Zitzelsberger will nicht mehr IG-Metall-Chef werden „Mir hat es einfach die Füße weggezogen“

Roman Zitzelsberger wurden lange Ambitionen auf den Posten des Vorsitzenden nachgesagt – nun hat er alle Spekulationen beendet. Foto: dpa/Tom Weller

Der baden-württembergische IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger will nun doch nicht Teil der künftigen Gewerkschaftsführung in Frankfurt werden – aus ganz persönlichen Gründen, wie er im Interview schildert.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Mitte Oktober stellt sich die IG Metall auf dem Gewerkschaftstag in Frankfurt neu auf. Trotz intensiver Vorarbeit will Baden-Württembergs Bezirksleiter Roman Zitzelsberger nicht mehr in das neue Führungsteam wechseln.

 

Herr Zitzelsberger, Anfang Mai will Jörg Hofmann seinen Personalvorschlag für die künftige IG-Metall-Führung machen. Werden Sie eine herausgehobene Rolle spielen?

Nein, ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschieden, nicht für eine Führungsrolle im geschäftsführenden Vorstand der IG Metall in Frankfurt zur Verfügung zu stehen. Ich habe Jörg Hofmann am Wochenende darüber informiert – und will ausdrücklich sagen: Es ist keine Entscheidung gegen etwas, sondern es ist eine Entscheidung für die IG Metall in Baden-Württemberg und für mich.

Somit wäre das Personaltableau gesprengt, an dem quasi die ganze engere Führung über Monate gearbeitet hat?

Ich würde eher sagen, Jörg Hofmann sowie die Kolleginnen und Kollegen müssen neu denken. Ich unterstütze das auch gerne, denn es hat ausschließlich sehr persönliche Gründe. Mir hat es auf der Wegstrecke einfach die Füße weggezogen, sodass ich vor einigen Wochen plötzlich die Grenzen meiner Belastbarkeit festgestellt habe.

Inwiefern?

Ich stand schon die ganze Zeit unter großer Anspannung – ich hatte eine heftige Tarifrunde hinter mir und war im Frühjahr mit einer Vielzahl an schwierigen Themen unterwegs. Als ich dann ein paar Tage frei hatte, kam ganz klassisch eine Überlastungsreaktion. Das ist jetzt nichts Neues für Menschen, die immer wieder unter großer Anspannung und Stress stehen. Es war aber für mich deutlich heftiger als alles, was ich bis dahin erlebt habe – und wirkt bis heute nach. Das hat mich sehr intensiv zum Nachdenken gebracht und in Abwägung aller Argumente zu dem Schluss geführt zu sagen: Da müssen jetzt andere ran. Diesen Entschluss habe ich mir alles andere als leicht gemacht. Es kostet mich viel Kraft, denn ich bin noch nicht wieder richtig fit, wollte diese Entscheidung aber unbedingt selbst kommunizieren.

Sie hatten sich schon sehr um eine kooperative Führung mit der Zweiten Vorsitzenden Christiane Benner bemüht?

Jörg Hofmann, Christiane Benner und Jürgen Kerner als Hauptkassierer und ich haben schon vor längerer Zeit die Köpfe zusammengesteckt und überlegt, wie wir eine Führung der IG Metall im Sinne von mehr Teamarbeit aufstellen können. Die Herausforderungen in den Unternehmen und für die Beschäftigten werden immer größer, folglich muss sich auch die IG Metall ändern und entlang von konkreten Problemstellungen schneller und agiler werden. Das muss eine Führung vorleben. So wollten wir den geschäftsführenden Vorstand eher als Team aufstellen und die Aktivitäten weniger auf Einzelpersonen ausrichten. Da waren wir auf einem guten Weg – es hätte auch einer relativ marginalen Satzungsänderung bedurft, die hierarchische Zuschreibung der beiden Vorsitzenden zu streichen, um ein Signal für eine gleichberechtigte Führung zu setzen. Wir wollten deutlich machen, dass wir einen Aufbruch in neue Zeiten anstreben.

Welche Möglichkeiten hätten sich damit für die IG Metall eröffnet?

Das wäre für die IG Metall eine Riesenchance gewesen, weil der Aushandlungsprozess, wer für was zuständig ist, nicht nach dem Gewerkschaftstag stattgefunden hätte. Sondern die Kandidatinnen und Kandidaten hätten sich dort mit ihren Kompetenzen und als Führungsteam zur Wahl gestellt. Das geht zwar auch in der bestehenden Struktur, hat aber eher den Spirit des Bekannten.

Also doch keine Kulturveränderung?

Diese Kulturveränderung ist unausweichlich. Weil sich das Umfeld in großer Dynamik verändert, muss sich auch die IG Metall deutlich schneller verändern. Dabei gilt es auch Widerstände zu überwinden. Beispielsweise stellt sich die Automobilindustrie bekanntermaßen komplett neu auf – das wird Konsequenzen für die Frage der Handlungsmächtigkeit der IG Metall haben. Zweitens geht die Tendenz zu einem Arbeitnehmermarkt mit steigender Verhandlungsmacht einzelner qualifizierter Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber. Da hat die Gewerkschaft viel mehr eine gestaltende Rolle als eine Schutzfunktion. Drittens stellt die junge Generation andere Ansprüche an das Verhältnis von Arbeit und freier Zeit. Daher muss sich die IG Metall noch viel stärker an den vielfältigen Interessen der Menschen ausrichten.

Vor allem die angestrebte Doppelspitze mit Benner war als Symbol der Veränderungen gedacht – der Plan ist aber vom Vorstand gestoppt worden. Verstehen Sie die Argumentation dort?

