Die junge Regisseurin Chiara Fleischhacker hat mit ihrem Spielfilmdebüt „Vena“, das am Donnerstag ins Kino kommt, schon jetzt zahlreiche Preise gewonnen. Ein Gespräch über Abhängigkeit, Mutterschaft und Bilder, die nur selten auf der großen Leinwand zu sehen sind.
Ina Schäfer
27.11.2024 - 18:00 Uhr
Filmemacherin Chiara Fleischhacker hat mit „Vena“ ein einfühlsames Porträt einer jungen, schwangeren Frau geschaffen, die versucht, ihre Drogensucht zu überwinden und auch in Haft Verantwortung für ihr Ungeborenes zu übernehmen. Das Sozialdrama ist schon jetzt preisgekrönt.
Frau Fleischhacker, Ihr Film heißt „Vena“, abgeleitet von Vena umbilicalis, dem lateinischen Begriff für Nabelschnurvene. Weshalb?
Die Nabelschnur ist die engste Verbindung zweier Menschen, die versorgt, aber auch schädigen kann. Sie ist für meinen Film ein Sinnbild für die Abhängigkeiten, die wir im Leben haben, im Guten wie im Schlechten.
Ihre Protagonistin Jenny hat viele Abhängigkeiten. Sie konsumiert Drogen, obwohl sie schwanger ist. Sie ist mit einem Mann zusammen, der ihr nicht nur gut tut und letztlich muss sie eine Haftstraße absitzen. Wie kamen Sie an das Thema?
Ich habe während meines Studiums zwei Dokumentarfilme zum Thema Strafvollzug gedreht. Als ich schwanger wurde, habe ich mich das erste Mal auf Frauen in Haft fokussiert und mich gefragt, ob Schwangere eigentlich in Haft müssen und wenn ja, unter welchen Bedingungen.
Ihr Film hat starke dokumentarische Züge. Wie viel Recherche steckt in dem Stoff?
Ich habe ganz intensiv in allen Bereichen recherchiert, zum Thema Haft, aber auch zum Thema Sucht. Ich war in Gerichtsverhandlungen, in denen Frauen angehört wurden, ich habe mit ehemals Inhaftierten und Konsumierenden gesprochen.
Welche Rolle hat die Sucht in Ihren Recherchen eingenommen?
In den Gerichtsverhandlungen hat sich mir gezeigt, dass Sucht bei straffälligen Menschen oft eine große Rolle spielt. Und neben der Recherche sind auch meine persönlichen Erfahrungen mit Magersucht eingeflossen. Ich wollte erlebbar machen, wie eine Sucht gegen den eigenen Willen wirkt. Selbst wenn man weiß, wie destruktiv und zerstörend sie für einen selbst und im Falle des Films auch für das eigene Kind ist. Es ist eine Krankheit, die total mächtig ist.
Jenny (Emma Nova) und Bolle (Paul Wollin) versuchen von den Drogen los zu kommen. Foto: Neue Bioskop Film
Die Protagonistin will aber nicht nur wegen ihres Kindes aufhören zu konsumieren, sondern auch, weil sie sich selbst besser fühlen will.
Das war mir ganz, ganz wichtig. In Gesprächen mit Suchttherapeutinnen habe ich erfahren, dass die Frauen ihr Kind nicht als Rettung sehen dürfen. Natürlich ist die Geburt eines Kindes eine große Chance für Veränderungen, aber die sind nicht zwingend nachhaltig. Frauen müssen wirklich für sich entscheiden, dass sie sich gut fühlen wollen, dass sie sich selbst wertschätzen und sich sagen, ich möchte ein tolles Leben führen.
In ihrem Film scheitert Jenny mit ihrem Gesuch, einen Mutter-Kind-Platz in der Justizvollzugsanstalt zu bekommen. War das etwas, dem Sie in der Vorbereitung häufig begegnet sind?
Definitiv hat mich wahnsinnig irritiert, dass die Frage, ob man einen Mutter-Kind-Platz bekommt, manchmal auch einfach eine Frage von Glück oder Pech ist und dass es wirklich absurde Ausschlusskriterien gibt. Manchmal geht die Haft zu lange oder zu kurz, oder es gibt einfach zu wenig Plätze. Wenn Mütter und ihre Kinder nicht zusammenbleiben können, dann geht die Strafe weit über eine Freiheitsstrafe hinaus. Ich habe bis heute nicht begriffen, warum dieser essenzielle Moment zweier Menschen oder einer jungen Familie und diese Chance auf gesunde Bindung nicht gewährleistet wird.
Weshalb haben Sie sich entschlossen, nicht wieder einen Dokumentarfilm zu drehen?
Für mich war das dokumentarische Arbeiten immer sehr intensiv, weil sich mir viele Fragen zu Nähe und Distanz gestellt haben. Wie tief kann ich in ein Leben blicken und wie kann ich mich da auch wieder rausziehen, wenn man irgendwann eine wichtige Rolle für einen Menschen einnimmt? Das fiktive Arbeiten hat da eine Art Schutzebene geboten.
Die Ambivalenz von Nähe und Distanz spielt auch im Film eine Rolle. Viele möchten der Protagonistin helfen – sei es der soziale Dienst in Haft oder das Jugendamt – sie scheitern jedoch an ihren Arbeitsumständen. Erst Familienhebamme Marla überschreitet Grenzen und lässt sie in ihr Leben, um zu helfen.
