IG-Metall-Forderung Attacke auf die Inflationsrate

Es ist gut möglich, dass es die IG Metall in der nächsten Tarifrunde im Herbst auf den Konflikt ankommen lässt. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Die IG Metall will dem hohen Kaufkraftverlust der Beschäftigten mit einer Lohnforderung zwischen sieben und acht Prozent begegnen – dabei stöhnen die Unternehmen schon jetzt unter den Belastungen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Die hohe Inflation gibt die Richtung vor: Mit einer Lohnforderung zwischen sieben und acht Prozent startet die IG Metall in die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie. Diese Empfehlung hat am Montag ihr Vorstand abgegeben. Am 30. Juni sollen die Großen Tarifkommissionen die endgültige Zahl beschließen. In Baden-Württemberg beginnen die Verhandlungen am 14. September. Ein Überblick.

 

Warum ist die Lohnempfehlung so hoch? Die IG Metall verweist vor allem auf die Inflation, die sich den führenden Wirtschaftsforschern zufolge in diesem Jahr bei über sieben Prozent einpendeln wird. Der Vorsitzende Jörg Hofmann erwartet, dass sich in den nächsten Jahren ein neuer Inflationssockel bilden wird, auf dem die Teuerungsrate abflache – „aber der Sockel ist da“. Also müsse die IG Metall mittelfristig die Entgelttabellen so entwickeln, dass der Sockel erreicht wird, um Kaufkraftverlust der Beschäftigten zu verhindern.

Zudem nimmt die Gewerkschaft zur Begründung ihrer Lohnforderung dieses und das nächste Jahr in den Blick – nicht wie üblich nur die künftige Entwicklung. Im Tarifabschluss von 2021 sei mit den Arbeitgebern eine Laufzeit bis Ende September 2022 vereinbart worden, „um dann im Lichte der Realitäten für das Jahr nachsteuern zu können“, argumentiert ihr Chef.

Wie ist die Lage der Unternehmen? Nach Meinung der IG Metall steht die Industrie gut da – die Sicht auf 2022 sei positiv. Die betriebliche Ertragslage sei im großen Umfang gut. Die Auftragsbestände hätten ein Allzeithoch erreicht, sagt Hofmann. Über die ganze Branche hinweg betrachtet, hätten die Betriebe Aufträge für die nächsten sechs Monate – normal seien etwa dreieinhalb Monate. Allerdings könnten diese wegen der Probleme mit den Lieferketten teils nicht abgearbeitet werden. Bei einer internen Umfrage unter Betriebsräten aus insgesamt 2422 Firmen im Mai hätten nur 16 Prozent der Teilnehmer von einer eher schlechten Auftragslage berichtet. Allerdings verweist Hofmann auch auf die unterschiedliche Lage der Betriebe – damit habe sich der Vorstand nochmals näher auseinandergesetzt.

Auch der Arbeitgeberdachverband Gesamtmetall hat eine Umfrage gemacht – danach sieht die Lage düster aus. Den Antworten von 1432 Unternehmen zufolge ist eine „große Mehrheit der Firmen der Metall- und Elektroindustrie von Umsatz- und Gewinnrückgang betroffen“. Jede fünfte Firma sei wirtschaftlich gefährdet. Während die finanziellen Reserven nach zwei Jahren Pandemie vielfach aufgebraucht seien, zeige sich nun ein immenser Preissteigerungsdruck. Fast alle Teilnehmer hätten von „Kostenexplosionen“ berichtet – 80 Prozent sprächen gar von einer „substanziellen Betroffenheit“. Zudem seien 70 Prozent der Firmen mit Produktionseinschränkungen konfrontiert, jede dritte mit erheblichen Einschränkungen.

Welchen Einfluss hat die Inflation? Hochumstritten ist die Frage, inwieweit die Preissteigerungen für Energie und Rohstoffe an die Kunden weitergegeben werden können. Der IG Metall zufolge gelingt dies 70 Prozent der Betriebe zumindest teilweise und sieben Prozent vollständig. Nur jeder fünfte Betrieb sehe sich dazu nicht in der Lage. Bei diesen handelt es sich laut Hofmann „in hohem Maße um kleinere und mittlere Unternehmen der zweiten und dritten Zuliefererstufe, die nicht die Marktmacht haben, die höheren Preise an die Kunden weiterzugeben“. Laut der Gesamtmetallumfrage haben jedoch drei Viertel der Firmen Probleme bei der Durchreichung der Kosten. Nur ein Prozent könne sie vollständig weiterleiten.

Droht nun eine Lohnpreisspirale? „Wir haben heute gewiss keine Lohnpreisspirale“, weist Hofmann die Sorgen etwa von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) zurück. Vielmehr gebe es seit zwei Jahren eine „sehr moderate und auf Beschäftigungssicherung orientierte Lohnpolitik“. Die Lohnforderung der IG Metall verstehe sich auch nicht als Politik des Inflationsausgleichs, sondern als Beitrag zu einer gerechten Lastenverteilung.

Zugleich warnt die IG Metall vor einer Überforderung der Tarifparteien. „Mit Tarifpolitik allein werden wir diese im Wesentlichen extern verursachte Teuerungsrate nicht ausgleichen können“, sagt Hofmann. Wenn der komplette Inflationsverlust in den Lohntabellen aufgefangen werden sollte, „müssten wir auf eine zweistellige Forderung gehen“, betont er. „Das können wir nicht, sondern wir brauchen auch eine staatliche Entlastung.“ Das heißt: Weil die Entlastungspakete der Ampelkoalition nur in diesem Jahr wirkten, müsse die Bundesregierung die „sinnvollen Elemente des Entlastungspakets II auch für 2023 aufmachen“.

Dafür müsste sie neue Schulden machen oder für höhere Einnahmen sorgen. Die Gewerkschaft spricht sich daher für eine Übergewinnsteuer aus – also für eine zeitlich befristete Abschöpfung von Gewinnen. Als Maßstab könnten Erträge in früheren normalen Jahren herhalten. Im Visier hat Hofmann aber nicht nur die Mineralölkonzerne, sondern alle „Unternehmen, die ungebührlich ihre Marktmacht ausnützen, um Preise durchzudrücken, die allein eine Margenoptimierung zum Ziel haben und wo beiläufig die Gelegenheit genutzt wird, die Gewinne in deutlich höhere Größenordnungen zu steigern, als allein durch die Produktions- und Umsatzleistung erwartbar wäre“.

Was passiert, wenn der Krieg oder Corona die Lage fundamental verändern? „Wir planen die Tarifrunde aus der Sicht von heute – da sind die Ampeln alle auf Grün“, sagt Hofmann. Man wolle aber im September noch mal „über die Anlage der Tarifrunde schauen und gegebenenfalls korrigieren“. Eine Notfallklausel etwa für den Fall eines Gaslieferstopps lehnt er ab. „So viel Verantwortungsgefühl haben wir schon – die IG Metall reagiert, wenn wir meinen, dass sie reagieren muss.“ Dies gelte auch für den Fall, dass sich erst nach dem Inkrafttreten des Tarifvertrags die Rahmenbedingungen veränderten. Bei den Stahltarifverhandlungen etwa hätten sich die Tarifpartner unlängst „in die Augen geschaut und gesagt: Wenn so was kommt, müssen wir da eine Lösung bieten“.

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