Stuttgart - Da kann die Welt der Wirtschaft noch so sehr durchgeschüttelt werden – die IG Metall verfolgt ihr gewohntes Prozedere, um eine Lohnforderung für die Tarifrunde 2021 festzulegen. Am Dienstag hat die Große Tarifkommission in Baden-Württemberg ein Volumen von vier Prozent beschlossen. Damit sollen entweder Entgeltzuwächse finanziert werden oder Modelle der Arbeitszeitabsenkung wie eine Vier-Tage-Woche mit Teilentgeltausgleich, die wiederum größere Entlassungen verhindern sollen.
Damit will die Gewerkschaft der Bandbreite der Unternehmen gerecht werden. Während der Maschinenbau etwa in einer tiefen Krise steckt, wird in der Medizintechnik weiter viel Geld verdient. Zudem sind Unternehmen vor der zweiten Corona-Welle von der Kurzarbeit unmittelbar in die Mehrarbeit gerutscht. „Beschäftigungssicherung, Zukunftsgestaltung und die Stabilisierung der Einkommen hat für uns in der schwersten Krise der Nachkriegszeit absolute Priorität“, sagt Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. Deswegen „fordern wir keine exorbitanten Lohnerhöhungen“.
IG Metall traut sich auch den Konflikt zu
Die IG Metall strebe gemeinschaftliche Lösungen mit den Arbeitgebern an. „Wenn das am Verhandlungstisch nicht geht, sind wir ausdrücklich bereit, in eine konfliktäre Auseinandersetzung zu gehen – das trauen wir uns auch unter Corona-Bedingungen zu“, betonte Zitzelsberger mit Blick auf die immer drastischeren Gegenforderungen. Auch in der aktuellen Reaktion äußern sich die Arbeitgeber enttäuscht, dass die IG Metall „keinen realistischen Blick auf die ernste Lage“ zeige und keine konstruktiven Vorschläge vorlege. Die Gewerkschaft strebe eine erhebliche Kostenbelastung an, moniert Südwestmetall-Chef Stefan Wolf, der in der ersten Runde aber wohl nicht mehr der Verhandlungsführer sein wird.
Nach Berechnungen des Wirtschaftsinstituts Ifo ist 2020 gut ein Drittel der Firmen in der Metall- und Elektroindustrie in die roten Zahlen gerutscht. Ein weiteres Viertel bewege sich zwischen null und zwei Prozent Nettoumsatzrendite. Angesichts der vielfach existenzbedrohlichen Situation gebe es bei den Mitgliedsunternehmen eine große Geschlossenheit, „dass die Firmen, die von den Pandemiefolgen und von der Transformation besonders betroffen sind, weitere Entlastungen vom hohen Niveau unseres Flächentarifs brauchen – automatisch, einfach und nachvollziehbar nach festen Kriterien“.
Eine Verschiebung der Tarifrunde ist für Zitzelsberger kein Thema
Es brauche einen „substanziellen Beitrag der Beschäftigten“, forderte der Verbandschef. „Die Gewerkschaft will über einen Beitrag der Beschäftigten nur sprechen, wenn sie das erforderliche Volumen zuvor über eine kräftige Tariferhöhung bei den Arbeitgebern abgeschöpft hat. Das ist trick-, aber nicht hilfreich.“ Angesichts von 65 000 Euro Durchschnittseinkommen im Jahr sei es zudem „abenteuerlich, dass es ausgerechnet unseren Beschäftigten an Kaufkraft mangeln soll“. Jüngst hatte Wolf schon Mehrarbeit ohne vollen Lohnausgleich verlangt sowie weniger Zuschläge beispielsweise für Spätarbeit.
Wolf hatte zuletzt auch eine Verschiebung der Tarifrunde angeregt. Dies lehnt die IG Metall strikt ab. Zitzelsberger wies die Haltung, dass Verhandlungen unter Corona-Bedingungen nicht möglich seien, zurück: „Wir haben in der Pandemie ziemlich viel gelernt, wie man das am besten macht.“ In einem Saal und mit Plexiglasscheiben könnten jeweils zehn Unterhändler ohne Infektionsrisiko verhandeln. „Wir haben die Tarifrunde im Frühjahr abrupt beendet – das war zu dem Zeitpunkt richtig“, betonte er. „Jetzt geht es darum, eine tarifvertragliche Normalität herzustellen.“ Gewerkschaftschef Jörg Hofmann hatte jüngst bekannt, dass er Wolf „nicht so richtig versteht“ – Notwendigkeiten wie die Beschäftigungssicherung gebe es jetzt, nicht erst in einigen Monaten. „Keiner muss Angst haben, wenn er mit der IG Metall verhandelt, dass er sich einem persönlichen Risiko aussetzt.“