Über Marla werden die Themen Nähe und Distanz verhandelt: Wie weit geht man? Was hilft wirklich? Und sie bringt ein wertfreies Miteinander mit. Sie gibt Jenny die Chance sich nicht schämen zu müssen. Scham ist ein ganz, ganz großer Punkt, der Menschen davon abhält, aktiv Hilfe zu suchen und anzunehmen.
Besonders ist vor allem, wie in „Vena“ die Geburt gezeigt wird. Sie ist selbstbestimmt, ruhig und komplikationslos. Und mit deutlichen Bildern dargestellt.
Ich wollte die Geburt authentisch zeigen. Ich war nach der Geburt meines Kindes irritiert, dass es nichts mit den klischeebeladenen Bildern, die man aus Filmen kennt, zu tun hat. Ich habe mich gefragt: Warum kenne ich die Bilder nicht? Warum weiß ich nichts von Vorwehen oder wie eine Plazenta aussieht? Mir war klar, dass es mir geholfen hätte, realistischere Bilder von Geburt zu kennen. Ich sehe darin wahnsinnig viel Schönheit, Komplexität und Faszination. Diese Komplexität zu zeigen, hat auch mit einer Wertschätzung gegenüber dem Frau- und Muttersein zu tun. In einer Vorführung war eine Hebamme, die im Anschluss zu mir sagte, sie hätte am liebsten geschrien vor Freude, dass die Geburt so gezeigt wurde.
Wie haben Sie die Geburt gefilmt?
Wir haben eine reale Geburt dokumentarisch begleitet. Und das war ein Riesenglück, dass die Frau genau in so einer in sich ruhenden Position entbunden hat.
Eine wichtige Rolle nehmen in der Szene die Hebammen ein, die man kaum sieht, aber deren bestärkende Worte immer wieder zu hören sind.
Ich habe den menschlichen Faktor unser Geburt sehr unterschätzt. Sobald sich jemand mir zugewendet hat und empathisch war, hat das sofort den Geburtsverlauf beeinflusst. Und gleichzeitig war Disharmonie im Kreißsaal wahnsinnig kontraproduktiv für die Geburt. Es war mir wichtig zu zeigen, wie wertvoll die Rolle von Hebammen ist.
Hat sich durch die Arbeit am Film ihre eigene Sicht auf Mutterschaft geändert?
Definitiv. Es gibt immer noch ein stark romantisiertes, mystifiziertes Bild von Müttern, gerade in Deutschland. Wir sind da noch sehr geprägt von der Propaganda und dem Mutterideal des Nationalsozialismus. Viele denken, man sei sofort nach Geburt voller Liebe und Erfüllung. Aber die ersten Tage fühlen sich so unterschiedlich an und es gibt viel Irritation, weil das gezeigte Bild von Mutterschaft so weit weg es ist von der Realität. Mein Ansinnen ist es, diese Verletzlichkeit und Unsicherheit zu zeigen. Bindung ist ein Prozess und hängt auch von der Situation ab, in der man sich befindet.
Sie haben den First Steps Award für den besten abendfüllenden Spielfilm gewonnen. In ihrer Rede sprachen Sie davon, dass die Filmbranche nicht für Alleinerziehende gemacht ist.
Die ganze Welt ist nicht für Alleinerziehende gemacht! Wir hatten aber vor allem beim Drehen wahnsinnige Schwierigkeiten, die definitiv auch mit meinem Muttersein zu tun hatten. Am Ende des Filmstudiums ist man in einem Alter, in dem man über Kinderwunsch nachdenkt – gleichzeitig möchte man mit einem Langspielfilm abschließen, um bessere Chancen zu haben, in der Branche Fuß zu fassen. Dafür muss man dann vier Jahre unbezahlt arbeiten, das ist rechnerisch gar nicht möglich mit einem Kind.
Wie haben Sie es dennoch geschafft?
Ich hatte ein Stipendium, um mir das finanzieren zu können. Außerdem haben wir in der Region gedreht, in der meine Tochter in der Betreuung war und wo meine Mutter bei der Betreuung unterstützen konnte. Für den Schnitt hatten wir einen wahnsinnig tollen Editor, der von Berlin nach Erfurt gependelt ist, wir hatten das Schnittbüro direkt unter meiner Wohnung eingerichtet. Da muss sich noch viel ändern. Bisher ist es eine sehr exklusive Branche, man muss es sich leisten können, darin zu arbeiten, man muss zeitlich, räumlich und auch finanziell flexibel sein.
Chiara Fleischhacker und ihr Filmdebüt „Vena“
Person Die Filmemacherin ist 1993 in Kassel geboren und lebt in Erfurt. Fleischhacker hat in Ludwigsburg Regie und Dokumentarfilm studiert. Für das Drehbuch zu ihrem Film hat sie den renommierten Thomas Strittmatter Preis gewonnen, außerdem wurde sie mit Nachwuchspreisen wie dem First Steps Award für den besten abendfüllenden Spielfilm, ausgezeichnet.
Film Jenny ist mit ihrem zweiten Kind schwanger und genau wie ihr Freund Bolle süchtig nach Chrystal Meth. Als auch noch eine Haftstrafe ansteht, versucht sie sich aus ihren Abhängigkeiten zu befreien und mithilfe der Familienhebamme Marla Verantwortung für ihr Ungeborenes zu übernehmen. Ab 28. November im Kino