Verwandlungstrieb und den Hang zum Identitätsdiebstahl.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich fordert ein Vermummungsverbot im Internet.  Foto: dapd
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich fordert ein Vermummungsverbot im Internet. Foto: dapd

Stuttgart - Für Politiker mit ausgeprägtem Risikovermeidungsdenken und daraus erwachsendem Kontrollzwang ist alles klar und folgerichtig: es muss ein Vermummungsverbot im Internet geben. Wer unter einem Kunstnamen bloggt, wer als selbst erfundenes virtuelles Wesen durch soziale Netzwerke geistern und sich anonym an Forendiskussionen beteiligen darf, der entzieht sich jeder Verantwortung.

Der kann ungestraft zu Straftaten aufrufen, illegale Banden organisieren und das Gemeinwesen schädigen. Der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und jene seiner Parlaments- und Amtsträgerkollegen, die das Internet nur als eine Art Bürgerzentrum ohne lästige Heizkosten zu Lasten kommunaler Kassen begreifen, träumen davon, jedes Wort im Netz werde einmal an eine für die Polizei anfahrbare Wohnadresse geknüpft sein.

Unterstützung findet die Politik darin bei den Betreibern großer sozialer Netzwerke. Auch Facebook und Google dringen darauf, dass ihre Nutzer bitte schön nicht als Kunstwesen, gar als sich dauernd an-und abmeldende und dabei komplett die Identität wechselnde Erlebnisschizophrene unterwegs sind. Die Netzwerke leben davon, dass die Daten ihrer Nutzer sich zu scharfrandigen Profilen zusammensetzen, mit denen die werbende Industrie auch etwas anfangen kann.

Mit ein paar Mausklicks zum anderen "Ich"

Die will wissen, ob sie jemandem Katzen- oder Hundefutter anbieten, Trekkingtouren durch die Mongolei oder Kneippurlaub im Harz anpreisen, eine Bierkneipe in Düsseldorf oder eine Weinstube in Hohenlohe empfehlen soll.

Was Politiker und Datensammler dabei übersehen, das ist die lange Kulturgeschichte der Selbsterfindung. Täuschen, Tricksen, Lügen und Hochstapeln gehören nicht bloß ins Arsenal mehr oder weniger finsterer Gestalten auf der Fahndungsliste. Sie sind, angefangen beim Sozialverhalten der Menschenaffen, Teil der alltäglichen Kommunikation.

Nicht etwa nur, um anderen zu schaden, werden Fiktionen eingesetzt, sondern auch, um erholsamerweise herauszukommen aus dem eigenen Alltag. Ein anderes "Ich" kann man sich nicht erst zulegen, seit man mit ein paar Mausklicks einen schrillen Avatar hochladen kann.