IG Metall startet in die Tarifrunde Jobsicherung hat oberste Priorität

In Teilen der Metall- und Elektroindustrie geht wegen des tiefgreifenden Strukturwandels die Arbeit aus – die IG Metall steuert gegen. Foto: dpa/Patrick Seeger

Die IG Metall Baden-Württemberg legt ihre Marschroute für die Tarifrunde fest. Sie will von den Arbeitgebern Geld fordern, mit dem einerseits die Arbeitsplätze in der Krise gesichert und andererseits die Einkommen stabilisiert werden sollen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Das Coronavirus hat den Tarifparteien 2020 schon einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht – dies soll nach Möglichkeit nicht wieder passieren. So wagt die IG Metall Baden-Württemberg den nächsten Anlauf zu einer „vergleichsweise normalen Tarifrunde“, wie Bezirksleiter Roman Zitzelsberger meint – „unter der Annahme eines erhöhten Infektionsgeschehens, aber ohne dass wir in einen zweiten Lockdown oder einen weiteren massiven wirtschaftlichen Absturz hineingeraten“. Denn dann, fügt er hinzu, „braucht man maximale Flexibilität“.

 

Beginnen sollen die Verhandlungen am 16. Dezember, doch hat die Große Tarifkommission schon die Marschroute vorgegeben. Demnach steht die Tarifrunde ganz im Zeichen des Joberhalts. „Massenhaft verkünden die Arbeitgeber Personalabbau und setzen ihn teilweise brutalst durch bis hin zu Betriebsschließungen und knallharten Massenentlassungen oder Insolvenzsituationen, die zum Teil abwendbar gewesen sind“, moniert der Bezirkschef. Daher gebe es aus den Belegschaften die „klare Anforderung an die IG Metall, die Beschäftigung abzusichern und dafür zu sorgen, dass nicht die Menschen die ganze Zeche zahlen“.

Neue Wege in der Forderungsdiskussion

Dabei beschreitet die Gewerkschaft einen neuen Weg, denn die übliche Lohnforderung soll es nicht geben: Vielmehr soll die Tarifkommission am 17. November ein beziffertes Forderungsvolumen mit zwei Zielen beschließen: die Arbeitsplätze in Krise und Transformation zu sichern sowie die Einkommen zu stabilisieren. „Wir differenzieren das Volumen ausdrücklich nicht, wonach so viel Prozent für das Entgelt und so viel Prozent für Beschäftigungssicherung reserviert sind, um die größtmöglichen Optionen am Verhandlungstisch zu ermöglichen“, sagt er.

Die Höhe des Volumens wird mit den bekannten Faktoren begründet: der langfristigen wirtschaftlichen Produktivitätsentwicklung von 1,0 bis 1,1 Prozent und der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank von 2,0 Prozent – was einen „verteilungsneutralen Spielraum“ von etwa drei Prozent ergibt. Darüber hinaus wird nun debattiert, ob ein „Nachschlag“ für 2020, dem Jahr der Kurzarbeit, oder „im Sinne einer gesamtwirtschaftlichen Kaufkraftstärkung“ angebracht ist, denn die bisher letzte Erhöhung der Lohntabellen gab es vor zweieinhalb Jahren. Daraus lässt sich ableiten, dass das Forderungsvolumen zwischen drei und fünf Prozent liegen könnte.

Arbeitgeber gehen schon in die Offensive

Einer Nullrunde hingegen, betont Zitzelsberger, „erteilen wir eine klare Absage“ – die IG Metall gehe „auch unter diesen Rahmenbedingungen sehr selbstbewusst in die Tarifrunde hinein“. Diese Nullrunde hatten gerade erst die Arbeitgeber in einer medialen Offensive verlangt: „Wir müssen jetzt erst mal ein gemeinsames Verständnis dafür finden, dass es keinen Verteilungsspielraum gibt“, mahnte Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. Die Industrie müsse einen Strukturwandel bewältigen. „Lohnerhöhungen sind weder dieses noch nächstes Jahr realistisch.“ Alle müssten einen Beitrag zur Krise leisten, auch die Beschäftigten. Südwestmetall-Chef Stefan Wolf legte nach: „Es ist absolutes Maßhalten angesagt“, so der bisherige Verhandlungsführer der Arbeitgeber im Südwesten. „Wir sollten beim Grundentgelt nicht mehr draufsatteln und an anderer Stelle entlasten, zum Beispiel bei Sonderzahlungen oder bei Zuschlägen.“

Zitzelsberger konstatiert nach den Aufschlägen der Gegenseite: „Die Positionen sind deutlich weiter auseinander als in früheren Tarifrunden.“ Dennoch betont er, dass die Verhandlungspartner im Land „jederzeit diskurs- und streitfähig im besten Sinne sind – egal wie schwierig die Lage ist“. Ein Forderungspaket der Arbeitgeber hält er für denkbar. Dann werde sich zeigen, „wie viel Öl die Gegenseite ins Feuer gießen will“. Ob daraus zwingend eine große Auseinandersetzung mit viel Protest und Warnstreiks resultiert, lässt der Bezirksleiter offen.

Vier-Tage-Woche soll nicht so deutlich im Vordergrund stehen

Auch die von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann angeregte Vier-Tage-Woche wurde von der Tarifkommission begrüßt. Sie sei eine gute Möglichkeit der Absenkung von Arbeitszeit und passe „gut ins baden-württembergische Tarifgeschehen“, wie Zitzelsberger meint. Er sieht sie aber eher als ein weiteres Modell der Arbeitszeitabsenkung, um die Verhandlungen nicht unnötig zu belasten. Die Arbeitgeber lehnen die Vier-Tage-Woche bisher strikt ab, auch weil die Gewerkschaft damit die Forderung nach einem Teillohnausgleich verbindet, der über die 15,33 Prozent Aufschlag je entfallener Arbeitsstunde hinausgeht, die bei der „tariflichen Kurzarbeit“ gezahlt werden. Doch denkt Zitzelsberger voraus: Auch nach Ende 2021, wenn die gesetzliche Kurzarbeitsregelung ausläuft, „brauchen wir Möglichkeiten, um die Arbeitszeit zu reduzieren und massive Kündigungen zu verhindern“.

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