Im Kino: Die „Avengers“ sind wieder da Captain America und Iron Man prallen aufeinander

Von Bernd Haasis 

Tragische Enthüllungen , alte Schuld, frische Rachegelüste und zerstörte Loyalitäten: Die Superhelden driften auseinander in einem exzellent inszenierten Effektspektakel mit dramatischer Tiefe. Etwa gleich große Gefolge scharen sich hinter Captain America alias Steve Rogers und Iron Man alias Tony Stark. Die lassen Batman und Superman als aussehen mit ihrer Fehde im aktuellen DC-Comics-Film, – dieser Punkt geht klar an Marvel.

So viele Superhelden wie noch nie: Anthony Mackie,  Paul Rudd, Jeremy Renner, Chris Evans, Elizabeth Olsen und  Sebastian Stan (v. r.) in „The First Avenger: Civil War“ Foto: Walt Disney Germany
So viele Superhelden wie noch nie: Anthony Mackie, Paul Rudd, Jeremy Renner, Chris Evans, Elizabeth Olsen und Sebastian Stan (v. r.) in „The First Avenger: Civil War“ Foto: Walt Disney Germany

Hollywood - Noch nie waren so viele Superhelden gleichzeitig zu sehen, und das auch noch im internen Machtkampf: Sie fliegen, kämpfen, springen, kollidieren, verfolgen einander, während die Effektabteilung um sie her Gebäude einstürzen und Dinge explodieren lässt – spektakulär. Die Rechenleistung muss gigantisch gewesen sein bei so viel paralleler Animation.

Doch es geht um viel mehr, alte Schuld, Intrigen, Loyalität. Die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely haben dem großem Unterhaltungskino der Partner Marvel und Disney viele Bedeutungsebenen eingezogen, und die Gebrüder Joe und Anthony Russo den komplexen Stoff mit Fingerspitzengefühl inszeniert durch alle Turbulenzen hindurch .

Schon gewöhnliche Menschen richten manch Unheil an, ungewöhnliche nicht selten Katastrophen. Die Avengers, Superhelden, wollen nur helfen, doch dann liegt wieder alles in Schutt und Asche. Den Trümmern folgen nun Konsequenzen: Die US-Regierung möchte, dass die ­Rächer sich freiwillig an eine sehr dicke Kette legen lassen.

Der Konflikt ist gut motiviert

Das führt zu einem überraschenden Zerwürfnis: Der Freigeist Iron Man alias Tony Stark, nie um einen lockeren Spruch verlegen, entscheidet sich für Kontrolle, der zunächst wie ein biederer Befehlsempfänger wirkende Captain America alias Steve Rogers dagegen treibt seine rebellische Verselbstständigung auf die Spitze. Das ist gut motiviert. Rogers möchte seinen eisenarmigen Weltkriegskameraden Bucky Barnes nicht preisgeben, obwohl dieser Terrorakte für zehn verübt hat. Stark wird sehr persönlich mit den destruktiven Folgen seines Handelns konfrontiert.

Den Konflikt der beiden hat Joss Whedon schon im ersten Avengers-Film (2012) angelegt, als der Tüftler, Milliardär und Flugrüstungs-Erfinder Stark den in patriotische Farben gehüllten Captain mit seinem Schild als Auslaufmodell brandmarkte, ehe sie doch zueinander fanden und gemeinsam die Welt retteten. Nun geraten die doch aneinander und lassen sie die DC-Comic-Helden Batman und Superman, die derzeit ebenfalls eine Fehde im Kino austragen, alt aussehen – dieser Punkt geht klar an Marvel.

Zwei gleich große Gefolge scharen sich hinter den Kontrahenten, die ein Drama von Shakespearschem Ausmaß ausfechten – Dank ihrer Superkräfte wie unter einem Vergrößerungsglas. Grundsätzliches wird da verhandelt, das Gewaltmonopol des Staates etwa oder die Grenzen von Freundschaft. Und die Frage, ob für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden kann, wer psychisch manipuliert und seiner Identität beraubt wurde.

Alle Superhelden testen ihre Grenzen

All das würde nicht funktionieren ohne ein Ensemble, das schrille Kostüme mit Würde zu tragen versteht. Chris Evans, äußerlich Typ Schwiegersohn, gibt Captain America Größe, indem er mal lächelnd Selbstironie ausspielt und mal offen zweifelt. Robert Downey Jr. hat als wankelmütiger Tony Stark schon fundamentale Krisen durchgestanden, etwa in „Iron Man III“. (2013). Im deutlich schwächeren Avengers-Film „Age of Ultron“ (2015) als Pandora-Büchsenöffner missbraucht, funkelt er nun wieder in all seinen Widersprüchen.

Scarlett Johansson betört als streitbare Black Widow, die immer Doppelagentin geblieben ist und nun zwischen die Fronten gerät. Don Cheadle als Iron-Man-Sidekick War Machine blickt fassungslos auf den Bruderkrieg. Paul Rudd als Ant-Man sorgt für herrlich kuriose Einlagen, Chadwick Boseman als Black Panther fährt die Stahlkrallen, Elizabeth Olson als telekinetisch begabte Wanda räumt manches beiseite.

Alle testen auf der Leinwand ihre Grenzen, und da ist es keine kleine Leistung, wie präsent Daniel Brühl als obskurer Bösewicht den Bürgerkrieg der Rächer anzettelt. Für die ist ganz entscheidend: Sie begegnen sich auf Augenhöhe. Der hammerschwingende Thor hat Pause, er hätte hier die Balance ebenso gestört wie der unkaputtbare, unberechenbare Wüterich Hulk.

Ein Android hält den Menschen den Spiegel vor

Eine Schüsselrolle kommt dem wundersamen Androiden namens Vision zu, den der wüste Ultron erschaffen hat. Er erforscht noch seine Möglichkeiten und erweist sich als einzige rationale Figur: Wie Mr. Spock oder Data in „Star Trek“ hält er den Menschen den Spiegel vor und erinnert sie an all die Regeln und Prinzipien, die sie permanent verletzen und missachten.

Erstaunlich, dass ausgerechnet Comic-Verfilmungen eine solche Tiefe entfalten in einer Zeit, in der viele Hollywood-Studios in seichten Gewässern nach Zuschauern ­fischen. Wer Superhelden-Filme prinzipiell belächelt, wird auch in diesem nicht viel finden (wollen); wer sich darauf einlässt, auf den warten dramatische Erzählkunst und raffinierte Charakterzeichnungen mit universellen Bezügen zum oft komplizierten menschlichen Dasein.