„Im Blau“: Neues Album von Kaufmann Frust Sehnsucht, Älterwerden, Liebeszeugs

Kaufmann Frust bezeichnen ihr neues Album als „liebevoller“. Foto: /Verena Ecker

Kaufmann Frust kratzen und wüten nicht mehr. Auf „Im Blau“ klingt die Band aus Stuttgart und Berlin sanfter und leiser.

Einige Jahre wurden Kaufmann Frust als nächstes großes Szene-Ding aus Stuttgart gehandelt. Produziert von der Stuttgarter Tonkapazität Ralv Milberg, stilistisch dem dräuenden, flackernden Post-Punk ergeben, da dachte manch einer, die nächsten Nerven gefunden zu haben. Wäre vielleicht auch so gekommen, aber Kaufmann Frust haben von Anfang an ihr eigenes Tempo vorgelegt. Nach viel gelobten EPs kommt 2018 das bemerkenswerte Debüt „Aus Wachs“, ein Album, das sich die Dynamik aus sehr laut und sehr leise bei den Pixies abschaute und mit klugen deutschen Texten gefiel. Danach… lange nichts. Passt natürlich zur Monotonie und dieser bleiernen Lethargie, die aus den Lyrics sickert, ist aber eher Ausdruck einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswirklichkeit und somit zwangsläufig auch der eigenen Musik.

 

Mittlerweile wohnen nur noch Jan Breier und Matthias Fugel in Stuttgart; Oliver Hauber und Florian Stepper sind nach Berlin übergesiedelt. „Die Distanz hat unseren Alltag als Band schon sehr verändert“, sagt Fugel. „Während wir uns früher mehrmals wöchentlich sahen, müssen wir heute bereits Wochen vorher Zeiträume fix machen, in denen wir gemeinsam Musik machen.“

„Im Blau“ kündet dann auch von den Brüchen und Pausen im Leben, von großen Plänen, die in Rauch aufgehen. „Im Gegensatz zu ‚Aus Wachs‘ ist ‚Im Blau‘ keine Momentaufnahme einer sehr speziellen Zeit, als wir mit Mitte zwanzig alle in Stuttgart wohnten“, betont Stepper. „Es ist an vielen Stellen ein Blick zurück und bekommt dadurch etwas Autobiografisches.“ Vielleicht hat das ja die Musik sanfter gestaltet. Verschwunden sind das Kratzen und Wüten, was bleibt, ist ein lakonischer, elegischer Sound mit Anleihen an metallenen Post-Punk, irisierenden Wave und den Alternative Rock der Neunziger. „Wir sind etwas unaufgeregter geworden“, sagt Breier nickend. „Die Melancholie bleibt als Stimmung, das ist einfach so bei uns.“ Die Songs handeln von „Sehnsucht, Konfrontation mit dem Älterwerden und der Monotonie des Alltags, Liebeszeugs“, wie er beschreibt. „Da gibt’s schon eine große Verbindung zu dem ersten Album, aber es ist irgendwie liebevoller, weniger selbstzerstörerisch geworden: Da zerrt was an einem, aber man ist auch okay damit.“

Mehr Sehnsucht als Trauer, mehr Wehmut als Wut, so kann man „Im Blau“ zusammenfassen. Der Titeltrack steht programmatisch dafür, ein zart und leise beginnender, dann immer dringlicher werdender Song, der dezent an die Hamburger Schule erinnert. Entstanden ist „Im Blau“ in verschiedenen Studios, unter anderem wieder bei Ralv Milberg. „Bei Ralv haben wir 2014 angefangen und viel gelernt“, erzählt Florian Stepper. „Diesmal standen wir dort zu Beginn der finalen Aufnahmen wieder alle vier in einem Raum, haben Songs mitgebracht, die über zwei Jahre zwischen Stuttgart und Berlin entstanden sind.“ So schließt sich ein weiterer Kreis im Zyklus einer Band, die stets nach ihren eigenen Regeln operiert hat.

Im Blau/My Favorite Chords (Broken Silence)

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