IHK Rems-Murr tagt in Fellbach Hat die Wirtschaft den KI-Zug verpasst?

Volles Haus beim IHK-Frühlingsempfang im Fellbacher Goldbergwerk Foto: IHK

Beim Frühlingsempfang der IHK Rems-Murr im Fellbacher Goldbergwerk geht es um Chancen der Künstlichen Intelligenz für die lokale Wirtschaft – und auch ein wenig um das Dauerärgernis Bürokratie.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Wenn die Industrie- und Handelskammer ein wenig Nachdenklichkeit unter den Wirtschaftsführern im Rems-Murr-Kreis auslösen wollte, ist ihr das mit der Auswahl des Impulsvortrags bei ihrem Frühlingsempfang gelungen. Denn an der Frage, wie schnell Künstliche Intelligenz (KI) nicht nur in den Arbeitsalltag, sondern in aller Leben einziehen wird, hatten die knapp 500 geladenen Gäste im Fellbacher Goldbergwerk spürbar zu knabbern.

 

Künstliche Intelligenz kann mehr als eine Vorauswahl für Stellenbewerber

Gastredner Bilal Zafar berichtete bei seinem Auftritt am Montagabend nicht nur von gewaltigen technischen Möglichkeiten, die in Rechenleistung und klugen Algorithmen schlummern. Je enthusiastischer der aus der Nähe von Freiburg stammende Gründer zweier Internetfirmen von den Chancen der KI-Welt erzählte, desto mehr wuchs bei den Unternehmern die Sorge, den Zug vielleicht längst verpasst zu haben. Dass Künstliche Intelligenz zu mehr taugt als Antwortmails für Kundenbeschwerden zu erstellen oder eine erste Vorauswahl von Stellenbewerbern für die Personalabteilung zu machen, dringt demnach nur langsam ins Bewusstsein. Und dass KI eine größere Umwälzung bedeutet als die Erfindung des Feuers und der Elektrizität, diesen Satz des Google-Chefs Sundar Pichai hätten bisher auch nicht viele Firmenchefs für sich unterschrieben. „Der Vortrag hat die Leute aufgerüttelt, das hat man gemerkt“, bestätigte IHK-Geschäftsführer Markus Beier nicht ohne Stolz, bei der Themenauswahl für den Frühlingsempfang am Puls der Zeit gewesen zu sein.

Bilal Zafar jedenfalls ist entzückt von der Möglichkeit, aus einem Porträtfoto einer Frau ein Video zu machen, in der die KI zu an der Tastatur eingegebenen Sätzen auch gleich die passende Mimik kreiert. Er lässt Filmbilder von einer meerumtosten Küste laufen, auf denen jeder Wasserspritzer und jede im Hintergrund fliegende Möwe vom Computer generiert ist. Er führt vor, dass schon im jetzigen Entwicklungsstand der entsprechenden Programme nicht mehr zu erkennen ist, ob es sich bei auf Videos zu sehenden Personen um echte Menschen oder um nachträglich eingefügte Fantasiegestalten handelt. Und er erzählt, dass er selbst schon jetzt von der KI profitiert: Eine vom Programm ChatGPT erstellte Stellungnahme für einen Strafzettel, den er sich für eine Tempoüberschreitung in der Lärmschutzzone eingehandelt hatte, erwirkte eine Einstellung des Verfahrens – das Ordnungsamt folgte der Sichtweise, dass er mit seinem Tesla keine Ruhestörung verursachen könne.

Auch die Bürokratie-Datenbank der IHK baut auf KI-Unterstützung

Dass der Mensch seinen Augen nicht mehr trauen kann und Tomaten womöglich bald von KI-gestützten Robotern geerntet werden, war freilich nicht das einzige Thema im Goldbergwerk. Claus Paal unterstrich als Präsident des IHK-Bezirks seine Forderung nach einem wirksamen Abbau bürokratischer Auflagen. „Unternehmer wollen Innovation schaffen und keine fünf Nachhaltigkeitsberichte ausfüllen“, sagte er. Für die Bekämpfung aus Sicht der Wirtschaft überflüssiger Richtlinien hat die IHK in der Region eine Datenbank mit einer mehrere hundert Punkte umfassenden Streichliste aufgebaut, übrigens mit KI-Unterstützung.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu IHK KI Rems-Murr-Kreis Fellbach Tesla