Es gab tatsächlich viele kritische Stimmen, aber weniger im Vorstand. Christiane Benner, Jürgen Kerner und ich haben eine Tour durch die Bezirke gemacht und mit den Funktionärinnen und Funktionären darüber diskutiert. Da gab es teilweise Ablehnung und die Anforderung, in der bestehenden Struktur Teamarbeit umzusetzen. So war relativ bald erkennbar, dass es schwierig wird, dafür eine sichere Satzungsmehrheit herbeizuführen. So hat Jörg Hofmann den Vorschlag konsequenterweise zurückgezogen.

Könnte Ihr Entschluss dahingehend interpretiert werden, dass Sie Erster Vorsitzender werden wollten. Und weil Sie nicht dürfen, ziehen Sie sich beleidigt zurück?

Wer mir das böswillig unterstellen will, wird es tun. Am Wochenende habe ich meine Entscheidung und die Gründe dafür allen Geschäftsführern und Vorstandsmitgliedern aus Baden-Württemberg und der Bezirkskommission dargestellt – da gab es nicht einen, der auch nur den leisesten Zweifel am wahren Hintergrund hatte. Die IG Metall hat einen hohen Anspruch an Werte wie Respekt und Achtsamkeit sowie an faire Arbeitsbedingungen. Ich hoffe, dass meine Entscheidung auch als die akzeptiert wird, die sie ist.

Wie hat Jörg Hofmann reagiert? Ihre Absage beeinflusst quasi sein Vermächtnis, ein Zukunftsteam, das eng mit Ihrem Namen verbunden ist.

Ich war die ganze Zeit über in engem Austausch mit ihm und bin auch froh, dass er den Prozess erst einmal angehalten hatte. Bis zum Wochenende hat er intensiv gehofft, dass ich für eine Führungsaufgabe zur Verfügung stehe. Es ist aber meine Verantwortung, gegenüber ihm und der Organisation jetzt eine Entscheidung zu fällen – auch um ihm die notwendige Zeit zu geben, nach Alternativen zu suchen. Letztendlich hat er es sehr respektiert.

Der Job des Bezirksleiters ist auch stressig – wie geht es für Sie hier weiter?

Mir ist es einfach wichtig, jetzt sichtbar zu sein, auch wenn es anstrengend ist. Ich versuche, so schnell wie möglich wieder voll an Bord zu sein, und habe zum Glück ein ganz tolles Team, das mir viel abnimmt. Die erfreuliche Botschaft ist, dass die Ärzte sagen: Wenn ich meine Grenzen akzeptiere, bin ich bald wieder der Alte. Ich habe weiterhin eine große Leidenschaft für das, was ich tue.

Zerplatzt da gerade der Lebenstraum, Vorsitzender der IG Metall zu werden?

Ich habe mich nie öffentlich positioniert; das gebührt der Respekt vor dem Amt. Gleichwohl hatte ich großes Interesse daran, eine Aufgabe an der Spitze zu übernehmen, weil ich gerne Dinge nach vorne treibe. Weil ich weiß, wie Veränderungen funktionieren, wie man Menschen begeistert. Und weil ich unheimlich Lust gehabt habe, das für die gesamte Organisation in führender Position zu machen. Insofern musste ich mich von dieser Vorstellung verabschieden – das macht auch emotional etwas mit mir. Aber es ist keine Entscheidung, die ich mit negativen Gefühlen verbinde, sondern mit der Akzeptanz von gesundheitlichen Grenzen. Umgekehrt formuliert: Ich bin Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, und das ist gut so. Meine Kolleginnen und Kollegen hier im Bezirk sind einerseits traurig. Sie sagen: Wir hätten dich gern in Frankfurt gesehen, freuen sich aber umgekehrt auch sehr, dass sie ihren Bezirksleiter behalten können.

Ist die bisher sehr stark von Männern dominierte IG Metall bereit für eine Frau als Erste Vorsitzende?

Die IG Metall hat sich in der Frage von Frauen in Führung in den letzten Jahren erfreulicherweise deutlich weiterentwickelt. Insofern beantwortet sich diese Frage von selbst. Im Bezirk Baden-Württemberg hat mittlerweile die dritte Geschäftsstelle eine weibliche Doppelspitze. Wir haben zahlreiche Kolleginnen, die an der Spitze von Geschäftsstellen stehen. Die IG Metall wird in ihrer Führung in den nächsten 20 Jahren signifikant weiblicher werden – und das ist auch gut so. Übrigens bietet meine Entscheidung jetzt auch die Möglichkeit, einen Generationswechsel im geschäftsführenden Vorstand der IG Metall einzuleiten. Alle, die dort künftig Verantwortung übernehmen, können sich meiner Unterstützung gewiss sein.

Der vormalige Hoffnungsträger

Nachfolgekandidat
 Jahrelang galt Roman Zitzelsberger (56) als Hoffnungsträger der IG Metall – offen wurde darüber spekuliert, dass der Vorsitzende Jörg Hofmann sich den Bezirksleiter als seinen Nachfolger in Frankfurt wünscht. Seit einem Jahr wurde intern am neuen Führungsteam gearbeitet.

Aufstieg
 Zitzelsbergers Laufbahn begann 1984 im damaligen Daimler-Benz-Werk in Gaggenau. Seit Dezember 2013 ist er Bezirksleiter im Südwesten – 2015, 2018 und 2022 hat er den Pilotabschluss für die Metall- und Elektroindustrie verantwortet.

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