Illegale Entsorgung im Kreis Böblingen nimmt wieder zu Müllsünder stoppt nicht einmal der Nulltarif

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Nach Jahren des Rückgangs wird im Landkreis wieder mehr Unrat gesetzwidrig entsorgt. Dies offenbar gezielt und von Unternehmern sogar im großen Stil. Theoretisch kann schon ein ausgespuckter Kaufgummi 250 Euro kosten.

Statt Wertstoffhöfe steuern Müllsündern entlegene Orte an. Besonders beliebt sind Parkplätze im Wald. Foto:  
Statt Wertstoffhöfe steuern Müllsündern entlegene Orte an. Besonders beliebt sind Parkplätze im Wald. Foto:  

Böblingen - Müll vermehrt sich, einem Lebewesen gleich. Diese Erkenntnis ist im Landkreis Böblingen gleichsam amtlich bewiesen. Bis zur Einführung der Papiertonne mussten die Kreisbewohner ihr Altpapier in Containern entsorgen. Sofern sie dieses Gebot befolgten, verstießen etliche gleichzeitig gegen ein Verbot. „Die Container haben magisch anderen Müll angezogen“, sagt Wolfgang Bagin, der Chef der Abfallwirtschaft des Kreises. Seit 2001 ersetzen Tonnen sie. Danach ging die Menge des widerrechtlich entsorgten Abfalls deutlich zurück. Seit ein paar Jahren, das ärgert Bagin, steigt sie aber wieder.

Das Problem ist selbstredend kein lokales. Zu Beginn des vergangenen Jahres preschte die Landesregierung mit einem harten Bußgeldkatalog voran, begleitet von einem bundesweiten Medienecho. Seither kann im ehemaligen Land der Kehrwöchner schon ein ausgespucktes Kaugummi bis zu 250 Euro Strafe kosten. Bei Rotlicht über eine Kreuzung zu fahren ist 50 Euro billiger. Für die Entsorgung von Sondermüll wie Autobatterien oder scharfkantigen Gegenstände stehen bis zu 800 Euro im Katalog. Die Städte können, müssen ihre Strafen aber nicht den Vorgaben anpassen. Die Landeshauptstadt verlangt beispielsweise für eine weggeschnippte Zigarettenkippe immerhin 103,50 Euro – inklusive 28,50 Euro Verwaltungsgebühr. Die Überwachung obliegt ebenfalls allein den Kommunen. Bagins Mitarbeiter dürfen weder Strafen verhängen, noch Personalien kontrollieren.

Die Stadt Hannover hat ein eindrückliches Bild für die Müllberge gefunden

Im Schnitt wirft jeder Bewohner des Kreises Böblingen pro Jahr etwas mehr als ein Kilo Abfall auf die Straße oder in die Landschaft. In der Gesamtbilanz der Abfallwirtschaft ist dies eine rechnerische Petitesse. Aber dafür, was dieses Gewicht in Volumen bedeutet, hat die Stadt Hannover ein eindrückliches Bild gefunden. Allein mit den Kaffeebechern, die dort innerhalb eines Jahres eingesammelt werden, ließe sich der Rathausplatz einen Meter hoch bedecken. Der Platz ist beinahe so groß wie ein Amateur-Fußballfeld.

Achtlos hingeworfene Pappbehälter sind aber nur ein kleiner Teil des sogenannten wilden Mülls, den Bagins Beschäftigte irgendwo einsammeln. Bei der widerrechtlichen Entsorgung unterscheidet der Chef-Abfallwirtschafter fein in Unrat, für den er „kein Verständnis“ hat und solchen, für den er „gar kein Verständnis mehr“ hat. Mit ersterem meint er Hausmüll in Tüten, der wohl irgendwo abgestellt wird, um die Gebühren für weitere Mülltonnen zu sparen. Um sie loszuwerden, steuern die Abfallsünder bevorzugt Parkplätze im Wald an. Zweiteres ist Sondermüll, den offenkundig Unternehmer gezielt und im großen Maßstab entsorgen. „Anders als gewerblich ist das nicht mehr erklärbar“, sagt Bagin.

Selbst ein Schuttcontainer zählt zu den Funden

Einmal fanden seine Männer sogar einen Schuttcontainer auf dem Leonberger Häckselplatz, der nicht anders als mit einem Spezial-Lkw transportiert werden kann. Regelmäßig tragen sie Berge von Altreifen aus der Landschaft. „Das sind auch Maßstäbe, für die man einen Transporter oder Hänger braucht“, sagt Bagin. Dabei sparen die Werkstätten, aus denen der Sondermüll offenkundig stammt, nur Kleinbeträge. Die legale Entsorgung kostet ganze zwei Euro pro Reifen. Eingefleischte Müllsünder stoppt offenbar nicht einmal ein Nulltarif. Defekte Kühlschränke und Waschmaschinen zählen ebenfalls zu den Funden im Wald. Deren ehemalige Eigentümer hätten den Elektroschrott ebenso gut auf einen Wertstoffhof karren können. Für sie eröffnet Bagin eine dritte Kategorie der Verständnislosigkeit: „Das versteht ein Mensch mehr“, denn die Entsorgung von Elektrogeräten ist kostenlos.

Um nicht allein Härte zu demonstrieren, setzt das Land Baden-Württemberg zumindest auf seinen eigenen Liegenschaften zusätzlich auf Höflichkeit. Zuvorderst auf dem Stuttgarter Schlossplatz sollen Mülleimer aufgestellt werden, die sich für ordnungsgemäß entsorgten Abfall hörbar bedanken. Allerdings legt eine Langzeitstudie im Auftrag des Verbands kommunaler Unternehmen nahe, dass Etikette die Betroffenen auch nicht überzeugen wird. Demnach ist der typische Müllsünder zwischen 18 und 30 Jahre alt. Als Hauptmotive nennen die Studienmacher Faulheit und einen Mangel an Erziehung.