Im Kino: „The French Dispatch“ Wes Andersons Hommage an die Fabulierkunst
In der Kinofarce „The French Dispatch“ huldigt Wes Anderson großen Geschichtenerzählern mit einem Staraufgebot in Puppenhaus-Kulissen.
In der Kinofarce „The French Dispatch“ huldigt Wes Anderson großen Geschichtenerzählern mit einem Staraufgebot in Puppenhaus-Kulissen.
Stuttgart - Wes Anderson schwingt sich in seinen Filmen gerne auf Metaebenen, die ihm wichtiger sind als die eigentliche Handlung. In der Trickfilm-Satire „Isle of Dogs“ (2018) werden japanische Hunde auf eine Müllinsel verbannt, dabei sind nicht sie das Problem, sondern menschliche Maßlosigkeit. Die Farce „Grand Budapest Hotel“ (2014) spiegelt das Zwischenkriegseuropa Stefan Zweigs als Zuckerbäcker-Fantasie aus Pastellfarben und Alte-Welt-Romantik.
Auch in seiner Hommage an den Print-Journalismus blickt der Amerikaner auf Europa. Er hat das Magazin „The French Dispatch“ dem „New Yorker“ nachempfunden, den er liebt, und es als Ableger eines US-Blattes in den 60ern in der fiktiven französischen Stadt Ennui-sur-Blasé angesiedelt, die nicht so langweilig ist, wie ihr Name suggeriert. Gedreht hat er mit Starensemble im französischen Angoulême und in Babelsberg, und er übertrifft sich wieder einmal selbst mit seinen detailverliebten Puppenhaus-Kulissen.
Inhaltlich geht es Anderson weniger um journalistische Qualitäten als um Autoren und ihre individuelle Fabulierkunst. Owen Wilson als Reporter Herbsaint Sazerac mit Baskenmütze gelingt nie etwas anderes als Geschichten über Verbrechen und Laster, egal, was die Aufgabe war. Die Kunstkritikerin JKL Berensen (Tilda Swinton) preist die Gemälde des inhaftierten Mörders Moses Rosenthaler (Benicio del Toro), dem die strenge Aufseherin Simone (Léa Seydoux) Modell steht. Lucinda Krementz (Frances McDormand) begleitet die Studentenrevolte und verstrickt sich mit deren lokalen Anführer Zeffirelli (Timothee Chalamet). Roebuck Wrights (Jeffrey Wright) Geschichte über den Starkoch Nescafier kippt, als ein Kind entführt wird. Nachsichtig toleriert der Herausgeber Howitzer die Marotten seiner Autoren, Bill Murray nimmt sich hier zurück. Er ist Stammgast bei Anderson, mal als Held wie in „Die Tiefseetaucher“ (2004), mal in Kurzauftritten wie in „Darjeeling Limited“ (2007), wo er den Zug verpasst und mit ihm den Film.
Die vielen Stars tragen die Story mit großer Spiellust, auch diejenigen, die nur wenige Einstellungen haben wie Elisabeth Moss, Saoirse Ronan, Mathieu Amalric, Edward Norton, Willem Dafoe, Adrien Brody oder Christoph Waltz. Worum es im Detail geht, spielt letztlich keine Rolle in dieser unernsten Nummernrevue mit ihren verkünstelten Dialogen. Mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiß ruft Anderson dem Publikum zu: Es lebe die Eigenartigkeit, lasst sie uns feiern!
The French Dispatch. USA 2021. Regie: Wes Anderson. Mit Frances McDormand, Bill Murray. 103 Minuten. Ab 12 Jahren.