Im Munitionslager im Kreis Böblingen Seit 75 Jahren den Bomben auf der Spur

Innenminister Strobl lässt sich von Spezialist Christoph Rottner den Rest einer in Mannheim entschärften Mine zeigen. Foto: Stefanie Schlecht

Seit 1946 entschärft der Kampfmittelbeseitigungsdienst explosives Material aus dem Boden. Im Munitionslager im Sindelfinger Wald würdigt Innenminister Strobl die Arbeit der Bombenräumer.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Kreis Böblingen - Idyllisch im Sindelfinger Wald, zwischen Tannen und Buchen und in Reichweite zu einem neugierigen Damhirschrudel liegt das Munitionslager des baden-württembergischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes. In der augenscheinlichen Waldidylle und Abgeschiedenheit lagern in Glasvitrinen ehemals tödliche Waffen aus den beiden Weltkriegen – Bomben und Granaten, die im Laufe der Jahrzehnte in Baden-Württemberg gefunden und erfolgreich entschärft wurden.

 

Nun feiert der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) 75-jähriges Bestehen. 1946 gegründet, um die gefährlichen Relikte aus dem gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieg und dem noch nicht mal 30 Jahre zurückliegenden Ersten Weltkrieg unschädlich zu machen. Heute blickt der KMBD auf Jahrzehnte zurück, in denen die Arbeit der Entschärfer immer professioneller und technologisierter, die Gefahren aber nicht geringer wurden, wie der Stuttgarter Regierungspräsident Wolfgang Reimer am Donnerstag anlässlich des Jubiläums betonte. Glücklicherweise habe es bei den Bombenentschärfern seit etwa 30 Jahren keine schweren Unfälle mehr gegeben.

Innenminister spricht Einsatzkräften Dank aus

Um den Kampfmittel-Räumspezialisten zu danken, erschien am Donnerstagvormittag auch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) im Stammsitz im Sindelfinger Wald. Der Innenminister verglich die Arbeit der Spezialisten etwas scherzhaft mit dem, was Spezialagenten in Hollywoodfilmen oftmals vollbringen, um die Welt vor großem Unheil zu bewahren: „Wir kennen alle die Filme, in denen die Agenten mit Schweißperlen auf der Stirn die Frage beantworten müssen: Roter oder grüner Draht? Währenddessen läuft die Uhr runter. Der Agent kann die Bombe aber entschärfen. Es gibt ein Happy End.“ Weit entfernt von solchen Filmszenen sei die tägliche Arbeit des Kampfmittelbeseitigungsdienstes schon deshalb nicht, weil auch bei ihnen „das Heldenhafte, das Mutige, das Aufopfernde gegeben ist“, sagt Strobl.

Etwa 850 bis 1000 Meldungen über explosive Munitionsfunde gehen jährlich landesweit ein. Dieses Aufkommen mache deutlich, wie „wichtig“ die Arbeit der Bombenentschärfer heutzutage ist, unterstreicht Strobl und fügt hinzu: „Zum Schutze unserer Bevölkerung setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel.“ Von rund 1,35 Millionen Tonnen Abwurfmaterial, das im Zweiten Weltkrieg auf das Gebiet des damaligen Deutschen Reiches herunterging, entfielen schätzungsweise 100 000 Tonnen auf Baden-Württemberg. Gut 15 Prozent dieses explosiven Materials schlummern noch in baden-württembergischen Böden. Aus diesem Grund passiert es regelmäßig, dass bei Bau- und Waldarbeiten, Grabungen oder bei Spaziergängen Kampfmittel gesichtet werden, die dann nach Evakuierungsmaßnahmen kontrolliert gesprengt werden.

Jahrelange Routine schlägt die Angst vor der Gefahr

Kommt es zu Bombenfunden, hat die Stunde der Kampfmittelbeseitiger wie Christoph Rottner geschlagen. Seit 27 Jahren werkelt er an Zündern, entschärft diese noch vor Ort oder bringt sie zur Vernichtung ins Munitionslager im Sindelfinger Wald. Erst vor wenigen Tagen gelang es ihm und seinen Kollegen, eine 30 Kilogramm-Treibmine im Rhein bei Mannheim unschädlich zu machen. „Am schwierigsten zu entschärfen sind chemische Langzeitzünder“, erklärt der ausgebildete Feuerwerker. Nicht immer enden solche Aktionen glimpflich, sagt Rottner. Zwar sei bei ihm bisher „alles gut gegangen“, Kollegen aus anderen Bundesländern sind in den vergangenen Jahren bei der Entschärfung von Sprengmaterial aber schon ums Leben gekommen.

Die Routine nach gut drei Jahrzehnten Granaten- und Minenentschärfung und die sich weiter entwickelnde Technik helfe Rottner und seinen Kollegen dabei, brenzlige Situationen unbeschadet zu überstehen. „Es gibt ein Risiko in diesem Beruf. Langweilig wird es nicht“, stellt der Feuerwerker fest. Weniger zufriedenstellend sei die Nachwuchsgewinnung: „Es ist schwierig, gutes Personal zu finden, das dabei bleibt. Man braucht schon einen Fimmel dafür.“

Eine ähnliche Faszination bringt auch Leiter Ralf Vendel mit, der Geburtstagsgast Thomas Strobl durch die beeindruckende und zugleich bedrückende Sammlung von Handgranaten und Brandbomben aus den beiden Weltkriegen und sogar Kanonenkugeln aus dem 17. Jahrhundert führt. Auch wenn die Kriege über 100 beziehungsweise über 75 Jahre her sind, dieser und den nachfolgenden Generationen von Kampfmittelbeseitigern stehen in Baden-Württemberg noch viele schweißtreibende und hochgefährliche Einsätze bevor.

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