Frau Benner, befürchten Sie, dass die Ampelkoalition auseinanderbricht, wenn dort weiter so gestritten wird?
Die Kommunikation muss dringend verbessert werden. All das, was wir um das Gebäudeenergiegesetz erlebt haben, war ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte. Ich vertraue einfach darauf, dass die Regierung aus dem Desaster ihre Konsequenzen zieht, nämlich die Menschen besser mitzunehmen bei den anstehenden Veränderungen, die wir im Zuge des Klimawandels oder der Dekarbonisierung sehen. Auch müssen die sozialen Belange von den Politikern stärker ins Blickfeld genommen werden.
An was denken Sie?
Es reicht nicht, wie beim Tankrabatt das Geld mit der Gießkanne auszuschütten, wovon auch viele profitieren, die es nicht brauchen. Wenn die Menschen punktgenau entlastet werden, die sozial am stärksten getroffen werden von den Veränderungen, dann könnte das ein Weg nach vorne sein. Es ist höchste Zeit für einen Boxenstopp und die Überlegung: Was ist schiefgelaufen, was müssen wir besser machen?
Ein Streitthema ist jetzt das Elterngeld. Sie haben sich gegen die Halbierung der Bezugsgrenze auf ein Jahreseinkommen von 150 000 Euro ausgesprochen. Warum sind Ihnen Besserverdiener plötzlich so wichtig?
Sozialpolitisch ist die Absenkung der Einkommensgrenze vertretbar, doch gleichstellungspolitisch wäre sie ein großer Fehler. Dass mehr Männer auch Elternzeit genommen haben und Frauen schneller in den Arbeitsmarkt zurückgehen konnten, waren aus unserer Sicht gleichstellungspolitische Erfolge. Die würden nun zurückgedreht - nach dem, was ich aus den Betrieben zurückgemeldet bekomme, würde dies Frauen eher wieder aus dem Erwerbsleben zurückdrängen und zu einem späteren Berufseinstieg nach der Geburt des Kindes führen. Dies würde einen Weg zurück in die klassische Rollenverteilung provozieren.
Kommt dieses Einkommensniveau in der Metall- und Elektroindustrie viel häufiger vor, als es zunächst erscheint?
Das ist kein Massenphänomen, aber natürlich haben wir durch unsere guten Tarifverträge in den Unternehmen Paare mit Einkommen, die sich in dieser Größenordnung bewegen und vom Elterngeld profitiert haben, sodass gut qualifizierte Frauen schneller in den Beruf zurückgekommen sind. Ich habe vor Kurzem bei Mercedes-Benz in Sindelfingen mit 500 Vertrauensleuten diskutiert, da haben mich die Kolleginnen genau auf dieses Thema angesprochen. Sie erwarten, dass wir uns entsprechend positionieren. Wir müssen auch davon wegkommen zu sagen: Nur weil es Besserverdienende betrifft, äußern wir uns nicht dazu, vor allem wenn es Themen betrifft, die wie hier unser Ziel der Gleichstellung torpedieren. Wir müssen es auch in einem größeren Kontext, wie hier des Fachkräftemangels und des Mangels an hochqualifizierten Frauen für Führungspositionen sehen.
Die SPD hat alternativ die Abschaffung des Ehegattensplittings vorgeschlagen – wäre das eine brauchbare Alternative?
Das Gute an der Debatte ist, dass das Ehegattensplitting – eine uralte gewerkschaftliche Forderung – jetzt wieder in die Diskussion gekommen ist. Je ungleicher Ehepaare verdienen, desto höher ist die Steuerentlastung – das führt dazu, dass Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren oder gar nicht erwerbstätig werden. Daraus folgt eine höhere Entgelt- und auch Rentenlücke. Da könnte man die 20 Milliarden Euro, die pro Jahr an steuerlichen Vorteilen für diese Ungleichheiten ausgegeben werden, umlenken in eine Dynamisierung der Elterngeldhöhe oder in eine bessere Infrastruktur für Kinderbetreuung – wobei das Ehegattensplitting aus unserer Sicht nur für zukünftig geschlossene Ehen beseitigt werden sollte.
Die IG Metall ist eine fest etabliert auf dem politischen Parkett – wie lange kann es dauern, den Vorsitzenden Jörg Hofmann dort zu ersetzen?
