Im Rollstuhl unterwegs Wie barrierefrei ist die Esslinger Altstadt?
Christian Lira ist auf den Rollstuhl angewiesen und setzt sich für ein barrierefreies Esslingen ein. Aus seiner Sicht läuft vieles gut, es gibt aber auch noch Luft nach oben.
Christian Lira ist auf den Rollstuhl angewiesen und setzt sich für ein barrierefreies Esslingen ein. Aus seiner Sicht läuft vieles gut, es gibt aber auch noch Luft nach oben.
Wie rollstuhlgerecht ist Esslingen? Auf die Frage hin, wie er die Innenstadt benoten würde, muss Christian Lira lange überlegen. „Das ist schwierig“, sagt der 39-Jährige, der seit rund zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die Meinungen in dieser Frage gingen sicherlich auseinander. Außerdem komme es sehr darauf an, welchen Bereich man meint, also geht es um die Infrastruktur, die Ausstattung von Cafés und Restaurants oder um den Einzelhandel. Wenn Lira aber versucht, auf das Gesamte zu blicken, wie gut er am öffentlichen Leben teilnehmen kann, sagt er: „Ich würde der Stadt die Schulnote Drei geben. Es ist im positiven Bereich.“
Lira engagiert sich vielfältig. Der Ingenieur betreibt nicht nur die Webseite „InklusivES“, einer Art Esslingen-Führer für Menschen mit Behinderung. Er ist auch Mitglied in der AG Barrierefreiheit, im Inklusionsbeirat der Stadt und im Mobilitätsausschuss. Dort setzt er sich für die Interessen von Esslingerinnen und Esslingern mit Handicap ein, damit sie bestmöglich am öffentlichen Leben teilhaben können. Und das betrifft viele Menschen. Rund 4,5 Millionen Deutsche haben laut dem Statistischen Bundesamt eine schwere körperliche Behinderung.
Wenn Christian Lira im Zentrum unterwegs ist, scheint er jede Hilfe und jede Problemstelle auswendig zu kennen. In der Bahnhofstraße zum Beispiel, wo sich ein Geschäft an das andere reiht, stehe er oft vor einer Hürde, die den meisten Passanten sicherlich nicht auffällt: Stufen. Vor vielen Geschäften in der Stadt gibt es sie, manchmal ist es nur eine, manchmal sind es sogar mehrere. Allein hat Lira keine Chance, in diese Läden zu gelangen. Dafür bräuchte es eine Rampe – und die findet sich nur selten. Er stellt aber auch klar: Es geht nicht darum, dass Menschen mit Handicap in jedes Geschäft gelangen, sie seien Kompromisse gewöhnt. Immerhin komme es auch vor, dass dies technisch gar nicht möglich ist. Außerdem erklärt Lira: „Man muss auch realistisch bleiben. Man kann den Einzelhändlern nicht sagen: Bau die Rampe ein, das wird dir Geld reinspülen.“ Das stimme einfach nicht. Für ihn zählt mehr die Geste, ihm geht es darum, ein Statement zu setzen.
Es gibt auch die andere Seite: Leute, die es nur gut meinen, aber die Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung überschätzen. Das zeigt sich vor einem Café, zwei Stufen führen zum Eingang hinauf. Sogleich bringt eine aufmerksame Mitarbeiterin eine faltbare Rampe herbei, allerdings ist der Winkel mit 20 Prozent zu steil. „Alleine komme ich da nicht hoch“, sagt Lira. Mit Hilfe klappt es dann. Es sei aber eine Frage des Könnens, der Kraft und auch, wie viel man sich selbst zutraut. Immerhin bergen steile Steigungen auch Sturzgefahr. Lira weiß die Bemühungen aber auch zu schätzen. Es sei sehr viel wert, wenn man keine Berührungsängste mit dem Thema hat und es einfach mal testet.
Vom Esslinger Marktplatz geht es weiter in Richtung Rathaus. Wo die beiden Plätze aufeinandertreffen, hebt sich ein schmaler Pfad im Kopfsteinpflaster farblich ab. Die Pflastersteine, die in einigen Teilen der Innenstadt als Straßenbelag dienen, seien sehr unangenehm für Menschen im Rollstuhl, sagt Lira. Man werde ganz schön durchgerüttelt. Bei manchen löst das Schmerzen und sogar Spastiken aus, erklärt der 39-Jährige. Deshalb hat die Stadtverwaltung in Absprache mit der AG Barrierefreiheit an einigen Stellen das Kopfsteinpflaster abschleifen und die Lücken zwischen den Steinen auffüllen lassen. Für Rollstuhlfahrer wie Lira ist das eine große Erleichterung.
„Generell ist die Stadt Esslingen sehr bemüht“, sagt Lira. „Es passiert etwas.“ So lobt er auch die Arbeit der städtischen Koordinierungsstelle Inklusion. Die Ansprechpartnerin dort ist Diana Rüdt. „Gerade in den letzten Jahren haben wir, besonders an den Hauptverbindungswegen, vielfältige Maßnahmen zur Barrierefreiheit in der Altstadt umgesetzt“, erklärt sie. Rüdt sieht aber noch Potenzial. „Das liegt auch an der denkmalgeschützten Altstadt Esslingens“, sagt sie. Im Zentrum gibt es einfach Grenzen, ergänz Lira, das liegt auch an der geografischen Lage. In Esslingen wurde auch die Zahl der barrierefreien Toiletten erhöht. Eine Übersicht, wo sich diese befinden, wo spezielle Straßenübergänge und Parkplätze sind, gibt es auf der Webseite der Stadt.
Was sich Christian Lira wünschen würde: bessere Bedingungen bei Veranstaltungen und Events. Dort mangele es teils an Sanitäreinrichtungen. Außerdem seien die meisten Bushaltestellen nicht rollstuhlgerecht. Rüdt verweist darauf, dass in den vergangenen Jahren einige Bushaltestellen wie am Neckarfreibad umgestaltet worden seien. „Um noch mehr Menschen zum Umstieg auf klimafreundliche Verkehrsmittel zu bewegen, werden innerhalb der nächsten Jahre eine ganze Reihe weiterer Bushaltestellen schrittweise barrierefrei ausgebaut.“
Christian Lira ist gerne Esslinger, er fühlt sich wohl in der Stadt. Das wichtigste Mittel, um auch Menschen mit Behinderung gerecht zu werden, seien Informationen. Aber oft fänden sich auf Webseiten keine Hinweise, ob zum Beispiel die Toilette eines Restaurants rollstuhlgerecht ist. „Es muss als Gesellschaft selbstverständlich werden, dass man solche Informationen überall findet“, sagt Lira. Und es sei auch völlig verständlich, wenn ein Geschäft nicht barrierefrei ist. Es sollte nur ersichtlich sein. „Wenn Esslingen sich bemüht, kann es auch noch die Note Zwei kriegen“, ist Lira überzeugt.