Im Kino: „Felix Krull“ Detlev Bucks Hochstapler-Spaß

Er kann jederzeit ein Lächeln anknipsen: Jannis Niewöhner als Hochstapler Felix Krull, dahinter Joachim Król als Professor Kuckuck. Foto: Bavaria/Thomas Kost

Detlev Bucks Kino-Verfilmung des Schelmenroman „Felix Krull“ feiert lustvoll die Hochstapelei – und die Sprachmacht des Autors Thomas Mann.

Stuttgart - „Ich hatte das Glück, Menschen zu gefallen, die sich als nicht einflusslos erwiesen“, sagt Felix Krull. Er arbeitet um das Jahr 1900 unter dem Pseudonym Armand in einem Pariser Luxushotel und ist gerade vom Liftboy zum Kellner befördert worden. Der Schauspieler Jannis Niewöhner, der jederzeit ein gewinnendes Lächeln anknipsen kann, bringt den Satz wie selbstverständlich über die Lippen. Man glaubt diesem Felix Krull, dem verarmten Sohn eines ruinierten Schaumweinfabrikanten, dass er den gesellschaftlichen Wiederaufstieg schaffen wird.

 

Die Welt möchte belogen werden – Menschen glauben lieber die Unwahrheit, wenn sich darin ihre Sehnsüchte spiegeln, als sich der schnöden Realität auszuliefern. Dieser Prämisse folgte der späte Thomas Mann, als er seinen letztlich unvollendeten Schelmenroman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1954) verfasste. Das Buch ist durchdrungen vom Geist des gewitzten Protagonisten, dem es gelingt, die Welt nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.

Daniel Kehlmann hat am Drehbuch mitgewirkt

Dieser Geist ist omnipräsent auch in Detlev Bucks aktueller Verfilmung, er stellt in schillernden Dialogen Manns erzählerische Magie ins Zentrum. „Ich versichere Ihnen, dass Einsamkeit im Reichtum sich viel besser anfühlt als Einsamkeit in der Armut“, erklärt Armand einer jungen Hotelbewohnerin, die treffend bemerkt: „Sie sagen immer so schöne Sachen.“ Als Co-Autor konnte Buck Daniel Kehlmann gewinnen – ein Literat hat also geholfen, das Werk eines Literaten in filmgerechte Form zu bringen, noch dazu einer, der die Hochstapelei in seinem Eulenspiegel-Roman „Tyll“ (2017) selbst auf bemerkenswerte Weise durchdringt.

Bucks Film ist großes Schauspielerkino. Niewöhner hat schon in der Hesse-Verfilmung „Narziss und Goldmund“ (2020) Charakter-Potenzial angedeutet. Er bringt die nötige Statur mit, kann Krulls Unverfrorenheit gut nuancieren, etwa wenn dieser bei der Musterung durch die kaiserliche Armee durchfällt. Dabei ist er ein eher zurückhaltender Schwindler. Er trägt weniger dick auf als der junge Horst Buchholz in Kurt Hoffmanns Verfilmung von 1957 oder Leonardo DiCaprio als Betrüger in Steven Spielbergs „Catch me if you can“ (2002). Im Vordergrund stehen die feinen psychologischen Tricks, mit denen Krull die Menschen für sich einnimmt: Er versetzt sich in sie hinein und manipuliert ihre Interessen dergestalt, dass nachher er selbst zum Nutznießer wird.

Maria Furtwängler als dominante Herrin

Liv Lisa Fries zeigt als Krulls Geliebte Zaza dieselbe entwaffnende Frische, die sie in „Babylon Berlin“ zur Entdeckung gemacht hat. David Kross passt in die Rolle des etwas naiven, zu ehrlichen Marquis von Venosta, von dem die mittellose Zaza sich aushalten lässt. Die „Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler brilliert als betuchte Madame Houpflé, der Felix im Tausch gegen Schmuck stets zu Diensten ist; doch die dominante Herrin verliebt sich bald in ihren „kühnen Knecht“. Nicholas Ofczarek macht aus dem Oberkellner Stanko einen charismatischen Wüstling, Martin Wuttke aus dem windigen Juwelier eine besonders schmierige Type.

Und Joachim Król als Professor Kuckuck referiert mit leuchtenden Augen Thomas Manns Worte: „Nur das Episodische erregt Sympathie. Ewig ist nur das Nichts, aus dem das Sein hervorgegangen ist zu seiner Last und Lust.“

Nun lebt das Kino nicht von Sprache und Schauspiel allein, sondern vor allem von großen Bildern. Buck setzt ganz auf das polierte Dekor einer überzeichneten historischen Szenerie, in der Colliers blitzen, Automobile knattern und die Hüte der Damen weit ausgreifen. Dabei geht er nicht so weit ins Artifizielle wie Wes Anderson in „Grand Budapest Hotel“, sondern wirft als Kontrast Blicke aufs Elend der Armen. Woran es aber vor allem mangelt, ist Bewegung. Szenenwechsel und Zeitsprünge sollen das wettmachen und stiften zunächst Unruhe, die sich bald legt.

Kurz offenbart sich das Liebesdreieck

Eine Montagesequenz in der Mitte zeigt Krull abwechselnd bei Madame Houpflé und Zaza, beim Hehler und beim Erpresser. Dazu singt wie eine Vorahnung Jacques Brel „Ne me quitte pas“ – „Verlass mich nicht“. Der Marquis und Felix tauschen die Rollen, Venosta möchte mit der nicht standesgemäßen Zaza in Ruhe urlauben, während Krull in seinem Namen auf die familiär verordnete Weltreise geht. Einen Wimpernschlag lang offenbart sich das Liebesdreieck – ein epischer Kinomoment.

Bald droht ein Monarch den Meisterspieler mit Schein und Sein zu enttarnen. Felix Krull aber nimmt ihn lächelnd für sich ein: „Majestät bemerken Veränderung, wo andere nur das Beständige an der trügerischen Oberfläche sehen.“ Bucks Film mag nicht die süffige Bildmacht von Dominik Grafs „Fabian“ haben – aber er ist stellenweise ein großes Vergnügen.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. D 2021. Regie: Detlev Buck. Mit Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries, Maria Furtwängler. 114 Minuten. Ab 12 Jahren.

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