Ifa Berlin Wenn die Technik zu intim wird
Ob Fruchtbarkeitsapps oder Implantate: Viele Verbraucher geben ihre privatesten Bereiche preis. Das beeinflusst die Werte aller, meint Daniel Gräfe.
Ob Fruchtbarkeitsapps oder Implantate: Viele Verbraucher geben ihre privatesten Bereiche preis. Das beeinflusst die Werte aller, meint Daniel Gräfe.
Stuttgart -
Auf der Technikmesse Ifa in Berlin lässt der Mensch die Technik immer näher an sich heran. Fitnessbänder werden direkt auf der Haut getragen und messen Puls und Schritte. Anderes Zubehör lässt sich direkt ins Ohr stecken oder an Brust und Po befestigen. Beliebt ist die Stirnvariante, die die Tiefschlafphasen aufzeichnet. Es gibt auch Chips und Implantate, die sich unter der Haut tragen lassen, um Türen zu öffnen, seismische Bewegungen zu spüren oder Vitalfunktionen abzulesen. Eine winzige Gruppe, die sich als Cyborgs bezeichnet, nutzt sie bereits. Das ist ein Extremfall, der aber zeigt: Manche Menschen machen Technik zum Teil ihres Körpers, wenn sie sich davon einen Nutzen versprechen. Sie wollen es einfach.
Doch auch schon in der Mitte unserer Gesellschaft hat die Technik den intimsten Bereich erfasst. Notierten Frauen früher in einem Kalender, wann sie am besten schwanger werden, wird jetzt eine Fruchtbarkeitsapp mit dem kompletten Sexualverhalten gefüttert. Eltern lassen per Sensorensocke den Sauerstoffgehalt ihrer Babys messen. Aus Kinderpuppen sind Minicomputer geworden. Nicht nur Eltern wissen dabei oft nicht, wo die Daten verarbeitet werden, wie viel sie von sich und anderen preisgeben. Etliche der auf der Ifa gezeigten Geräte haben lückenhafte Hardware oder Software, die nur für kurze Zeit aktualisiert wird. Eine Einladung für Hacker, die dann auch andere verbundene Geräte kapern. Am Ende könnte es heißen: Sorry, das wollten wir eigentlich nicht.
Der Daten-Striptease wird dabei im per Sprache gesteuerten, vernetzten Zuhause auf die Spitze getrieben. Das Smarthome ist der stärkste Ifa-Trend. Noch werden vor allem Heizungen programmiert, der Verkehr abgefragt oder Überwachungskameras aus der Ferne gesteuert. Doch in Zukunft werden die Daten vieler Geräte und Sensoren viel enger verknüpft. Von TV, Smartphone, Heizung, Fitnessbändern und Autos, von Stimme, Gesicht und Gesten. Das Zukunftshaus lernt daraus das Verhalten und die Vorlieben der Bewohner kennen – Haustiere inklusive.
Der Heizkörper steuert sich dann selbst, weil er das Heizverhalten besser einzuschätzen weiß, als der Familienvater es behauptet. Das künstlich-intelligente Haus sieht die Bedürfnisse voraus und agiert für seine Bewohner. Es gestaltet Routinen mit, erst sichtbar, dann nur noch im Hintergrund. „Ihr Zuhause wird wissen, was Sie für einen Tag im Büro hatten und wird Ihnen zu Hause die perfekte Umgebung vorbereiten, wenn Sie durch die Tür gehen.“ Das sagte der Chef von LG Electronics, Jo Seong Jin. Doch wollen wir das überhaupt? Soll das Haus die Gewohnheiten und Bedürfnisse eines Mannes besser kennen als die eigene Ehefrau?
Am Ende muss jeder selber entscheiden, wie viel Routine er sich vorgeben, wie stark er sich von Technik leiten lassen will. Es gibt Bereiche, wo die automatisierte Über-wachung sinnvoll sein kann – bei chronisch Kranken zum Beispiel oder bei Senioren, die möglichst lange zu Hause selbstständig leben wollen. Doch je mehr Verbraucher sich dafür entscheiden, das Sexualverhalten oder den Tagesablauf kontrollieren zu lassen, desto stärker verschieben sich auch gesellschaftliche Werte. Was empfindet man als Fürsorge, was als Kontrolle? Ermöglicht ein Techniksystem mehr Freiheit oder schränkt sie diese ein?
Für solche Fragen sollte man sich ab und zu Zeit nehmen und einmal auf etwas Vernetzung verzichten. Auch die regelmäßige digitale Entschlackung sollte die Ifa deshalb zum Trend ausrufen – zum Wohle aller.
daniel.graefe@stzn.de