Im Stuttgarter Schauspiel: André Jung Der geborene Antiheld

Begnadeter Schauspieler: André Jung Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Den Theater-Oscar hat er schon zweimal gewonnen, verdient hat er ihn noch öfter: André Jung. Jetzt ist der Verwandlungskünstler im Stuttgarter Schauspiel zu sehen – in Shakespeares „Sturm“.

Wenn’s sein muss, spielt er den Hund. Und es musste sein in Thorsten Lensings „Karamasow“, dieser freien Dostojewski-Adaption mit der fantastischen Besetzung, als Gastspiel zu sehen 2015 in Stuttgart. Mit dabei: Ursina Lardi, Devid Striesow, Sebastian Blomberg und – als Bester und auf allen vieren unterwegs – André Jung. Wie ein Vorhang hingen ihm die Haare vor den Hundeaugen, seine Brauen zuckten, seine Pupillen rollten, seine Nasenflügel bebten, alles so feinnervig und subtil, dass man im Menschen nicht nur den Hund, sondern im Hund auch den Menschen sah. In kreatürlicher Unschuld verschmolz Jung die zoologischen Gattungen, auch in Melancholie und Komik, wenn er Pfoten und Schnauze auf die Schulter seines Herrn legte und lustvoll die Beine an ihm rieb. Wer der Schauspieler des Jahres sei, schrieb ein Kritiker, darüber mag man streiten, aber: „Der Hund des Jahres ist André Jung.“

 

Zum Schauspieler des Jahres wurde er vor diesem Kabinettstück schon gekürt, 1981 und 2002, und im engeren Kandidatenkreis für den deutschen Theater-Oscar findet man ihn eigentlich jedes Jahr. Regisseure, die den 1953 in Luxemburg geborenen André Jung für eine Inszenierung gewinnen, planschen im Glück. Zuschauer, die ihn auf der Bühne bewundern, auch. Alles, was einen Schauspieler zum Star macht, bringt er mit. Unbedingt. Nur eine Kleinigkeit fehlt Jung in einem schon erstaunlichen Maß: die Eitelkeit. Die Arroganz. Der Narzissmus. „Warum sollte ich mich um derlei kümmern?“, fragt er beim Gespräch im Theaterfoyer. „Warum? Das interessiert mich nicht. Spannend ist doch, wie sich Menschen am Rand der Lächerlichkeit bewegen und versuchen, nicht über den Rand zu kippen.“ Er selbst nimmt sich von dieser prekären Existenzform keineswegs aus. Auch er sei Teil der Tragikomödie, die das Leben schreibt, das wisse er.

Nicht das Leben, sondern Shakespeare ist der Verfasser des Stücks, das am Samstag im Schauspiel herauskommt: „Der Sturm“, das vorletzte, schon abschiedstrunkene Drama des elisabethanischen Meisters. Sein Alter Ego darin ist der vom 69-jährigen Jung verkörperte Prospero, der unrechtmäßig vom Thron gejagte, auf einer Insel in der Verbannung lebende Herzog von Mailand. Mit Zauberkraft macht er sich das Eiland untertan, doch als er nach Irrungen und Wirrungen den heimischen Thron wieder besteigen darf, zerbricht er seinen Zauberstab und schenkt den dienstbaren Geistern die Freiheit. Ende gut, alles gut? Und Prospero ein weiser, tugendhafter Regent?

Nun, als reinen, strahlenden Helden kann man sich den zerknitterten und zergrübelten, im Spiel auf alle Ornamente verzichtenden André Jung kaum vorstellen. „Ich möchte nicht spoilern“, sagt der geborene Antiheld, „aber es wäre zu einfach, an Prosperos Läuterung zu glauben. Er ist ein typischer älterer Mann, der viel erreichen will, alles andere ist ihm egal. Am Ende holt er sich den Thron zurück. Denn selbst wenn er von Liebe redet, geht es ihm um Rache.“ Jung sieht in Prospero einen Machtmenschen – und diese nie aus der Aktualität fallende Rolle traut man dem begnadeten Verwandlungskünstler ohne Einschränkungen zu.

Anders als aktuell und heutig kann man sich auch die gesamte Aufführung um Jung herum nicht vorstellen, Regie führt schließlich der Intendant Burkhard Kosminski selbst. Was immer man von seinen Arbeiten halten mag, eines sind sie nie: verzopft. Auch Kosminski haut Ornamente weg und sucht nach Glutkernen, genau wie sein Protagonist, wenn er sich ins Innere seiner Figuren wühlt. „Der Sturm“ ist mittlerweile die dritte Zusammenarbeit der beiden Theatermänner, die 2019 bei den Salzburger Festspielen mit den „Empörten“ von Theresia Walser begann. In Stuttgart folgte 2020 der Kunstparcours, mit dem Kosminski das während Corona stillgelegte Staatstheater reanimierte: „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“, wobei der poetische Titel des betörenden Rundgangs – als wär’s ein Zeichen – ausgerechnet Prosperos berühmtesten Vers zitierte. Traumhaft gab Jung damals eine Szene aus Becketts „Warten auf Godot“, zusammen mit Sylvana Krappatsch, die im „Sturm“ den Luftgeist Ariel spielt und im wahren Leben seine Partnerin ist. Wie fühlt sich das an, mit einem vertrauten Menschen auf der Bühne zu stehen? „Der Vorteil ist“, sagt André Jung, „dass man die Spielweise der Partnerin kennt. Der Nachteil: dass die Theaterarbeit zu Hause nahtlos weitergeht. Angeregte Diskussionen, bevor die Proben überhaupt begonnen haben.“ Schaden kann das nicht, schon gar nicht bei Shakespeare.

Der SturmPremiere am Samstag, 22. April, 19.30 Uhr. Restkarten eventuell an der Abendkasse. Weitere Termine am 26. und 28. April und im Mai.

Info

Stall
Aufgewachsen ist André Jung, 1953 in Luxemburg geboren, auf dem Gehöft seiner Großmutter. Als Kind sprach er Luxemburgisch und Französisch, Deutsch kam in der Grundschule dazu. Seine Schauspielausbildung erhielt er von 1973 bis 1976 an der Stuttgarter Hochschule, wo er von Peymanns Theater angefixt wurde und „drei unbeschwerte Jahre voller Drang, endlich loszufliegen“, verbrachte.

Fest
Seine wichtigsten Engagements führten Jung nach Basel, Hamburg, Zürich und München. Seit 2015 arbeitet er frei, ist häufiger als zuvor im Fernsehen und Kino zu sehen und erfreut – fast als Dauergast – bei den Salzburger Festspielen. In diesem Sommer spielt er dort unter der Regie von Karin Henkel in der Uraufführung von „Liebe (Amour)“ nach dem gleichnamigen Film von Michael Haneke.

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