Im Kino: „Licorice Pizza“ Alana Haim auf dem Weg zum Filmstar
Der Autorenfilmer Paul Thomas Anderson lässt sich mit seinen Hauptfiguren durch den Aufbruch der frühen 70er Jahre treiben in seiner aktuellen Kino-Komödie.
Der Autorenfilmer Paul Thomas Anderson lässt sich mit seinen Hauptfiguren durch den Aufbruch der frühen 70er Jahre treiben in seiner aktuellen Kino-Komödie.
Stuttgart - Wenn die Liebe hinfällt, wo sie nicht hinfallen darf, geraten die Betroffenen in ein existenzielles Dilemma. In Paul Thomas Andersons Kinofilm „Licorice Pizza“ sind das im Kalifornien des Jahres 1973 die 25-jährige Alana Kane (Alana Haim) und der 15-jährige Kinderstar Gary Valentine (Cooper Hoffman). Sie beginnen ein platonisches Verhältnis, Alana fungiert mitunter als „erwachsene Begleitperson“ – mehr ist unmöglich, denn im Umgang mit Minderjährigen drohen in den USA drakonische Strafen.
Anderson hat einen ungewöhnlichen dramaturgischen Ansatz gewählt: Er lässt seinen Film im Rhythmus der Hauptfiguren treiben, die jede für sich kein bisschen angekommen ist im Leben. Während Gary als Schauspieler ordentlich Geld verdient und einer permanenten Selbstüberschätzung aufsitzt, wohnt Alana noch bei ihren Eltern und hat bislang keine Vorstellung davon, was sie mit sich anfangen soll.
Also hilft sie eben Gary bei seinen spinnerten Geschäftsideen. Mal handelt er mit Wasserbetten, damals eine brandneue Erfindung, später setzt er auf die wiederkehrenden Flipperautomaten, die in L. A. von 1939 bis 1974 als „Glücksspiel“ verboten waren. Unterwegs verfangen sich die beiden in Eifersüchteleien. Als Alana genug davon hat, Teenager zu chauffieren und deren pubertären Flausen beizuwohnen, engagiert sie sich im Wahlkampfteam eines Lokalpolitikers.
Die Hauptdarsteller geben beide ihr Spielfilmdebüt, und beide sind auf sehr unterschiedliche Weise bereits prominent. Alana Haim wurde 2013 zum Popstar. Mit ihren Schwestern Danielle und Este, die in „Licorice Pizza“ ihre Filmschwestern spielen, betreibt sie die Band Haim. Cooper Hoffmann ist der Sohn des 2014 verstorbenen Philip Seymour Hoffman, dessen Karriere als Charakterdarsteller in Andersons Filmen „Boogie Nights“ (1997) und „Magnolia“ (1999) erst richtig in Gang kam.
Der Sprössling hat offenbar viel vom schauspielerischen Talent seines Vater geerbt, mit bravouröser Selbstverständlichkeit gibt er den vor Zuversicht strotzenden Frühreifen. Haim spielt die ziellose junge Frau mit einer Mischung aus zugewandter Neugier auf die Welt und einem eruptiven Naturell, wenn die Dinge nicht nach ihrem Kopf laufen. Es ist köstlich, wie Alana am Telefon einen Mann zum Kauf eines Wasserbetts verführt oder hemmungslos den Filmstar Jack Holden (Sean Penn) anhimmelt, nur um Gary zu reizen. Dieser wiederum imitiert gerne einen Mann von Welt, der bereits „seine Bar“ hat, in der er aber wegen des rigorosen Jugendschutzes – Alkohol jeglicher Art gibt es erst ab 21 – nur Cola trinken darf.
Haim und Hoffman sind wunderbar eigenwillige Entdeckungen, die Anderson schillernd in Szene setzt. Das Drehbuch hat er wie üblich selbst verfasst. Der „Los Angeles Times“ sagte er 2021, es basiere auf den Erinnerungen seines Freundes Gary Goetzman (69). Der war tatsächlich ein Kinderstar, trat in dem Film „Yours, Mine and Ours“ mit Lucille Ball auf sowie in der „Ed Sullivan Show“ und verkaufte tatsächlich Flipper und Wasserbetten – eines davon an den Prominentenfriseur und Produzenten Jon Peters.
Den verkörpert Bradley Cooper („A Star is born“) mit fein gestutztem Vollbart als cholerischen Narzissten. Er ist nicht der einzige Star, den der Filmemacher für eine Persiflage gewinnen konnte. Im Interview mit dem US-Magazin „Variety“ nannte Anderson als Inspirationen die Coming-of-Age-Kultfilme „American Graffiti“ (1973) und „Fast Times at Ridgemont High“ (1982). In letzterem spielte der junge Sean Penn die Hauptrolle, der nun als selbstverliebter Filmstar Jack Holden dem Draufgängertum seiner Jugend nachtrauert und nur in Zitaten aus seinen Filmen redet. Tom Waits („Short Cuts“) gibt einen großspurigen Zampano, Harriett Sansom Harris („Frasier“) eine durchtriebene Agentin, Skyler Gisondo („Booksmart“) einen ewig grinsenden Sonnyboy.
Andersons fängt den Zeitkolorit dieser speziellen amerikanischen Entertainment-Ära in einer sanften, gefühligen Komödie ein. In allem steckt die Liebe zum Detail, Frisuren, Großkragenhemden, Minikleidchen, fetten Autos, dem Straßenbild – begleitet von einem Soundtrack mit allem, was damals Rang und Namen hat: Sonny & Cher, Nina Simone, die Doors.
Anderson macht das große Versprechen von Freiheit und Aufbruch nachfühlbar, mit dem die Rebellion von 1968 die konservative Erstarrung der westlichen Gesellschaften aufgebrochen hat: Alles scheint auf einmal möglich. Phänomene wie Sexismus und Homophobie sind allerdings nicht einmal ansatzweise überwunden. Und die erste Ölpreiskrise, wie beiläufig eingebaut, signalisiert: Die Zeit der Unschuld wird nicht von langer Dauer sein.
Licorice Pizza. USA 2021. Regie: Paul Thomas Anderson. Mit Alana Haim, Cooper Hoffman. 133 Minuten. Ab 12 Jahren.