IG Metall zieht Bilanz 260 000 wollen freie Tage statt des höheren Entgelts

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Zeit statt mehr Geld – die Wahl kommt in der Metall- und Elektroindustrie gut an. Vor allem Schichtarbeiter, aber auch Eltern kleiner Kinder oder Mitarbeiter mit pflegebedürftigen Angehörigen nutzen die Möglichkeiten des Tarifabschlusses.

Die IG Metall sieht ihren Tarifkurs vom Vorjahr durch die Resonanz bestätigt. Foto: dpa
Die IG Metall sieht ihren Tarifkurs vom Vorjahr durch die Resonanz bestätigt. Foto: dpa

Stuttgart/Frankfurt - Die IG Metall sieht sich in einer beispiellosen Erfolgsspur. 2018 sind bundesweit 133 165 Frauen und Männer neu eingetreten – knapp 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Zum Jahresende gehörten ihr damit 2,27 Millionen Menschen an, somit fast 8000 mehr als zwölf Monate zuvor. Auch „für die IG Metall Baden-Württemberg war 2018 eines der erfolgreichsten Jahre ihrer Geschichte“, wie Bezirksleiter Roman Zitzelsberger in Stuttgart sagte. 441 146 Mitglieder zum Jahresende entspricht einem Plus von 8134 binnen eines Jahres. Die Zahl der Neuaufnahmen habe mit 35 817 (plus 50 Prozent) ein Rekordniveau erreicht.

Ein zentraler Faktor des Booms ist der Tarifabschluss von Anfang Februar 2018. Die IG Metall sieht sich durch die, wie sie meint, starke Resonanz in den Belegschaften in ihren damaligen Zielen bestärkt. „Mit dem Tarifergebnis haben wir mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit durchgesetzt und damit ganz konkret die persönliche Lebenssituation für Tausende verbessert“, betonte der Vorsitzende Jörg Hofmann in Frankfurt. Dies zeigten auch die neuesten Umfrageergebnisse aus mehr als 2600 Betrieben. Demnach hätten bundesweit 260 000 Beschäftigte, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder Schicht arbeiten, einen Antrag gestellt, um in diesem Jahr lieber acht zusätzliche freie Tage statt mehr Geld in Anspruch zu nehmen. 93 Prozent dieser Anträge seien genehmigt worden.

Fast alle Anträge wurden durchgewinkt

In Baden-Württemberg wiederum haben mehr als 50 000 Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie einen Antrag auf die acht freien Tage anstelle der Entgelterhöhung gestellt – zu drei Vierteln von Beschäftigten in Schichtbetrieben. 90 Prozent von diesen Anträgen seien durchgewinkt worden, so Zitzelsberger – bei Beschäftigten mit pflegebedürftigen Angehörigen oder Kindern bis zu acht Jahren seien praktisch alle Wünsche berücksichtigt worden. Oft hätte man sich im Betrieb auch um kreative Lösungen bemüht, um den Ausfall von Arbeitskräften auszugleichen, damit der Tarifabschluss nicht Mehrarbeit für Kollegen bedeute. Die überwiegende Anzahl der Arbeitgeber sei klug genug, das Geben und Nehmen zu erkennen, fügte der Bezirkschef an.

Zitzelsberger hat auf der Arbeitgeberverbandsseite letztendlich ein starkes Interesse erkannt, dem Tarifabschluss zum Erfolg zu verhelfen. „Aus meiner Wahrnehmung hat es gut geklappt“, sagte er zur Frage nach Unterstützung auf der Gegenseite. Der Verband Südwestmetall hingegen bemängelt die Umsetzung des Tarifabschlusses in etlichen Betrieben. Insbesondere bei der Wahloption „Freizeit statt Geld“ habe es Probleme gegeben, sagte Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick. In vielen Betrieben sei es „nicht gelungen, das entfallende Arbeitsvolumen innerbetrieblich zu kompensieren – wie es der Tarifvertrag klipp und klar vorsieht“, widersprach Dick dem Bezirksleiter. „Nur weil viele Unternehmen in den sauren Apfel gebissen haben, Anträge ohne entsprechenden Ausgleich zu genehmigen, um den Betriebsfrieden zu wahren, konnte das Gros der Anträge bewilligt werden.“

Arbeitgeber kritisieren vor allem die Betriebsräte

Dicks Kritik richtet sich vor allem gegen manche Betriebsräte. Diese hätten nicht, wie im Tarifvertrag geregelt, konstruktiv daran mitgearbeitet, das entfallende Arbeitsvolumen zum Beispiel durch Mehrarbeit anderer Beschäftigter auszugleichen. Stattdessen seien die Unternehmen teilweise mit Drohungen konfrontiert worden, künftige Mehrarbeit zu erschweren, sollten nicht alle Anträge auf die acht zusätzlichen freien Tage bewilligt werden. Es sei „bedenklich, dass die IG-Metall-Bezirksleitung dieses Verhalten auch noch billigt“, rügte der Hauptgeschäftsführer.

Damit ihr Mitgliederboom anhält, stößt die IG Metall im Südwesten eine neue Kampagne „Tarif jetzt!“ an. Derzeit arbeiten in all ihren Branchen etwa 600 000 Menschen in Betrieben ohne Tarifvertrag. Bis 2025 will die Gewerkschaft weitere 100 000 Beschäftigte in Tarifbindung bringen. Schon in der Metalltarifrunde 2016 war der Kampf um die Tarifbindung in den Fokus gerückt – seither arbeiten in Baden-Württemberg mehr als 33 300 Beschäftigte aus 106 Betrieben erstmals oder wieder unter dem Dach des Flächentarifvertrags.

IG-Metall-Chef Hofmann sieht derweil große Herausforderungen auf die Wirtschaft zukommen durch Handelskonflikte, die Auswirkungen des Brexits sowie die Gestaltung der zukünftigen Mobilitäts- und Energieentwicklung. Die Automobilindustrie befindet sich in einer schwierigen Lage. Die Herausforderung, vor der sie stehe, sei enorm. In den nächsten Jahren könnten durch die neuen europäischen Klimaziele mehr als 150 000 Arbeitsplätze wegfallen, warnte er. Bis zu 40 000 Jobs könnten wiederum entstehen, wenn alle Komponenten der Elektromobilität in Deutschland gefertigt würden – was allerdings nicht erkennbar sei. „Es ist dringend Zeit für realistische Pläne und vor allem Handeln“, mahnte er.

Zitzelsberger zeigte sich „in größter Sorge“, dass sich die Europäer bei der Batteriezellenproduktion voll auf den Weltmarkt verließen. Zu mehr Investitionsbereitschaft sieht er sowohl die Automobilhersteller als auch die Zulieferer und die Politik aufgefordert. Alle agierten „viel zu verhalten“.