Kopfschüttelnd steht Boris Palmer vor einer der besprühten Wände in den Gassen der Tübinger Altstadt. „Wissen Sie, was damit gemeint ist?“, fragt er und zeigt auf eine Wand mit der Aufschrift „EMF Faschos“. Einen Mehrwert erkennt Palmer in diesem und den weiteren illegalen Graffitis nicht. Eine „Sauerei“ sei das, mit Kunst hätten die Schmierereien nichts zu tun. Der Tübinger Oberbürgermeister (parteilos) hat die Schnauze voll – das unterstreicht er auch durch seine Wortwahl: „Wer denkt sich so einen Scheiß aus?“
In Tübingen deutlich mehr Graffiti-Sachbeschädigungen als in Reutlingen
Über viele Jahre habe Tübingen versucht, die illegalen Graffitis einfach zu ignorieren. Die Sprayer sollten nicht die Aufmerksamkeit geschenkt bekommen, die sie mit ihren Werken erzeugen wollen. Bei vielen Tübingern habe ohnehin ein Gewöhnungseffekt eingesetzt – und Hausbesitzer in der Altstadt resignierten im Laufe der Zeit, weil Wände nach dem Überstreichen immer wieder besprüht wurden. Doch diejenigen, die nicht täglich in Tübingen unterwegs sind, hätten den OB immer wieder darauf angesprochen: „Ihr habt so eine schöne Stadt, aber warum ist hier alles voll gesprüht?“, zitiert Palmer.
In kaum einer anderen Stadt im Südwesten seien illegale Graffitis so verbreitet wie in Tübingen, sagt der OB, wenn er sich an Besuche in den anderen Teilen Baden-Württembergs erinnert. Doch auch in Ulm, Pforzheim oder Esslingen klagen sie über besprühte Wände. 257 Fälle von Sachbeschädigung durch Graffiti sind der Polizei aus dem Jahr 2023 in Tübingen bekannt. In der Nachbarstadt Reutlingen waren es im gleichen Zeitraum 154 Fälle. Den höchsten Wert der vergangenen fünf Jahre gab es in Tübingen 2020 mit 314 Fällen.
Ein Tübinger erhöht Belohnung auf 10 000 Euro
„Die Sprayer zu ignorieren, hat uns nicht davor bewahrt, dass es mehr wurde“, klagt Palmer. Ein regelrechter Wettbewerb sei unter den Graffiti-Sprayern entstanden. „Die haben sich angestachelt, es gab immer mehr Nachahmer“, sagt Palmer. Seit längerem aber stoßen sie zunehmend auf Gegenwehr aus dem Tübinger Rathaus: Boris Palmer sagt den Sprayern persönlich den Kampf an, in den Sozialen Medien hat er sie gar mal als Bastarde bezeichnet – eine Anspielung auf die viel gesprühte Botschaft „ACAB“ („All cops are bastards“). „Wenn Polizisten als Bastarde beschimpft werden, dann finde ich es legitim, wenn man die, die das sprühen, auch so bezeichnet“, rechtfertigt sich Palmer.
Dass er damit selbst Öl ins Feuer gießt, nimmt er in Kauf. Bald fanden sich die ersten „Boris“-Graffitis mit dem Hinweis auf Palmers Facebook-Post auf den Wänden in der Altstadt. An einem direkten Austausch mit der Sprayer-Szene hat der OB kein Interesse. „Ich halte sie für egoistische Idioten“, so Palmer. Auf der Jagd nach ihnen setzt er auch auf die Hinweise aus der Bevölkerung: 5000 Euro Belohnung gibt es, wenn es zur Verurteilung kommt. Beim speziellen Fall in der Platanenallee, wo ein bislang Unbekannter rund 40 Bäume besprüht hat, erhöhte ein Tübinger die Belohnung gar auf 10 000 Euro.
Die jährlichen Kosten für die Beseitigung von Graffitis im sechsstelligen Bereich
Nachts patrouilliert der Ordnungsdienst in der Altstadt. „Sieben Sprayer haben wir im letzten halben Jahr schon erwischt – und irgendwann geht ihnen der Nachschub aus“, ist sich Palmer sicher. Die Täter seien Männer, Einheimische, zwischen 20 und 30 Jahre alt. „Es geht darum, sie zu demotivieren“, sagt Palmer. Tübingen hat deshalb einen Maler engagiert, der sich um das Überstreichen der Graffitis kümmert. Die jährlichen Kosten für die Beseitigung belaufen sich insgesamt auf mehr als 100 000 Euro.
Offenbar gut investiertes Geld. „Allmählich beruhigt es sich“, sagt Palmer. Die Fortschritte seien gut sichtbar. „Machen Sie weiter so, Herr Palmer“, ruft ein Passant dem OB im Vorbeigehen zu. Ob er damit den Kampf gegen die Sprayer meint? Ungewiss. Aber Palmer ist sich sicher, dass ein Großteil der Tübinger seine harte Linie unterstützt.