Im Gefängnis Berlin-Plötzensee Kein Ort zum Besserwerden

Von  

Tage hinterm Zaun, die vergehen müssen: Viele Häftlinge im offenen Vollzug sitzen eine Geldstrafe ab. So auch vier der Ausbrecher von Berlin. Ein Haftbesuch.

Justizsenator Dirk Behrendt am Eingang des offenen Vollzuges in Berlin.Foto: imago stock&people

Berlin - Der Eingang zum Haus 4 der Justizvollzugsanstalt Plötzensee ist aus leichtem, grün gestrichenem Gitterzaun. Eine Tür, kein Tor, keine Mauer – und das ist Absicht. Im Haus 4 sitzen Leute, die vorher eine Menge nicht geschafft haben. Verbrochen haben sie eher weniger.

Offener Vollzug nennt das Gesetz diese Form der Haft, sie kommt für all jene infrage, die bald in die Gesellschaft zurückkehren. Das Ziel ist Wiedereingliederung. Im besten Fall gehen die Gefangenen morgens zur Arbeit und kommen Abends zurück, im schlechteren schlagen sie die Zeit tot. Bundesweit sitzen etwa 15 Prozent aller Gefangenen so in Haft. In Berlin gilt das zum ­Beispiel praktisch für alle, die eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen.

„Eigentlich haben diese Leute im Knast nichts zu suchen“, sagt der Gefängnisleiter Uwe Meyer-Odewald. Hier in diesem Flachbau sitzen die Männer, die kein Richter zu einer Haftstrafe verurteilt hat. Sie müssten eigentlich eine Geldstrafe bezahlen, oft nur geringe Tagessätze von fünf oder zehn Euro. „Sie sind oft nicht in der Lage, die Folgen ihres Handelns zu bedenken. Sie öffnen Briefumschläge mit Mahnungen nicht, werden säumig, haben Schulden, fahren schwarz, klauen im Supermarkt eine Flasche Whisky, werden dann zu einer Geldstrafe verurteilt, die sie nicht bezahlen. Weil sie nicht können oder nicht wollen oder überhaupt im Leben nicht sehr viel geregelt bekommen“, sagt Meyer-Odewald. Ein Drittel hier sind Schwarzfahrer.

Langeweile zwischen Bett und Tisch

An diesem Morgen drängen sich drei junge Männer mit Basecap, Tunnelohrringen und Kaffeebecher in der Hand an einem Fenster im zweiten Stock. Wach sind sie seit sechs Uhr, zu tun ist nicht viel. Wer Glück hat, ist um 6.30 Uhr in einen Gefängnisbetrieb abgerückt oder arbeitet draußen. Anderen bleibt Hausarbeit, den Linoleumboden wischen, die Gemeinschaftsklos putzen. Ansonsten Langeweile zwischen Bett und Tisch. An den Wänden hängen Fotos nackter Frauen, Handtücher trocknen an Wäscheleinen, ein Radio dudelt. Es riecht ­muffig, verraucht, schweißig.

Aber jetzt gibt es was zu sehen. Draußen stehen zwei Dutzend Journalisten, der Justizsenator Dirk Behrendt sagt was in die Mikrofone. Behrendt steht unter politischem Druck, die Opposition fordert seinen Rücktritt – kein Wunder, das Thema eignet sich für Aufregung. Die Hauptstadt hat gerade eine Serie von Gefängnisfluchten erlebt, neun Häftlinge in fünf Tagen. Das klingt nach Skandal. Wenn man allerdings anfängt, die Ereignisse genauer zu betrachten, zeigen sich Grauwerte im Schwarz-Weiß.

Angefangen hat die Serie mit einem richtigen Gefängnisausbruch, und zwar gegenüber von Haus 4 im geschlossenen Vollzug. Vier Häftlinge aus der Autowerkstatt der Anstalt schafften es – trotz Bewachung –, einen Trennschleifer und einen Hammer zu organisieren, in einen Heizraum einzudringen, einen Betontrennpfahl aus einem Lüftungsfenster wegzubrechen und sich durch den Schlitz zu zwängen. Die Männer sind keine Schwerverbrecher, aber Chorknaben sehen auch anders aus – verurteilt sind sie wegen Erpressung, Einbruchdiebstahls, Körperverletzung. Alarm wurde erst mit Verspätung ausgelöst. Die Kamera an dieser Stelle war kein Gerät, das sensibel auf jede Bewegung reagiert. Warum und welche Fehler noch gemacht wurden, das wird nun eine Kommission klären müssen. Ausbrüche wie dieser sind selten, der letzte geschah 2014. Ein Senator ist wegen eines solchen Ausbruchs nie zurückgetreten.

Ein Skandal mit vielen Grauwerten

Politische Dynamik entwickelten die aktuellen Ereignisse, weil kurz nach dem Ausbruch insgesamt fünf weitere Männer entwichen – und hier fängt es mit den Unterschieden an: Alle kamen hier aus dem offenen Vollzug. Vier kletterten hier aus den Fenstern und über den Zaun, einer kam nicht von der Arbeit zurück.

Wie kann das sein? Ist das eine Katastrophe? Was wird jetzt? „Kein schöner Jahresbeginn“ sei das gewesen, sagt der Senator in die Kameras. „Wir müssen besser werden.“ Er bedauere, dass der Eindruck entstanden sei, Gefangene könnten einfach rein- und rausgehen. Das stimme nicht. Inzwischen ist auch der Zaun am offenen Vollzug besser bewacht, das kostet Personal – Personal, das man nicht hat, der Spardruck hat Folgen. Im neuen Haushaltsplan stehen zwar 200 neue Stellen, aber die ­Leute müssen erst ausgebildet werden.

Und die Ausbrecher? Drei sind mittlerweile wieder da, genau wie einer aus der geschlossenen Haft. Alle hatten nur noch kurze Haftzeit vor sich. Sie könnten auch jetzt noch jeden Tag freikommen, sobald sie ihre Strafe bezahlt haben oder Raten vereinbaren oder arbeiten. „Schwitzen statt sitzen“, heißt ein Projekt, das der Staat selber mit sozialen Trägern anstrengt. Er hat ein Interesse daran. Denn ein Haftplatz kostet 130 Euro am Tag – weil jemand fünf Euro am Tag nicht bezahlt. „Daran sieht man schon, was das für ein Wahnsinn ist, dass diese Leute eigentlich überhaupt in Haft sitzen“, sagt der Anstaltsleiter. „Wenn die Bevölkerung nicht in Gefahr ist, ist das kaum zu rechtfertigen. Besser wäre es, das Geld in Schulen zu stecken.“