Illegale Fußballwetten in der Kreisliga A Warum kam keine Polizei, als beim FSV Deufringen ein Datenscout war?

Ertappt: Verantwortliche des FSV Deufringen machen von ihrem Hausrecht Gebrauch und sprechen für den Datenscout (re.) einen Platzverweis aus. Foto: Michael Schwartz

Ende April sorgte ein illegales Wettangebot in der Fußball-Kreisliga A, Staffel III, Stuttgart/Böblingen für Aufsehen. Der FSV Deufringen verwies einen Datenscout des Sportplatzes. Aber warum kam die alarmierte Polizei nicht zur Unterstützung?

An diesem Abend geriet die erste halbe Stunde des Fußballspiels auf dem Rasen fast zur Nebensache. Auf die Partie des FSV Deufringen gegen die SF Kayh in der Kreisliga A, Staffel III, Stuttgart/Böblingen konnte weltweit Geld gesetzt werden, und einige Verantwortliche des Gastgebers begaben sich abseits des Feldes auf die Suche nach dem sogenannten Datenscout, der die illegalen Wettanbieter mit Informationen vom Geschehen versorgte. Letztlich entdeckten sie ihn und verwiesen ihn des Sportgeländes, womit das verbotene Online-Angebot zusammenbrach.

 

Zu einem waschechten Krimi wie diesem gehört normalerweise auch die Polizei. Doch diese kam nicht, obwohl sie alarmiert worden war. Da stellte sich vielen die Frage: Warum blieb sie fern? „Bei diesem Sachverhalt war für den Posten in Maichingen ein Erfordernis zum sofortigen Einschreiten vor Ort nicht erkennbar“, antwortet Steffen Grabenstein von der Pressestelle des zuständigen Präsidiums in Ludwigsburg. Doch was wäre gewesen, wenn der Datenscout sich tätlich gegen seine Verbannung gewehrt hätte? „Von einer potenziell gefährlichen Situation auszugehen, wäre nicht sachgerecht. Konkrete Hinweise darauf lagen nicht vor“, betont Grabenstein.

„Das Aussprechen eines Stadionverbots oblag zunächst dem Verein und war im Endeffekt auch erfolgreich“, führt er weiter aus. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte durchaus eine Streife hinzugerufen werden können, nickt er. „Die Beamten werden dann die Identität der Person feststellen und einen amtlichen Platzverweis erteilen, um die Ordnung wiederherzustellen. Gegebenenfalls wird auch ein Ermittlungsverfahren wegen Hausfriedensbruchs eingeleitet“, erklärt Grabenstein. Diese Vorgehensweise entspreche einer Empfehlung des WFV an seine Klubs.

Ob ein Eingreifen erst bei einer kleineren Eskalation ausreichend ist, oder ob die Polizei hier von Grund auf unterstützen sollte, mag jeder für sich selbst beurteilen. Fakt ist allerdings, dass sich Datenscouts in einem Graubereich bewegen. Live-Ticker sind schließlich nicht verboten, und viel mehr machen sie bei genauerer Betrachtung eigentlich nicht. Illegal ist erst das, was aus den gesammelten Informationen gemacht wird. Die Firma, welche den Komplizen beauftragt hat, verkauft diese an Wettportale mit Sitz im Ausland – und die wiederum sind mit deutschem Recht gar nicht greifbar, erläutert Experte Thomas Melchior. Er fügt hinzu: „Es ist schwer, den Datenscout für das verantwortlich zu machen, was sein Auftraggeber treibt.“

Nun kennt er sehr wohl Beispiele, bei denen die Polizei eingeschritten ist. „Das kommt aber eher selten vor“, räumt er ein. Das liege an völlig unterschiedlichen Herangehensweisen an die Thematik. „Die Beamten wissen selten, wie sie sich verhalten sollen“, sagt Melchior. „Es fehlt einfach die gesetzliche Handhabe, um dagegen vorzugehen und den Datenscout für Beihilfe zu illegalem Glücksspiel zu belangen. Der weiß manchmal gar nicht, was mit seinen erhobenen Informationen angestellt wird, ist aber die entscheidende Person in dem ganzen Wettprozess und macht diesen erst möglich.“

Eine Lösung für dieses Problem? In den „Staatsvertrag zur Neuregulierung des Glücksspielwesens in Deutschland“ müsste aufgenommen werden, dass Datenscouts gar nicht erst Spiele im Amateurbereich besuchen dürfen, denn dann wäre schon deren Auftauchen strafbar. „Dafür wäre aber die Zustimmung aller Bundesländer nötig. Doch es gibt welche, die sich massiv dagegen sträuben“, schildert Melchior.

Mit manipulierten Fußballspielen kann auf dem Wettmarkt eine Menge Geld gemacht werden. Foto: Avanti

Es scheint ein Kampf gegen Windmühlen zu sein. Allerdings keinesfalls hoffnungslos, wie unter anderem ein Fall beim SV Bühlertal aus der Verbandsliga Südbaden beweist. Das persönliche Engagement eines Polizisten brachte die Causa des dortigen Datenscouts bis zur Staatsanwaltschaft. Vielleicht wäre das ja ein gutes Vorbild für die hiesige Region, denn: „Dieses Phänomen wird so schnell nicht verschwinden“, befürchtet Melchior.

Auch weitere Spiele im Bezirk Stuttgart/Böblingen waren betroffen

Er hat den Trend beobachtet, dass derzeit ohne Vorankündigung auf weitere Duelle in den untersten Spielklassen gewettet werden kann. Auch der Bezirk Stuttgart/Böblingen steht weiterhin im Fokus. FSV Deufringen gegen SF Kayh – das Spiel der zweiten Mannschaften in der Kreisliga B, Staffel VIII, war eine Woche zuvor ebenso betroffen gewesen – scheint lediglich der Anfang gewesen zu sein. Es folgten illegale Angebote für SpVgg Möhringen II gegen KV Plieningen II (Kreisliga B, Staffel I), SV Prag Stuttgart II gegen SG Weilimdorf II (Kreisliga B, Staffel V) und SV Prag Stuttgart gegen SG Weilimdorf (Kreisliga A, Staffel I).

Hintergrund

Datenscouts:
Sie erscheinen vor Ort, beobachten die Partie und versorgen die Wettanbieter laufend mit frischen Informationen, indem sie diese in ihr Handy eintippen. Wer erzielt den nächsten Treffer? Für wen gibt es einen Platzverweis? Wer bekommt Elfmeter? Spieler weltweit können neben Sieg, Unentschieden und Niederlage live auf Ereignisse wie diese setzen. Durch den Datenscout wird es erst möglich, zu sehen, welcher Tipp eintrifft. Wäre das Geschehen auf dem Feld manipuliert, könnte man so fett Kohle machen.

Illegale Wetten:
In Deutschland sind Fußballwetten im Amateurbereich verboten. Die Gefahr von Manipulationen ist laut Experte Thomas Melchior in den untersten Klassen besonders hoch. Freizeitfußball habe laut ihm rein gar nichts mit Geld zu tun, was es umso leichter mache, ein Spiel, auf das man gewettet hat, mit ein bisschen finanziellem Anreiz für Beteiligte in die eine oder andere Richtung zu lenken.

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