Ikke Hüftgold bei Abschiedstour auch in Stuttgart „Früher fand ich Ballermann-Musik scheiße“

Matthias Distel geht als Ikke Hüftgold auf Tour. Foto: IMAGO/Fotostand / Reiss

Matthias Distel erfand vor 15 Jahren die Kunstfigur Ikke Hüftgold und feiert damit große Erfolge als Partyschlager-Sänger. Nun will er sich langsam von Ikke verabschieden. Ein Gespräch über den Ballermann, verbotene Lieder und moralische Grenzen.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Herr Distel, Sie gehen Ende des Jahres als Ikke Hüftgold auf große Abschiedstour, haben ein letztes Album herausgegeben – wollen Sie wirklich Schluss machen mit Ihrer Kunstfigur?

 

Ich habe angekündigt, dass das meine erste und letzte Tour sein wird. Deshalb arbeiten wir wie verrückt daran, dass wir ein geiles Bühnenbild haben, die Technik perfekt ist, die Performance passt. Es ist ein Mammutprojekt, so eine Tour auf die Beine zu stellen, aber für mein Karriereende habe ich mir das gewünscht. Ikke Hüftgold als Kunstfigur wird es in irgendeiner Form noch weitergeben, aber ich will es in Zukunft mehr als Hobby betreiben. Ich habe mich 15 Jahre lang verausgabt und vieles nebenher gemacht. Dieses Jahr sind es allein 164 Auftritte. In Zukunft will ich mich mehr um meine Familie und meine Partnerschaft kümmern.

Wie schafft man es, sich 15 Jahre lang am Ballermann zu behaupten?

Die Idee für Ikke Hüftgold entstand aus einer Wette mit einem Freund. Ich fand damals Ballermann-Musik scheiße. Aber die Challenge war, ein Lied in zehn Minuten zu schreiben. Daraus wurde Ikke Hüftgold und wir gründeten die größte Plattenfirma des Genres. Am Anfang geht man mit viel Enthusiasmus ran. Nach ein, zwei Jahren merkt man, dass Gegenwind kommt. Dann musste ich die Richtung ändern, mehr selbst machen, denn dir hilft da niemand. Aber mit jedem Erfolg, den man hat, steigt auch der Druck. Am Anfang ist man der Jäger, jetzt ist man der Gejagte.

Das klingt nach einem Haifischbecken.

Genau, es gibt nur wenige Plätze. In Deutschland gibt es zwar sehr viele Veranstaltungen mittlerweile, aber trotzdem gibt es Tausende, die in dem Segment als Künstler erfolgreich sein wollen. Auf Mallorca gibt es aber maximal einen Newcomer pro Jahr.

Sie haben gesagt, dass Sie die Ballermann-Musik früher „scheiße“ fanden, machen das nun aber seit 15 Jahren.

Das ist bei mir wie mit Sushi. Ich habe jahrelang gesagt, dass ich rohen Fisch nicht mag. Bis ich es probiert habe und heute liebe ich Sushi. Manches muss man erst ausprobieren. Ich liebe diese Musik inzwischen und meinen Job. Ich könnte mir nichts anderes mehr vorstellen. Als ich gemerkt habe, dass die Leute zu meiner Musik feiern und mit strahlenden Augen das Konzert verlassen, gab es für mich nichts Schöneres mehr. Ich bin dafür da, dass die Leute Spaß haben. Darin sehe ich meine Passion.

Der Mann hinter der Kunstfigur: Matthias Distel. Foto: dpa/Thomas Frey

Ist der Ballermann auch ein Ort, den Sie privat für den Urlaub wählen würden?

Ich bin jetzt 47 Jahre alt, aber bis 35 habe ich auch viel mitgefeiert. Da war ich schon mal auf der ein oder anderen Kirmes oder dem Oktoberfest. Wenn ich heute abends weggehe, dann in ruhiger Runde. Im Urlaub bin ich lieber in Österreich in den Bergen als auf Ibiza oder Mallorca am überfüllten Strand. Ich bin gerne unter Leuten, aber für meinen Kopf brauche ich auch mal die Auszeit in einer anderen Welt.

Wenn es Kritik an Ihren Song-Inhalten gibt, antworten Sie, dass Ikke Hüftgold eine Kunstfigur und das, was Sie machen, Satire ist. Werden Ihre Songs vom Publikum auch als Satire verstanden?

