Im Robert-Bosch-Krankenhaus wird auch mit Kunst geheilt Die Rückkehr ins Leben erleichtern

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Kunst kann auch heilende Wirkung haben – wie die Werke im Robert-Bosch-Krankenhaus beweisen. Das Stuttgarter Klinikum hat ein einzigartiges Konzept entwickelt.

Ein Stück Natur Uwe Schäfers Deckenmalerei im Ruheraum der ambulanten Chirurgie. Foto: RBK 5 Bilder
Ein Stück Natur Uwe Schäfers Deckenmalerei im Ruheraum der ambulanten Chirurgie. Foto: RBK

Stuttgart - Manchen fällt die Rückkehr ins Leben schwer. Selbst wenn Sie aus der Narkose erwacht sind, fehlt ihnen die Orientierung. Gerade ältere Patienten können nach einer Operation unruhig und verwirrt sein. Eigentlich sind jetzt Ärzte und Pfleger gefragt. Im Robert-Bosch-Krankenhaus hat man dagegen noch eine weitere, ungewöhnlich Strategie, um den Menschen, die frisch operiert sind, das Erwachen zu erleichtern: Der Schweizer Künstler Markus Weggenmann hat die Decken der Intensivstation mit sogenannten Cut Outs versehen, einfarbigen, schematisierten Blumen- und Pflanzenmotiven. Dezent zwar, aber doch präsent genug, um Assoziationen anzuregen. Der künstlerische Eingriff macht die Räume zwar auch wohnlicher, aber die Kunst hat vor allem eine medizinische Funktion: Patienten, die unter einer farbigen oder künstlerisch gestalteten Decke liegen, regenerieren sich schneller.

Heilende Umgebung heißt heute im Fachjargon, was man im Robert-Bosch-Krankenhaus vor zwanzig Jahren bereits intuitiv entwickelt hat. Lange bevor das Thema öffentlich verhandelt wurde, nutzte man in dem Stuttgarter Krankenhaus bereits konsequent Kunst, um den Patienten den Aufenthalt nicht nur so angenehm wie möglich zu machen, sondern auch die Genesung zu beschleunigen. „Krankenhäuser sind groß und anonym, das kann man nicht verhindern“, sagt Isabel Grüner. Sie ist die Kunstbeauftragte des Robert-Bosch-Krankenhauses und versucht, in der Klinik für die heilende Umgebung gezielt Kunstprojekte zu initiieren. Deshalb hat der Künstler Rupprecht Matthies auf die Wand gegenüber von der Aufzüge Begriffe geschrieben, die positiv belegt sind, wie etwa Zuwendung, Geborgenheit, gute Besserung. Ein einfacher Eingriff, von dem doch immer wieder Patienten berichten, dass er ihnen die erste Angst genommen habe.

Die Kunst hängt nicht nur in Bilderrahmen, sondern wird für die Räume konzipiert

In vielen Krankenhäusern hängt Kunst an den Wänden, allerdings meist Drucke. „Aber es ist viel lebendiger, wenn man ein Original vor Augen hat, eine Leinwand ist sinnlicher“, sagt Isabel Grüner. Das Besondere und bundesweit Einzigartige ist, dass die Arbeiten im Robert-Bosch-Krankenhaus fast alle direkt für die Räume entworfen wurden. Es gibt zwar auch klassische Gemälde im Rahmen, inzwischen wird aber nur noch in situ gearbeitet, das heißt, die Künstlerinnen und Künstler konzipieren gezielt Werke für bestimmte Räume und malen oft sogar direkt auf Decken und Wänden. Renate Wolff hat die Silhouette von Blättern von Apfel- oder Kirschbäumen auf Decken und Wände aufgebracht. Anna Ingerfurth hat dagegen für den Flur zum Bewegungsbad Figuren in Aktion entwickelt. Diese Gestalten in fröhlich gepunkteter Bekleidung scheinen Gymnastik zu machen – so genau lassen sich die ansprechenden, aber auch rätselhaften Szenen nicht deuten.

