Freiberg - Der Freiberger Bürgermeister Dirk Schaible nahm bei der Sitzung des Gemeinderates am Dienstagabend Anleihe bei einer Geistesgröße: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Und Sie, was machen Sie?“, zitierte er den britischen Ökonomen, Politiker und Mathematiker John Maynard Keynes. Dieses Bonmot war für den Rathauschef der Aufhänger, die Diskussion über die Anzahl der Grundschulstandorte in der 16 000-Einwohner-Stadt noch einmal zu beleben.
Im Jahr 2016 hatte der Gemeinderat mehrheitlich beschlossen, die drei Grundschulen in den Ortsteilen Beihingen, Geisingen und Heutingsheim zugunsten einer zentralen Grundschule nebst Sporthalle im Kasteneckpark aufzugeben. Dagegen formierte sich eine „Bürgerinitiative zur Erhaltung der drei Grundschulorte“, die unter dem Schlagwort „Kurze Beine – kurze Wege“ einen Bürgerentscheid herbeiführte. Bei diesem votierten die Wähler mit großer Mehrheit gegen den zentralen Standort, sodass die drei Grundschulen erhalten blieben.
Flexible Betreuung angestrebt
„Wir haben den Beschluss damals respektiert“, erinnerte Schaible in der Gemeinderatssitzung. Rund eine Million Euro seien seitdem in Brandschutzmaßnahmen in den drei Schulen investiert worden. Gleichzeitig habe man an der Konzeption für einen Ganztagesbetrieb an der Schule gearbeitet, nachdem eine Umfrage bei den Eltern ergeben habe, dass der Wunsch danach groß sei. Ende vergangenen Jahres habe sich bei der Betrachtung der Kosten gezeigt, dass dies mit drei Grundschulen problematisch werde. Daher wolle man nun die Entscheidung erneut in die Hand der Bürger legen, ob sie eine neue, von der Stadt favorisierte Variante mit zwei Grundschulstandorten mitgehen oder bei drei Grundschulen bleiben wollen. Da die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiterhin ein großes Thema bleibe, wolle die Stadt eine Lösung mit flexibler Ganztags- oder Halbtagsbetreuung anbieten.
Die Variante mit zwei Standorten sieht an der Kasteneckschule (Heutingsheim) einen gemischten Halbtags- und Ganztagsbetrieb mit vier bis viereinhalb Zügen vor. An der Grünlandschule (Geisingen) soll ein zwei bis zweieinhalbzügiger Halbtagsbetrieb stattfinden – ob durch Erweiterung oder Abriss und Neubau ist offen. Die Flattichschule in Beihingen soll als Jugendmusikschule oder von Vereinen genutzt werden. In Zusammenarbeit mit einem Karlsruher Planungsbüro soll zudem ein Verkehrskonzept entwickelt werden, um die Schüler sicher zum Unterricht zu bringen und vor allem die an der Kasteneckschule zu erwartenden höheren Verkehrsströme zu lenken.
Die Stadt muss 20 Millionen investieren
Schaible hofft, dass die Diskussion über die beiden Varianten anders als 2016 „ohne Abwehrreflexe und persönliche Diffamierungen“ geführt wird. Denn unabhängig davon, welche Lösung sich am Ende durchsetzen werde, müsse die Stadt rund 20 Millionen Euro in die Hand nehmen.
Die Gemeinderäte erteilten der Verwaltung einstimmig den Auftrag, die Vorbereitungen für einen Bürgerentscheid am 26. September parallel zur Bundestagswahl voranzutreiben.
Eine Priorität für eine der beiden Lösungen war unter den Fraktionen in der Sitzung nur in Ansätzen zu erkennen. So erklärte Thomas Baum, die FDP halte aus finanziellen und pädagogischen Gründen eine zentrale Grundschule nach wie vor für die beste Lösung, spreche sich aber mit Bauchgrimmen für die zweitschlechteste Lösung mit zwei Standorten aus. Harald Schönbrodt (Offene Grüne Liste), 2016 einer der Initiatoren der Bürgerinitiative, monierte, die Stadt sei nach wie vor nur auf der Suche nach der billigsten Lösung. Mit der Aufwertung der Kasteneckschule zur Ganztagsschule gerate das Gleichgewicht zwischen den drei Grundschulen durcheinander. Nur elf Prozent der Grundschulen im Land liefen im Ganztagsbetrieb.
Steffen Rapp erklärte, in der CDU gebe es unterschiedliche Ansichten. Patrick Hirsch (Freie Wähler) meinte, die Zwei-Schul-Lösung sei ein gutes Konzept, drei Standorte aber auch keine schlechte Lösung. Christine Henkel (Unabhängige Liste Freiberg) und Sabine Geißer (SPD) hofften auf faire Diskussionen und transparente Verfahren.