Von dem Publikum, das Partyschlager hört, verstehen das natürlich alle. Wenn man aber damit bisher gar keine Berührungspunkte hatte und das richtige Lied von mir hört, denkt man wahrscheinlich: „Was sind das für Leute, warum macht man so was?“ Um die Musik zu verstehen, muss man wohl dieses Party-Gen in sich tragen. Man muss das zulassen können. Es gibt Leute, die sich moralisch andere Grenzen gesteckt haben, das ist auch völlig in Ordnung. Meine Grenzen sind dort, wo das Recht angegriffen oder zum Beispiel Gewalt verherrlicht wird. Das macht der Partyschlager nicht.

2016 haben Sie am Ballermann gegen das Alkoholverbot am Strand protestiert, indem Sie Freibier austeilten. Heute begrüßen Sie die strengeren Alkoholregeln auf der Ferieninsel. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Ich begrüße das als Matthias schon immer. Wer sich nicht benimmt, dem gehört in den Arsch getreten. Damals habe ich die Kunstfigur Ikke an den Strand gesetzt und Dosenbier verteilen lassen. Damit habe ich mir aber auch den Rauswurf von der Insel und damit viel Ärger eingehandelt. Im Kern bin ich dafür, dass die Leute, die hier wohnen, und die Touristen gut miteinander klar kommen. Lächerlich fand ich damals, dass es immer nur angekündigt, aber nie umgesetzt wurde. Wir brauchen hier noch ganz andere Maßnahmen, wenn man sieht, wie viele Drogendealer oder Banden, die Touristen überfallen, unterwegs sind.

Während das Freibier verteilen eher als Spaß gedacht war, ist Ihnen soziales Engagement durchaus ernst, oder?

Das ist für mich ein sehr wichtiges Thema. Wir haben eine Kinderstiftung gegründet, die für mich ein absolutes Herzensprojekt ist. Schon mit 18 Jahren habe ich in Vereinen die Kids trainiert und bin ein riesiger Befürworter des Ehrenamtes. In meinem Gartenbaubetrieb arbeiten auch Leute, die aus dem Knast kamen, die vorbestraft sind. Wenn ich als Unternehmer oder Künstler keine soziale Verantwortung übernehme, wer soll es denn dann tun? Menschen von vornherein zu verurteilen, ist einfach falsch.

Falsch ist auch, wie in den letzten Wochen ein eigentlich harmloser Partyhit von Gigi D’Agostino für Nazi-Parolen missbraucht wurde. Der Song ist nun bei vielen Veranstaltungen verboten. Wie beurteilen Sie das?

Es ist eine bodenlose Frechheit vom Münchner Oktoberfest, diesen Song zu verbieten, der doch eigentlich ein Liebeslied ist. Wenn er nicht mehr gespielt wird, wird eben ein Roland-Kaiser-Lied oder eines von Ikke Hüftgold umgedichtet. Den Hebel muss man bei denjenigen, die ihre rechte Gesinnung verbreiten, ansetzen, aber doch nicht bei den Liedern. Wir hatten die Debatte um das Verbot von „Layla“, die ebenso unsinnig geführt wurde. Mit Verboten lenkt man nur noch mehr Aufmerksamkeit auf diese Themen. Das nervt mich, weil man die Probleme an der Wurzel bearbeiten müsste, zum Beispiel mit Kinder- und Jugendarbeit und mit besserer Integration.

Von Kinderhörspielen zum Partyschlager

Abschiedstour
Ikke Hüftgold ist mit der „Nummer eins Live-Tour“ Ende des Jahres unterwegs. In Stuttgart wird er am 5. Dezember 2024 im LKA-Longhorn auftreten.

Werdegang
Mit bürgerlichem Name heißt er Matthias Distel, ist 47 Jahre alt und wuchs in Limburg an der Lahn auf, wo er einen Gartenbaubetrieb gründete, den er bis heute mit einem Partner betreibt. Von 2007 an schrieb und produzierte er Kinderhörspiele, bis er den Partyschlager für sich entdeckte. Er gründete das Unternehmen Summerfield Group. Mit dem dazugehörigen Musiklabel Summerfield Records arbeitete er mit Künstlern des Genres zusammen wie zum Beispiel Willi Herren, Mia Julia oder Lorenz Büffel. Sein Label produzierte das umstrittene Lied „Layla“, das im Jahr 2022 als erstes Ballermann-Lied Platz eins der deutschen Singlecharts erreichte.

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