Kunst im Krankenhaus hat es nicht leicht. Sie muss auf die Gegebenheiten und Bedürfnisse der Patienten reagieren. Menschen mit Demenz sollten zum Beispiel von gegenständlichen Bildern umgeben sein, die klare Konturen besitzen. Landschaften werden von ihnen oft als wohltuend erlebt und können am ehesten Erinnerungen wachrufen, weshalb Susa Reinhart für die Unfallchirurgie dann ausnahmsweise doch ein klassisches Bild gemalt hat – als Vorlage diente eine Burg auf der schwäbischen Alb.

Künstlerinnen und Künstler sind Spezialisten für Farben und deren Wirkung

Wenn sich Künstlerinnen und Künstler auf den Kontext und die Anforderungen einlassen, können sie viel bewegen. „Sie sind Spezialisten für Farben“ sagt Isabel Gründer, „sie wissen, wie Farbe im Raum funktioniert, das ist ihr Metier“. Im Wartebereich der Gynäkologie hätten die Frauen häufig gefroren und mussten Decken ausgegeben werden. Seitdem die Wände altrosa gefärbt sind, herrscht eine angenehmere Atmosphäre, und es friert niemand mehr.

Im Wartebereich der Radiologie hat Hannes TrüjenWände und Decke mit Ornamenten versehen und mit Klebefolien in verschiedenen Farben. Auch die Schiebetüren, auf die Patienten meist starren, hat er in sein Raumkonzept einbezogen. „Warten ist das Anstrengendste im Krankenhaus“, sagt Grüner. Seitdem Kunst sie umgibt, seien die Patienten ruhiger, hätten die Ärzte festgestellt. Gerade auch auf der Intensivstation sei es wichtig, den Patienten optische Anreize zu geben, mit denen sie sich beschäftigen könnten. Wenn der Mensch keine Reize bekomme, werde er unruhig und fange an, sich selbst etwas auszudenken, so Grüner. „Das Gehirn braucht Anregung.“

Farbe bekommt Patienten besser als Schwarzweiß

Inzwischen gibt es auf allen Stationen und in sämtlichen Bereichen des Hauses Kunst am Bau. Pro Jahr kommen zwei bis drei neue Arbeiten hinzu. Meist sprechen die Künstlerinnen und Künstler mit den Mitarbeitern im Haus und versuchen sich erst einmal einzufühlen in die Abteilung, die Patienten und Nöte. Bei Kranken wie Mitarbeitern ist Farbe beliebt. „Schwarz-weiß ist etwas für fitte Leute, die aus dem satten Leben kommen“, sagt Grüner, aber Schwarzweiß passe nicht ins Krankenhaus. Deshalb hat Jörg Mandernach eine farbige Deckenmalerei in der Überwachungsstation angebracht. Sein Thema ist „Behüten, beschützen, bewahren“, was er mit Symbolen versinnbildlicht hat, mit einem Haus oder einem Hut, der durch die Luft fliegt.

In einem Krankenhaus ist man nicht nur mit der Verletzlichkeit des Menschen konfrontiert, sondern vieles ist auch ungewohnt, Gerüche und Geräusche, piepsende Geräte und Kunstlicht. Patienten nähmen die Umgebung viel stärker wahr, sagt Isabel Grüner, „ein kranker Mensch hat seinen Schutzpanzer verloren und ist angreifbarer.“ Im Robert-Bosch-Krankenhaus hat die Kunst die Atmosphäre wesentlich verändert. Das spüren die Patienten, weshalb Grüner auch immer wieder dankbare Kommentare bekommt. Die Patienten spüren, dass sich jemand auch auf diese Weise um ihr Wohlergehen kümmert. „Viele sagen auch“, so Grüner, „dass die Kunst ein Zeichen der Wertschätzung ist.“