Jörg Hofmann ist selbstverständlich als Person einzigartig und ist mit seinen Kompetenzen nicht leicht ersetzbar. Er hat sehr wertvolle Kontakte aufgebaut. Wir arbeiten aber auch schon lange zusammen an all diesen Themen. Jeder und Jede muss eigene Akzente setzen. Ich zum Beispiel bin stark unterwegs in dem Bereich der Mitbestimmung, momentan beispielsweise auch beim Umbau des Continental-Konzerns. Das ist ganz eng verwoben mit Arbeitsmarktpolitik. Wir haben da die Netzwerke und die Kontakte in die Politik, und ich werde das, wir werden das als neues Führungsteam zusammen weiterführen.
Wird die IG Metall unter Ihnen weiblicher werden?
Wir haben einen Frauenanteil von 20 Prozent in den Belegschaften. Insofern hat die IG Metall schon überproportional viele Frauen als Führungskräfte. In den Geschäftsstellen vor Ort haben wir etwas über 25 Prozent weibliche Geschäftsführerinnen – insgesamt gehen wir in Führungspositionen auf die 30 Prozent zu. Wenn nun – die Wahl vorausgesetzt – eine Frau Erste Vorsitzende und Nadine Boguslawski aus Stuttgart Hauptkassiererin wird, dann hätten wir sogar zwei Frauen an der Spitze, was historisch für uns wäre.
Wann zahlt sich das in der Mitgliedschaft aus?
Wir bekommen eine Chance, dass die IG Metall weiblicher wahrgenommen wird. Aber entscheidend ist ja nicht das Geschlecht, sondern sind unsere Inhalte. Wenn diese Kombination stimmig ist, wäre das etwas, was ich gerne für eine Vergrößerung unserer weiblichen Mitgliedschaft umsetzen würde.
Die Transformation mit Verlagerungen und Jobverlusten oder die Folgen der Energiekrise werden der IG Metall in den kommenden Jahren schwer zu schaffen machen. Werden sie Vorsitzende in einer Zeit, wo man sich mit weniger zufrieden geben muss?
Wir haben zahlreiche Unternehmen in diesem Land, die sehr große Gewinne machen. Verteilungsmasse ist da. 2023 wurden trotz multipler Krisen mit die höchsten Dividenden ausgeschüttet…
. . . Sie sind nicht nur für Mercedes-Leute, sondern viele weitere Mitglieder da?
Absolut. Das Gute ist: Es kommt ja auch viel Neues, wo weitere Beschäftigungsfelder entstehen, wenn wir es klug machen. Die IG Metall hat mit darauf hingewirkt, dass die Ansiedlung von Intel in Magdeburg erfolgt. Perspektivisch werden in der Halbleiterindustrie noch mal im fünfstelligen Bereich Arbeitsplätze entstehen. Im ganzen Bereich der Wärmewende werden im Moment 600 000 bis 750 000 Fachkräfte gesucht. Oder denken Sie an die Batteriefertigung. Transformation muss nicht Arbeitslosigkeit bedeuten – im Gegenteil. Von daher sehe ich jetzt nicht, dass da per se Verteilungsmasse verloren geht, sondern es kommt jetzt auf ein paar entscheidende Weichenstellungen an. Bei der regionalen Strukturpolitik und Industriepolitik etwa sind wir schon gut unterwegs. Ich kann den Beschäftigten jetzt natürlich sagen, wie schrecklich es ist, dass nicht alles bleibt wie es ist, aber das wäre ja nicht korrekt. Ich bin eher dafür, zu überlegen, wie wir die Dinge in die Zukunft bewegen können. Da bin ich sehr zuversichtlich, dass wir uns neue Perspektiven erarbeiten. Voraussetzung ist aber, dass die Politik in die Strümpfe kommt, investiert und das Land nicht kaputt spart.
Spüren Sie mit dem Sprung von der Zweiten zur Ersten Vorsitzenden eine stärkere Last der Verantwortung?
Ja. Es ist noch mal ein Unterschied – ich bin mir dieser Verantwortung bewusst. Aber ich fühle mich auch schon jetzt sehr verantwortlich für diese Organisation. Zweite Vorsitzende dieser wunderbaren Gewerkschaft ist ja auch nicht irgendwas. Das ist nach unserer Satzung ein eigenes Mandat. Ich hatte meine eigenen Felder – wie die Gestaltung von Digitalisierung oder die Werbung von Angestellten, wie beispielsweise Ingenieuren, wo wir die größten Zuwächse im letzten Jahr hatten. Sicherlich ist es noch mal etwas anderes, wenn man weiß, dass die Verantwortung am Ende bei dir liegt. Aber ich möchte die IG Metall auch sehr kooperativ führen, da sind wir mit unserer Fünfer-Truppe in einem guten Prozess zu definieren, wie wir unsere Arbeit gestalten wollen.
Wie meinen Sie das?
Die klügsten Entscheidungen für diese Organisation werden wir zusammen treffen müssen. Wir haben so viele intelligente Menschen, dass mir da überhaupt nicht bange wird. Ich bin sehr stark eine Teamplayerin. Das Leben ist viel zu komplex, als dass ein Mensch allein alle Entscheidungen trifft. Dass ich dann meinen Kopf dafür hinhalte, weiß ich. Aber das erdrückt mich überhaupt nicht, ich freue mich drauf.
Was wäre in einer Doppelspitze mit Roman Zitzelsberger anders geworden?
Darüber denke ich nicht nach. Roman und ich, wir hätten uns sehr gut ergänzt. Und er bleibt ja im erweiterten Führungsteam. Wir haben sieben Bezirksleiter, auch da wollen wir enger kooperieren und die IG Metall anders führen. In der Runde werden seine Ideen und Impulse weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Wir haben zu dritt sehr lange gearbeitet an dieser Idee einer kooperativen Führung, auch mit Jürgen Kerner…
. . . dem aktuellen Hauptkassierer und künftigen Zweiten Vorsitzenden . . .
Wir wollen ganz viel von dem, was wir zu dritt entwickelt haben, jetzt trotzdem machen. Auch wenn die von uns gewünschte Satzungsänderung nicht kommt, bin ich von den Ideen, die wir zusammen entwickelt haben, nach wie vor überzeugt.
Hängen Sie dem noch nach, dass der neue Ansatz nicht funktioniert hat?
Wir waren ja wirklich landauf, landab unterwegs und haben dafür geworben. Und die Leute haben immer gesagt: Das hört sich alles cool an, arbeitet im Team zusammen – aber wir möchten die Satzungsänderung nicht. Und: Bei uns im Betrieb ist gerade so viel im Umbruch, wir wollen, dass wenigstens unsere IG Metall eine Stabilität gibt. Ich habe dann mitunter entgegnet: Wenn wir jetzt bei der alten Satzung bleiben, heißt es ja nicht, dass sich die IG Metall nicht verändern wird. Da haben wir ganz viele Ideen entwickelt und wollen innovativer sowie beteiligungsorientierter werden. So haben wir eigentlich für alles Unterstützung bekommen, außer für diese Satzungsänderung. Von daher sehe ich uns auf einem gefestigten Fundament, was die Idee dieser kooperativen Führung anbelangt.
Welche Fehler wurden gemacht?
Ich habe daraus gelernt, dass solche Veränderungen viel frühzeitiger und transparenter besprochen werden müssen. Und dass wir bei solchen doch fundamentalen Überlegungen den Leuten sehr gut erklären müssen, warum uns das wichtig ist. Sie sollen an der Meinungsbildung teilhaben. Die Zeiten, in denen solche Entscheidungen über die zukünftige Ausrichtung der IG Metall, personell oder inhaltlich, von wenigen Leuten in Hinterzimmern ausgehandelt werden, sind definitiv vorbei.
Spitzengewerkschafterin
IG-Metall-Vize
Christiane Benner (55) ist seit acht Jahren Zweite Vorsitzende der IG Metall – mit Zuständigkeit unter anderem für die Organisationspolitik, Betriebs- und Mitbestimmungspolitik und Plattformökonomie. Sie vertritt die Gewerkschaft als Aufsichtsrätin bei BMW und Continental.
Führung
Die gebürtige Aacherin hat Anfang 2022 das Angebot abgelehnt, Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu werden, um von Ende Oktober an die IG Metall zu führen. Der Plan, eine Doppelspitze mit dem baden-württembergischen Bezirksleiter Roman Zitzelsberger zu bilden, scheiterte – weil sich für die nötige Satzungsänderung an der Basis keine klare Mehrheit abzeichnete. Deshalb zog der Vorsitzende Jörg Hofmann seinen ursprünglichen Personalvorschlag zurück. Gesundheitliche Probleme bei Zitzelsberger verhinderten dann auch noch seinen Aufstieg zum Zweiten Vorsitzenden.